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Ein markiertes Schwein aufgenommen in Bohmte (Niedersachsen) in einem Schweinestall.

Labels zum Schutz von Tieren in der Mast sind ein „Armutszeugnis“

Bei „Hart aber Fair“ geht es um die Fleischfrage. CDU-Politiker Albert Stegemann wird für das geplante Tierwohl-Label der Bundesregierung verspottet. Fernsehköchin Sarah Wiener hält die Agrarpolitik für völlig fehlgeleitet. Und dem veganen Kraftsportweltmeister Patrick Baboumian bleibt kurz die Luft weg.

Während die Bundesregierung seit Jahren an einem Tierwohl-Label bastelt, ist die Wirtschaft ihr längst voraus. Die großen Supermarktketten haben jetzt ihr eigenes, freiwilliges Siegel eingeführt. Doch helfen die Etiketten überhaupt, damit es den Tieren im Stall besser geht? Bei Frank Plasberg heißt es also: „Die Fleisch-Frage: Mit hübschen Siegeln gegen schlechtes Gewissen?“

Das Thema

Mit ihrem Alleingang haben die Supermärkte die Bundesregierung alt aussehen lassen: Die großen Discounter Aldi, Lidl, Penny & Co. haben seit 1. April ein einheitliches Label auf Fleischprodukte eingeführt. Das „Haltungsform“-Kennzeichen soll Kunden darüber informieren, wie die Tiere vor ihrer Schlachtung gelebt haben. Dabei hatte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) gerade erst ihr neues, staatliches „Tierwohl“- Logo angekündigt, das 2020 endlich an den Start gehen soll. Ob allerdings solche Etiketten überhaupt helfen, die Haltungsbedingungen in den deutschen Mastställen zu verbessern, ist fragwürdig.

Die Gäste

Der agrarpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Albert Stegemann, ist der Buhmann in dieser Runde. Er muss Klöckners geplantes Label rechtfertigen. Acht Jahre habe es gedauert, bis die Bundesregierung mit dem Tierwohl-Label überhaupt aus dem Quark gekommen ist. Nun sei die Wirtschaft vorausgeprescht, hält ihm Moderator Frank Plasberg vor: „Das ist peinlich.“ Stegemann, der selbst Milchkühe hält, erklärt aufgeregt, fast schreiend, dass das staatliche Label aber doch „viel mehr kann“ und „viel transparenter“ sei. „Das ganze muss man als Chance begreifen“, sagt er, stößt damit aber auf wenig Zustimmung.

Investigativjournalist Manfred Karremann ist sichtlich unbeeindruckt von der Label-Diskussion. „Das ist ein Armutszeugnis von der Politik. So ein Label hat noch nie funktioniert“, sagt er. Karremann berichtet regelmäßig über Tiermast und Tiertransporte und hat viel Haarsträubendes zu erzählen. Er kenne nur einen einzigen Betrieb, der eine Kontrolle dafür eingerichtet hat, ob die Tiere tot sind, wenn sie geschlachtet werden. „Das ist in Deutschland nicht selbstverständlich.“

Tierwohl oder doch eher Tierleid?

Solche Missverhältnisse sind einer der Gründe, warum Patrick Baboumian Veganer geworden ist. Der Muskelmann ist Kraftsportler, dreifacher Weltmeister in seiner Disziplin – und das ganz ohne tierische Nahrung. Das staatliche Label sei Augenwischerei, kritisiert er, man dürfe es nicht als „Tierwohl“ kennzeichnen. Gemeint sei wohl eher „Tierleid“.

Und der Verbraucher? Der greift trotz allem Tierleid lieber zu den Billig-Produkten, wie eine ins Feld geführte Untersuchung zeigt. Fernsehköchin Sarah Wiener sieht die Verantwortung aber weniger bei den Kunden. Die Deutschen, sagt sie, würden von der Industrie regelrecht dazu verführt, „den ganzen Mist zu kaufen, den es in anderen Ländern nicht gibt“. Hierzulande werde derjenige von der Werbung als „deppert“ hingestellt, der mehr für seine Lebensmittel ausgebe als nötig, prangert die Österreicherin an. Und fordert: „Es ist Aufgabe der Politik, es den Menschen so einfach wie möglich zu machen, das richtige zu tun und das richtige zu fördern.“

Etwas Zuspruch erhält CDU-Politiker Stegemann dann doch noch. Von der Chefin eines Wurstwaren-Unternehmens. Sarah Dehm lobt, die Label machten „alles einfacher und übersichtlicher“. Ohnehin sei sie von der Kritik an der Fleischbranche einigermaßen genervt. „Wir müssen darüber hinwegkommen, die Leute, die nach Recht und Gesetz handeln, zu verurteilen.“ Dehm legt zuweilen einen fragwürdigen Aktionismus an den Tag. Etwa als es heißt, dass sich mittlerweile elf Prozent der Jugendlichen fleischfrei ernähren. Dehm daraufhin: „Wir müssen reagieren, solche Leute wieder einzufangen.“ Veganer Baboumian ringt daraufhin kurz um Fassung.

Das Duell des Abends

Kraftsportler Baboumian fordert die Politik auf, schlechte Haltung von Tieren höher zu besteuern. „Offenbar gibt es wohl so viele Verquickungen mit der Politik, dass man sich da nicht bewegen will“, vermutet er. Kräftiger Applaus. Stegemann knapp: „Dann verlagern die Betriebe ihre Produktion ins Ausland.“ Wiener: „Ach was. Wir dürfen nur Fleisch verkaufen, dass unserem Standard entspricht.“ Dehm: „Das funktioniert nicht.“ Wiener zur Schweinehaltung: „Natürlich funktioniert das. (…) Die arme Sau kann sich nicht einmal umdrehen. (…) Das ganze System ist grauenhaft und furchtbar.“

Der interessanteste Satz

Die Leser-Kommentare des Abends zielen zumeist auf mehr Tierschutz ab. So schreibt Michael Müller: „Die Leute haben den teuersten Grill, aber wollen ein Würstchen für 69 Cent grillen und an diesem Preis verdienen dann auch noch der Supermarkt, der Schlachthof und der Landwirt.“

Der krasseste Moment

Ein Film von Journalist Karremann wird eingeblendet. Er zeigt, wie ein Rind verladen wird – ein Kran zieht es bei lebendigem Leib an einem einzigen Bein in die Luft. So baumelt es eine gefühlte Ewigkeit. Das Bild ist einige Zeit hinter den Diskutanten zu sehen – eigentlich sagt es alles.

Der witzigste Satz

Kraftsportler Baboumian erklärt, wie er dreimal den Weltmeistertitel holte, und das als Veganer. „Hülsenfrüchte, Nüsse und Getreide – das ist alles, was es braucht.“ Moderator Plasberg grätscht rein: „Ähm. Frau Dehm guckt sie an wie ein Alien.“

Fazit

Das Thema war zu vielschichtig, um es auszudiskutieren. So richtig streiten wollte man sich nicht. Grundsätzlich herrschte, logisch, Einigkeit darüber, dass Tiere in den Mastbetrieben so wenig leiden sollen wie möglich. Alle (bis auf Stegemann) plädierten auch dafür, dass die Politik strenger über die Viehwirtschaft wachen muss. Dokumentarfilmer Manfred Karremann ging als Sieger des Abends hervor.

Als Plasberg fragte, bei wem der Talkgäste man denn leben wolle, wenn man selbst ein Schwein wäre, wollten alle zu ihm – selbst Stegemann.

Von Sonja Fröhlich/RND