Aktuell
Home | Nachrichten | Wissen | Nach einer Trennung befreundet bleiben: Geht das?
Getrennt, aber nicht entzweit? Damit Ex-Partner weiterhin gut miteinander auskommen, braucht es Klarheit auf allen Seiten. Experten sprechen vom „bewussten Entpaaren“. Quelle: baona/iStockphoto

Nach einer Trennung befreundet bleiben: Geht das?

„Lass uns Freunde bleiben“ – oft ist das nach einer Trennung nur ein nett gemeinter Spruch, manchmal aber ein ernster Wunsch. In der Theorie spricht einiges dafür: das Vertrauen, die gemeinsamen Freunde oder die gute Zeit zum Beispiel. Damit eine Freundschaft nach einer Beziehung funktioniert, raten Experten zum „bewussten Entpaaren“.

Hannover. Trennungen tun weh. Dem, der verlassen wird, naturgemäß etwas mehr als dem, der geht, aber kalt lässt es im Normalfall keinen der Beteiligten. Zur Trauer darüber, dass der gemeinsame Weg zu Ende ist, gesellen sich Wut oder Enttäuschung auf der einen, Schuldgefühle oder ein schlechtes Gewissen auf der anderen Seite. Nicht selten fällt dann der Satz: „Wir können ja Freunde bleiben.“

Befreundet bleiben oder Kontakt abbrechen?

Dass das Freundschaftsangebot nicht immer nur als billiger Trost gemeint ist, zeigt eine Statistik des Online-Portals Statista über das Verhältnis zum Ex-Partner: Immerhin ein Fünftel der Befragten ist mit der oder dem Ex gut befreundet. Allerdings gaben bei einer durch die Onlinepartnervermittlung eDarling durchgeführten Umfrage mehr als 60 Prozent der Teilnehmer an, nach einer Trennung den Kontakt in den sozialen Medien komplett abzubrechen. Ein Fünftel löscht demnach sogar die Telefonnummer der oder des Verflossenen.

Conscious Uncoupling: Eine Trennung bewusst erleben

Die Schauspielerin Gwyneth Paltrow und der Coldplay-Sänger Chris Martin gaben im März 2014 ihre Trennung bekannt. Diese Nachricht wäre eine von vielen geblieben und schnell in Vergessenheit geraten – wenn dabei nicht ein bis dahin in der Paarpsychologie weitestgehend unbekannter Begriff gefallen wäre: Conscious Uncoupling.

„Conscious Uncoupling bedeutet, sich bewusst zu trennen und dabei im Einklang mit sich selbst zu sein. Es ist ein Einzelcoaching, das hilft, eine Trennung für sich selbst gut, das heißt bewusst und achtsam, zu verarbeiten“, erklärt Annette Oschmann. Die Essenerin ist Mediatorin und Coach für das durch die amerikanische Ehetherapeutin Katherine Woodward Thomas entwickelte und zertifizierte Verfahren.

Beziehungsaus: Tut mir der Kontakt mit der/dem Ex gut?

Beim Conscious Uncoupling sei es jedoch nicht zwingend das Ziel, anschließend gut mit dem Ex auszukommen. „Conscious Uncoupling bedeutet nicht Freundschaft um jeden Preis“, stellt sie klar. Es gäbe durchaus Konstellationen, in denen vorzugsweise kein Kontakt mehr besteht. „Komplett getrennte Wege sollte man gehen, wenn der andere Mensch nicht gut ist für mich – etwa bei Persönlichkeitsstörungen wie zum Beispiel Narzissmus.“ Darüber hinaus sei Untreue in der Beziehung ein Grund. „Wenn ein Partner fremdgegangen ist und das zur Trennung geführt hat, ist zumindest am Anfang der Kontakt sehr schmerzhaft und verletzend, oft auch demütigend.“

