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Bundeskanzlerin Angela Merkel (3.v.l, CDU) mit Rita Süssmuth (CDU, l), Manuela Schwesig (SPD, 2.v.l), und Franziska Giffey (SPD, r) bei einem Fototermin anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Frauenwahlrechts in Deutschland.

100 Jahre Frauenwahlrecht: In diesen Ländern durften Frauen zuerst wählen

Das Wahlrecht für Frauen in Deutschland feiert in diesem Jahr 100-jähriges Bestehen. Der Weg dahin war mühsam – nicht nur in Deutschland. Ein zeitlicher Überblick über die Einführung des Frauenwahlrechts weltweit.

19. Januar 1919 – dieses historische Datum markiert den Tag, an dem Frauen in Deutschland das erste Mal wählen durften. Das Frauenwahlrecht jährt sich somit 2019 zum hundertsten Mal.

100 Jahre, das klingt erst einmal nach einer schönen, runden Zahl, nach einem Anlass zum Feiern – und das ist es auch.

Dass Frauen heute wählen können, empfinden viele zu Recht als Selbstverständlichkeit. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem Jubiläum allerdings ein langer Kampf für die Gleichberechtigung von Mann und Frau – und dieser ist auch heute noch nicht zu Ende. Grund genug, sich den mühsamen Weg des Frauenwahlrechts in Europa und anderen Teilen der Welt zu vergegenwärtigen.

Frauenwahlrecht in Europa

Die Einführung des Frauenwahlrechts in Europa lässt sich grob in drei Phasen einteilen: Die erste Phase reicht bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, die zweite bis zum Ende des Zweiten und die dritte Phase umfasst alle Länder, in denen das Wahlrecht für Frauen erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingeführt wurde.

Frauenwahlrecht in der ersten Phase

Als erstes europäisches Land führte Finnland, damals noch Teil des Russischen Reiches, 1906 das Wahlrecht für Frauen ein. Und zwar nicht nur das passive (Stimmabgabe) Wahlrecht, sondern auch das aktive (zur Wahl stehen). Somit konnten finnische Frauen ab Verabschiedung der neuen Landtagsordnung am 1. Juni 1906 auch ins Parlament gewählt werden.

Durch die Einführung des Frauenwahlrechts erfüllte das skandinavische Land eine Vorreiterrolle in Europa. Viele Staaten folgten dem Vorbild, trotzdem dauerte es noch sieben Jahre bis mit Norwegen das nächste Land Frauen den Urnengang erlaubte.

1915 folgte Dänemark, die Russland und die Niederlanden führten das Frauenwahlrecht im Jahr 1917 ein. Letztere allerdings zunächst nur das passive, das aktive folgte zwei Jahre darauf.

Im Zuge der Novemberrevolution führte die deutsche Reichsregierung das aktive und passive Wahlrecht für Frauen am 30. November 1918 ein. Bei der darauffolgenden Wahl der Deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919 konnten Frauen zum ersten Mal Gebrauch davon machen.

Mehr als 80 Prozent der wahlberechtigten Frauen gaben ihre Stimme ab, von den 300 Kandidatinnen zogen 37 in die Nationalversammlung ein. Eindruck hinterließen die frisch Gewählten nicht zuletzt auch wegen ihrer weißen Blusen, mit denen sie ins Parlament zogen und so den Einheitslook der Männer in schwarzen Anzügen auflockerten.

Frauenwahlrecht in der zweiten und dritten Phase

Auch in Polen, Österreich und dem Vereinigten Königreich erhielten Frauen das Wahlrecht im Jahr 1918. Vergleichsweise spät wurde das Frauenwahlrecht dagegen in Spanien (1931), Frankreich (1944), Italien (1946) und Belgien (1948) eingeführt. Auch Griechenland erlaubte Frauen im Jahr 1952 erst relativ spät den Zugang zu Wahlen.

Mit Abstand am spätesten konnten Frauen dagegen in Portugal, Liechtenstein und der Schweiz an Wahlen teilnehmen. 1971 wurde das Wahlrecht für Frauen per Volksabstimmung in der Schweiz eingeführt. 1974 folgte Portugal, Liechtenstein sogar erst zehn Jahre darauf, im Jahr 1984.

Noch später, wenn auch auf innerstaatlicher Ebene, folgte der schweizer Kanton Appenzell Innerrhoden: Dort wurde der weiblichen Bevölkerung das Stimmrecht bei kantonalen Angelegenheiten erst 1990, per Gerichtsbeschluss, zuteil.

Die folgende Liste bietet eine Übersicht über die Einführung des Frauenwahlrechts in einzelnen europäischen Staaten. Berücksichtigt wurde dabei jeweils das Jahr des offiziellen Beschlusses zur Einführung. Es wurden die modernen Länderbezeichnungen verwendet.

