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Marienkäfer sind symbolische Glücksbringer.

Glücksforscher: „Wir müssen die Aufmerksamkeit für die guten Dinge schärfen“

Glückliche Menschen sind gesünder, leistungsfähiger und kreativer. Doch was macht glücklich? Forscher Karl-Heinz Ruckriegel erklärt, wie es um die wohl stärkste Emotion bestellt ist.

Karlheinz Ruckriegel ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Hochschule Nürnberg und Glücksforscher. Er geht der Frage nach, wovon Glück abhängt und wie man es erreichen kann. Wir haben zum Weltglückstag am 20. März mit ihm gesprochen.

Herr Ruckriegel, was hat Sie heute glücklich gemacht?

Es waren kleine Dinge, einige positive Gespräche. Ich habe Mitarbeitern von einer Krankenkasse die Erkenntnisse der Glücksforschung nähergebracht, daraus sind tolle Gespräche entstanden. Und auf der Rückfahrt war der Schaffner im Zug dann auch sehr freundlich.

Das reicht schon, um glücklich zu sein?

Ich unterscheide zwischen dem emotionalen Wohlbefinden und dem kognitiven. Bei Ersterem geht es um das Verhältnis zwischen positiven und negativen Gefühlen. Man sollte darauf acht geben, dass die positiven überwiegen. Als Faustregel gilt 3:1 im Tagesdurchschnitt: Auf jedes schlechtes Gefühl sollten mindestens drei Gute kommen. Das funktioniert aber nur, wenn Zweiteres stimmt, also der Grad der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben.

Wie erreiche ich den Schnitt von 3:1 an, sagen wir, schwierigen Tagen?

Das Problem ist, dass wir die negativen Erfahrungen stärker wahrnehmen als die positiven. Da können wir gar nichts für, das ist tief in uns verankert. Wir müssen uns also dazu bringen, die Aufmerksamkeit für die guten Dinge zu schärfen. Eine große Hilfe ist das Schreiben eines Dankbarkeitstagebuches. Wenn sie zwei bis drei Mal die Woche aufschreiben, wofür sie dankbar sind, prägt sich das ein und verändert ihre Sichtweisen – obwohl das Leben immer noch das gleiche ist. Punkt zwei ist, dass Sie sich Strategien aneignen müssen, um negative Gefühle auszublenden.

Aber negative Gefühle können einen doch auch wach rütteln.

Das stimmt. Sie sind sogar in vielen Fällen wichtig, um auf etwas aufmerksam zu werden und dies zu verändern. Da muss man unterscheiden. Ich meine die negativen Gefühle, die keinen Sinn ergeben. Etwa, wenn Sie im Stau stehen und sich aufregen. Das hilft nicht. Der löst sich dadurch nicht auf. Dann sollten Sie besser ein Buch lesen, gute Musik hören oder sich mit Ihrem Nachbarn unterhalten – damit können Sie die Gefühle dann auch umkehren. Alles in allem sollten Sie mit sich und Ihren negativen Gefühlen sorgsam umgehen, damit Sie keinen Tunnelblick entwickeln. Ich kann das inzwischen ganz gut, selbst wenn die Bahn wieder Verspätung hat.

Was spielt das kognitive Wohlbefinden für eine Rolle?

Das ist die Basis dafür, überhaupt positive Stimmungen wahrnehmen zu können. Dafür muss ich ein gewisses Maß an Lebenszufriedenheit aufweisen. Dabei findet eine Abwägung statt zwischen dem, was man will, und dem, was man hat. Dabei spielt weniger Geld, Schönheit und Popularität eine Rolle. Entscheidend sind vielmehr die Ziele, die sich Menschen setzen. Die sollten realistisch und sinnhaft sein.

Reicht ein Hobby oder Ehrenamt, bei dem ich mich wohl fühle?

Nicht, wenn mich meine berufliche Tätigkeit nicht überzeugt. Denn wenn ich acht Stunden am Tag abschreiben muss, weil mir die Arbeit nichts gibt, quäle ich mich auf Dauer zu sehr damit. Da hilft auch kein Hobby als Ausgleich.

Wie wichtig ist die Glücksforschung für die Ökonomie?

Die spielt eine immer größere Rolle. Bei den Unternehmen brennt langsam die Hütte: Wir haben eine extrem niedrige Arbeitslosenquote, vor allem bei Akademikern und gut ausgebildeten Menschen. Das heißt, das Führungskräfte gut auf das Wohlbefinden Ihrer Mitarbeiter achten sollten – sonst laufen ihnen die Leute weg und das geht richtig ins Geld. Zudem gilt: Glückliche Menschen sind gesünder, leistungsfähiger und kreativer.

Wie können Unternehmen für das Glück ihrer Mitarbeiter Sorge tragen?

Wichtig sind ein hohes Maß an Selbstverantwortung, Entwicklungsmöglichkeiten und vor allem auch, dass Mitarbeiter nach ihren Stärken eingesetzt werden. Wenn es aber einen hohen Krankenstand und eine hohe Fluktuation gibt, stimmt etwas nicht. Dann sollte man auch überlegen, ob die richtige Person in der Führungsrolle ist.

Von Sonja Fröhlich/RND