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Bauchgefühl: Eine Alleingeburt mag vielen Schwangeren beglückend erscheinen, gefährdet aber die Gesundheit von Mutter und Kind.

Warum Alleingeburten gefährlich sind

Alleingeburten sind ein hohes Risiko für Mutter und Kind. Darin sind sich Ärzte und Hebammen einig. Welche Gefahren drohen? Experten geben Auskunft.

Videos von Frauen, die allein an einem Bachlauf im Wald gebären, im eigenen Garten oder sogar im Meer. Blogs und Youtube-Kanäle werben dafür, ohne die Hilfe von Hebamme oder Arzt zu entbinden. Andere Schwangere kommentieren begeistert. Doch in den Beiträgen und Videos fehlt jeder Hinweis auf die Gefahren für Mutter und Kind. Dass Alleingeburten so idealisiert werden, hängt offenbar mit einem tiefen Misstrauen gegenüber der klassischen Geburtshilfe zusammen.

So klagen in den Alleingebärenden-Blogs viele Frauen über schlechte Erfahrungen, die sie in Geburtskliniken gemacht haben. Eine Frau schreibt dort, dass sie nach einem traumatischen Notkaiserschnitt nun ihr zweites Kind allein zur Welt bringen wolle. Die Blogbetreiberin, eine Verfechterin der Alleingeburt, spricht ihr Mut zu: „Ihr werdet das Kind schon schaukeln.“ Dabei ist die Alleingeburt gerade dann besonders riskant, wenn es vorher schon einmal zu Komplikationen kam.

Probleme in Geburtskliniken

Marina Kuss ist Hebamme in der Hebammenpraxis Oase in Mainz. Dass einige Frauen Vorbehalte gegen eine Geburt im Krankenhaus haben, kann sie zum Teil verstehen. Es gebe sicher viele gute Geburtskliniken, sagt sie. Aber es gebe eben auch Probleme in der klinischen Geburtshilfe: „Die Stationen sind mit zu wenig Hebammen besetzt, und die sind dann meist sehr gestresst. Das führt auch bei den Frauen zu Stress und Verunsicherung.“ Unter Anspannung hätten Gebärende stärkere Schmerzen und bekämen dadurch mehr Schmerzmittel verabreicht als eigentlich nötig, sagt Kuss. Wenn eine Geburt nicht schnell genug gehe, würden außerdem zu früh wehenfördernde Mittel verabreicht. „In der Klinik spielt Zeit immer eine Rolle“, sagt sie. Der natürliche Geburtsvorgang werde durch die unnötigen Eingriffe pathologisiert, findet die Hebamme – ein Argument, das auch viele Alleingebärende vorbringen.

Marina Kuss sagt allerdings auch: „Eine ganz normale Geburt muss nicht vom Arzt betreut werden. Ich würde es aber nicht ohne Hebamme machen. Das geht dann doch einen Schritt zu weit.“ Eine Hebamme wisse, wann sie eingreifen oder notfalls doch den Arzt rufen muss. Wer sich allein in den Wald begibt, hat diese Sicherheit nicht. „Ich kann das nicht nachvollziehen und finde es ehrlich gesagt fahrlässig. Es geht ja auch um das Kind“, sagt Kuss.

Geht es auch ohne Hebamme?

Verständlich sei, dass Frauen möglichst ungestört und in ihrem eigenen Rhythmus gebären wollen und zum Beispiel die Atmosphäre in einem Geburtshaus der Klinik vorziehen. „Frauen brauchen eine Umgebung, in der sie sich wohl und sicher fühlen, bei der Geburt geht man an seine Grenzen“, sagt die Hebamme. Ein Grund, sich in die Wildnis zurückzuziehen, sei das aber nicht: „Eine gute Hebamme begleitet eine Geburt, ohne zu stören.“ Kuss selbst hat früher als sogenannte Beleghebamme gearbeitet. Das sind Hebammen, die eine Frau während Schwangerschaft und Geburt einzeln betreuen – ein Angebot, das es aber nicht überall gibt.