• 1906: Finnland

• 1913: Norwegen

• 1915: Dänemark, Island

• 1917: Russland, Niederlande (passives Wahlrecht), Estland

• 1918: Deutschland, Österreich, Vereinigtes Königreich, Polen, Luxemburg

• 1919: Niederlande (aktives Wahlrecht)

• 1920: Tschechien

• 1921: Schweden

• 1931: Spanien

• 1944: Frankreich

• 1945: Bulgarien, Ungarn, Slowenien

• 1946: Italien

• 1948: Belgien

• 1952: Griechenland

• 1971: Schweiz

• 1974: Portugal

• 1984: Liechtenstein

Frauenwahlrecht im Rest der Welt

Außerhalb Europas gab es einige Länder, die das Wahlrecht für Frauen schon früher einführten. In Neuseeland und Australien war man dem Mutterland in Großbritannien um einige Jahre voraus. Im Fall Neuseelands sogar stolze 25 Jahre. Kurz nach der Unabhängigkeitserklärung führten die Vereinigten Staaten von Amerika das passive Wahlrecht für Frauen bereits im Jahr 1788 ein. Wobei natürlich nicht nur hier bedacht werden muss, dass die indigene Bevölkerung von dem korrekterweise als „Wahlrecht für weiße Frauen“ zu bezeichnenden Recht ausgeschlossen war.

Auch in anderen Ländern brachte die Einführung des Wahlrechts für Frauen nicht automatisch die politische Gleichberechtigung für andere bis dato unterdrückte Bevölkerungsteile. Meist folgten noch Jahrzehnte der Diskriminierung. In Südafrika beispielsweise erhielten weiße Frauen das Wahlrecht bereits 1930. Indischstämmige Frauen dagegen erst 1984 und schwarze sogar erst zehn Jahre darauf, im Jahr 1994.

Hier ein Überblick darüber, wann das Frauenwahlrecht in anderen Teilen der Welt eingeführt wurde. Hinweis: Je nach Betrachtungsweise sind Abweichungen in den Jahreszahlen möglich.

• 1788: USA (passives Wahlrecht)

• 1893: Neuseeland (aktives Wahlrecht)

• 1910er: Australien, Kanada (aktives Wahlrecht), Neuseeland (passives Wahlrecht)

• 1920: USA (aktives Wahlrecht)

• 1930er: Brasilien, Türkei, Philippinen, Sri Lanka, Kuba, Usbekistan

• 1940er: Japan, Indonesien, Nordkorea, China, Mexiko (aktives Wahlrecht), Argentinien, Pakistan, Venezuela, Israel, Südkorea, Chile, Costa Rica

• 1950er: Indien, Mexiko (passives Wahlrecht), Ägypten, Tunesien, Haiti, Libanon, Honduras, Peru, Nicaragua, Kambodscha, Malaysia

• 1960er: Kanada (passives Wahlrecht), Algerien, Iran, Marokko, Libyen, Sudan, Botsuana, Lesotho

• 1970er: Bangladesh, Jordanien, Angola, Mosambik

• 1980er: Irak, Kuwait (1999 abgeschafft und 2005 wieder eingeführt), Namibia

• 1990er: Südafrika (eingeschränkt ab 1930 und 1984)

• 2000er: Bahrain, Oman

• 2011: Saudi-Arabien

In welchen Ländern haben Frauen noch kein Wahlrecht?

Wie die Frauenbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts sorgen auch heute noch Menschenrechtsorganisationen und verschiedene Aktivistengruppen dafür, dass Frauen auf der ganzen Welt gleichberechtigt an Wahlen teilnehmen können.

2011 führte Saudi-Arabien als letzte von der internationalen Gemeinschaft anerkannte Nation das Frauenwahlrecht ein. Auch wenn es damit kein Land mehr gibt, in dem Frauen gesetzlich von politischen Wahlen ausgeschlossen werden, bedeutet das nicht, dass Frauen überall auf der Welt auch Gebrauch von ihrem Recht machen können.

Das betrifft vor allem Länder, in denen patriarchale Machtstrukturen nach wie vor fest in der Gesellschaft verankert sind. Dort, wo strenge Verhaltensregeln und Gewalt ein selbstbestimmtes Leben von Frauen einschränken und gefährden, werden sie auch von der freien Ausübung ihres Wahlrechts abgehalten. So bleibt das Wahlrecht für Frauen auch 2019 noch keine Selbstverständlichkeit.

Mit Quellen aus http://archive.ipu.org/wmn-e/suffrage.htm

Von RND/pf