Vor allem, so Oschmann, ginge es darum, den eigenen inneren Frieden wiederzufinden. „Wer wieder bei sich ist, hat Klarheit und kann entscheiden, welche Art des Umgangs er pflegen will. Das kann Freundschaft sein, das kann ein lockerer freundlicher Umgang sein, das kann aber auch keinerlei Kontakt mehr sein. Alles kann, nichts muss.“

Scheidung: Für das Wohl der Kinder auf Rosenkrieg verzichten

Wie schwierig der Umgang miteinander bei einer Trennung sein kann, weiß auch Till Kramer, seit knapp 17 Jahren Fachanwalt für Familienrecht in Hannover. „Meistens entstehen im Zuge einer Scheidung Konflikte um die Kinder, den Zugewinn, den Unterhalt. Wenn dabei Gefühle wie verletzter Stolz, Wut, Enttäuschung oder Rache im Spiel sind, können die Emotionen schon mal hochkochen.“ Dennoch erlebe er in seiner Kanzlei selten den klassischen Rosenkrieg: Mehr als die Hälfte seiner Mandanten, schätzt Kramer, schafft es am Ende, höflich und vernünftig mit dem Ex-Partner umzugehen. Damit das gelingt, seien die Eheleute gut beraten, das Wohl ihrer Kinder in den Mittelpunkt jeder einzelnen Entscheidung zu stellen. „Damit ergibt sich vieles, worum typischerweise gestritten wird, bereits von selbst.“ Außerdem würde sich der Familienanwalt mehr Empathie von vielen seiner Mandanten wünschen. „Oft fehlt die Bereitschaft, der anderen Seite in Ruhe zuzuhören.“

Weniger Konfliktpotenzial durch einen Ehevertrag

Ein Mittel, das bereits im Vorfeld das Konfliktpotenzial bei einer Scheidung drastisch reduziere, sei der Ehevertrag. „Noch immer ist es ein verschwindend kleiner Anteil der Paare, der sich dafür entscheidet. Aber wenn es dann zur Trennung kommt, sind die Betreffenden froh, die wichtigsten Dinge im Voraus geklärt zu haben.“ Vor allem für Unternehmer und Selbstständige, erklärt Kramer, sei ein Ehevertrag zu empfehlen.

Die berühmte zweite Chance: Alte Liebe neu aufflammen lassen

Es sei gar nicht so selten, erzählt der Familienanwalt, dass Mandanten bei ihm säßen, aber eigentlich hofften, die Ehe doch noch retten zu können. Etwa jedes zehnte Paar, schätzt er, versöhnt sich im Laufe des gesetzlich vorgeschriebenen Trennungsjahres. Unter den unverheirateten Paaren liegt der Anteil vermutlich noch höher. Eine Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov zeigte auf: Immerhin zwei von fünf Befragten haben schon mal die Wiederbelebung ihrer Beziehung gewagt.

Sex mit dem Ex kann für größeren Liebeskummer sorgen

Den berühmten „Sex mit dem Ex“ hat demnach jeder Vierte schon ausprobiert, bei etwa 2 Prozent der Getrennten läuft laut Statista noch regelmäßig was. Conscious-Uncoupling-Coach Annette Oschmann sieht das skeptisch. „Sex mit dem Ex ist meistens keine gute Idee. Denn oft leidet einer doch mehr als der andere. Für eine bewusste Trennung empfehle ich, erst einmal auch körperlich auf Abstand zu bleiben, also keine Umarmungen oder Freundschaftsküsschen. Ist die Trennung verarbeitet, ergibt sich das alles ganz natürlich wieder.“

Wer seinen Ex zurückwolle, so Oschmann, sei emotional noch bedürftig und habe die Trennung nicht überwunden. Erst, wenn das gelänge, sei eine Freundschaft möglich. „Sollte sich aber herausstellen, dass der andere auch noch mehr will – prima! Dann kann es einen bewussten Neustart geben: das Conscious Recoupling.“

Von RND/Juliane Moghimi