Geburt als Happening

Sabine Berghof arbeitet als Oberärztin in der Frauenklinik des Katholischen Klinikums Mainz. Was denkt sie darüber, dass Frauen sich von der medizinischen Geburtshilfe abwenden? „Wir haben hier gut 2500 Geburten im Jahr und versuchen trotzdem, auf individuelle Wünsche einzugehen“, sagt Berghof. An manchen Tagen stünden dabei drei Hebammen für zwei Frauen zur Verfügung. Wenn aber überraschend 15 Frauen auf einmal entbinden, sehe es eben anders aus. „Natürlich wäre eine Eins-zu-eins-Betreuung ideal. Das wird Ihnen nur leider niemand finanzieren“, sagt die Gynäkologin.

Auf ihrer Station würden medizinische Maßnahmen nicht vorschnell ergriffen. Geburten werden ohnehin auch im Krankenhaus hauptsächlich von Hebammen begleitet. „Ich bin ja froh, wenn ich nicht eingreifen muss“, sagt Berghof. Wenn alles gut läuft, kommt der Arzt erst zum Schluss dazu. Die Basisüberwachung der Herztöne sei aber zum Beispiel wichtig.

Ein Problem sieht die Medizinerin auch darin, dass viele Frauen den Geburtsvorgang heute mit Erwartungen überfrachten: „Das Ganze soll einen regelrechten ‚Happening‘-Charakter haben. Wir als Ärzte hingegen sind dazu verpflichtet, das Nötige zu tun, damit Mutter und Kind die Klinik gesund wieder verlassen. Und dazu gehören manchmal auch Dinge, die nicht mit der Wunschvorstellung einer Entbindung vereinbar sind“, sagt Berghof: „Nicht jede Geburt läuft schön ab.“

Wenn Komplikationen auftreten

Wichtig sei, Frauen über die Notwendigkeit von medizinischen Eingriffen wie einem Dammschnitt oder über die Gabe von Medikamenten vorher aufzuklären. Manchmal bleibe dafür aber keine Zeit, etwa bei einem Notkaiserschnitt. Sie empfiehlt unzufriedenen Frauen, im Nachhinein das Gespräch mit den Ärzten zu suchen. Und die sollten spätestens dann erklären, warum die medizinischen Maßnahmen sinnvoll waren.

Berghof hat ihre zwei Kinder in der Klinik zur Welt gebracht. „Für den Fall der Fälle, dass etwas passiert. Es ging mir dabei nicht um mich, sondern um die Gesundheit der Babys“, sagt sie. Schließlich könne auch eine zunächst unauffällige Geburt jederzeit entgleisen. „Es kann zu Verletzungen und Blutungen kommen, ein Sauerstoffmangel während der Geburt kann zu schweren Behinderungen des Kindes führen.“ Dass sich Frauen zum Gebären allein in die Natur begeben, weil sie sich ein besonderes Erlebnis wünschen, findet Berghof daher egoistisch und verantwortungslos: „Auch das Kind hat schließlich das Recht auf ein gesundes Leben.“

Medizinische Hilfe im Notfall

Sie ist zwar offen für das Modell der Geburtshäuser oder unter Umständen sogar für betreute Hausgeburten – wichtig sei aber, dass medizinische Hilfe im Notfall schnell zur Stelle sei. „Steckt das Kind zum Beispiel mit den Schultern im Geburtskanal fest, haben Sie drei bis vier Minuten, um zu handeln“, betont sie. Es werde sicher viele Alleingeburten geben, bei denen alles gut gehe: „Aber die Frauen sollten sich bewusst sein, dass sie ihr Kind dabei auch verlieren oder ein krankes Baby zur Welt bringen können.“ Die Videos der glücklich Alleingebärenden bildeten nur Beispiele mit gutem Ausgang ab. Berghof sagt: „Von den Fällen, in denen es schiefgeht, werden Sie keine Internetvideos finden.“

Von Irene Habich