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„Was sind Ihre Schwächen?“ Zwei Sorten von Fragen dominieren laut Karrierecoach Martin Wehrle viele Bewerbungsgespräche – die dummen und die saudummen.

Was im Vorstellungsgespräch gar nicht geht

Lange Wartezeiten, unverschämte Fragen, dreistes Auftreten – potenzielle Chefs benehmen sich im Vorstellungsgespräch oft daneben. Karriereberater Martin Wehrle schildert, was Bewerber so alles erdulden müssen – und verschenkt obendrein fünf Gratis-Karriereberatungen an unsere Leser.

Stellen Sie sich vor, Ihr Vorstellungsgespräch beginnt in drei Minuten. Aber Sie? Verspäten sich um 20 Minuten und murmeln dann: „Sorry, ich hatte noch eine wichtige Besprechung.“ Mindert das Ihre Chancen? Stellen Sie sich weiter vor, man hat Ihnen Unterlagen zur Vorbereitung geschickt. Aber Sie? Haben nichts davon studiert. Mindert das Ihre Chancen? Und nun werden Sie mitten im Vorstellungsgespräch von einem Anruf unterbrochen und verlassen für fünf Minuten den Raum. Mindert das Ihre Chancen?

Gute Nachricht: All das schadet Ihnen kein bisschen – falls Sie das Gespräch nicht als Bewerber, sondern als Personalverantwortlicher führen. Dass Vorstellungsgespräche mit großer Verspätung beginnen und Telefonate angenommen werden; dass Chefs zwischendurch den Raum verlassen, gähnen oder mit den Augen rollen; und dass niemand die Bewerbungsunterlagen studiert hat, weshalb sie jetzt alle Blicke anziehen: Das erleben Bewerber Tag für Tag.

Aber: Kommt ein Bewerber zu spät zum Vorstellungsgespräch, heißt es: „Wenn er nicht mal jetzt pünktlich ist, wie soll das erst im Alltag werden?“ Ebenso wird von ihm eine perfekte Vorbereitung erwartet, er soll die Historie der Firma aus dem Effeff kennen. Und würde er ein Telefonat während des Gespräches annehmen, wäre der Ofen aus.

Zwar reden die Firmen vom „Krieg um die Talente“ und „Employer Branding“, doch statt um Bewerber zu werben, praktizieren sie das alte Bettler-kommt-zum-König-Spiel. Viele Konzerne begrüßen Bewerber digital. Das Erste, was Sie von der Firma sehen, ist ein Standardformular. Und wehe, Sie drücken beim Abschicken den falschen Button, dann kommt Ihre Sendung niemals an – was keinen großen Unterschied macht, denn auch sonst kann sie als Spam enden. Etliche Firmen sichten nur noch jenen kleinen Teil ihrer Onlinebewerbungen, der definierte Schlüsselwortkombinationen enthält.

Wenn das Unternehmen ruft, muss der Bewerber springen

Da Gnade vor Recht ergeht, lädt die Firma am Ende doch einige Bewerber zur Audienz ein. Das Vorsortieren kann schon mal vier Wochen dauern. Aber dann – hopp, hopp! – muss alles ganz rasch gehen. Oft erfährt der Bewerber am Montag, dass er am Freitag im Vorstellungsgespräch erwartet wird. Wie soll er so kurzfristig Urlaub bekommen, ohne dass der aktuelle Chef Verdacht schöpft? Wer dann beim Vorstellungsgespräch auftaucht, fühlt sich wie im Polizeiverhör. Es fehlt nur noch der grelle Scheinwerfer, der ins Gesicht leuchtet. Aber dieser Effekt lässt sich auch mit Fragen erzielen. Zwei Sorten von Fragen dominieren viele Vorstellungsgespräche: die dummen und die saudummen. Der Klassiker einer dummen Frage ist (nicht) zufällig die häufigste Frage überhaupt: „Was sind Ihre Schwächen?“ Dumm ist diese Frage aus drei Gründen:

1. Sie zielt auf die Defizite eines Menschen. Aber Menschen werden eingestellt für das, was sie können – nie für das, was sie nicht können.

2. Diese Frage zwingt zum Lügen. Wer ehrlich antwortet – „Ich leide unter autoritärem Gehabe!“ – würde sich nackt machen.

3. Jeder Bewerber mit einem Hauch von Hirn hat die empfohlenen Antworten gelernt – vorgestanzte Fragen erzeugen vorgestanzte Antworten.

Saudumme Fragen, auch Stressfragen genannt, gehen noch einen Schritt weiter: Sie erzeugen Druck. Der Bewerber, Gast der Firma, wird mit dem Rücken an die Wand gepresst. Eine Bankkauffrau wurde gefragt: „Welches Tier wären Sie am liebsten?“ Gern hätte sie dem Personalleiter geantwortet: „Dasselbe wie Sie – ein dummer Esel.“ Aber sie sagte: „Ein Bär, der an der Börse die Kurse nach oben stemmt.“ Die Antwort schien ihr platt und peinlich – doch der Personalleiter machte ein zufriedenes Gesicht.

Zwischen respektloser Behandlung und Hobbypsychologie

Viele Bewerber werden nicht mit Respekt behandelt – sie müssen sich von Hobbypsychologen und Möchtegern-Detektiven in die Mangel nehmen und zum Beispiel nach den größten Fehlern ihres Lebens oder nach übler Nachrede durch andere befragen lassen. Dann beginnt das Warten auf Godot. Mal dauert es zwei Wochen, bis die Firma sich meldet, mal sechs, mal zwölf. Und mal – auch das kommt vor – warten Sie bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.

Doch immer öfter fällt die Entscheidung schon am Tag des Vorstellungsgespräches. Weil Bewerber, die schlecht behandelt wurden, von sich aus absagen. Nicht nur Firmen müssen sich für Bewerber entscheiden – sondern auch Bewerber für Firmen. Wer beim ersten Date unverschämt wird, darf nicht mit einer (Arbeits-)Beziehung rechnen.

Von Martin Wehrle