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Feinstaub entsteht bei Verbrennungsprozessen, zum Beispiel in Motoren von Autos.

Feinstaub: Unterschätztes Risiko für Herz und Gefäße

Spätestens seit den öffentlichen Diskussionen um Dieselfahrverbote und die Abschaltung von Braunkohlekraftwerken ist klar: Luftschadstoffe wie Stickstoffoxide und Feinstaub gelten als gesundheitsschädlich. Das Risiko für Herz und Gefäße sollte hierbei nicht unterschätzt werden, warnt die Deutsche Herzstiftung.

Hannover. „In Deutschland und den meisten Ländern Europas hat sich die Luftqualität in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert“, so das Umweltbundesamt. „Dennoch, gemessen an den geltenden Grenz- und Zielwerten für Luftschadstoffe, ist ein Level, bei dem nachteilige gesundheitliche Wirkungen nicht mehr vorkommen, noch nicht erreicht.“ Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt einen Grenzwert von zehn Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft als Vorgabe. Tatsächlich liegen die Grenzwerte für die Europäische Union derzeit aber bei durchschnittlich 25 Mikrogramm jährlich.

Feinstaubpartikel: Je kleiner, desto schädlicher

Die Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beziehen sich auf Feinstaub der Partikelgröße 2,5. Feinstaubpartikel teilt man ihrer Größe nach in Gruppen ein. „Je winziger die Teilchen sind, desto weiter können sie in den Körper vordringen“, erklärt die Deutsche Herzstiftung. Partikel, die kleiner als zehn Mikrometer sind, verbleiben größtenteils in den oberen Atemwegen. Sind sie, wie in den Grenzwerten, kleiner als 2,5 Mikrometer gelangen die Teilchen bis in die Lungenbläschen. Ultrafeinstaub hat einen Durchmesser von weniger als 0,1 Mikrometern und kann daher in den Blutkreislauf übertreten.

Hohe Feinstaubkonzentration verkürzt die Lebensdauer

Eine Feinstaubkonzentration von mehr als zehn Mikrogramm pro Kubikmeter Luft verkürzt nach Studienergebnissen des Projekts „Global Burden of Disease“ der WHO die durchschnittliche Lebensdauer um rund ein Jahr. Weltweit, schätzt die Fachzeitschrift „Lancet“ 2017, ist die Luftverschmutzung für etwa neun Millionen vorzeitige Todesfälle verantwortlich.

Dieselfahrverbote und Co.: Wie entsteht Feinstaub?

Unter dem Begriff Feinstaub wird der primär und sekundär gebildete Feinstaub zusammengefasst. „Primärer Feinstaub entsteht direkt an der Quelle, zum Beispiel bei Verbrennungsprozessen“, so das Umweltbundesamt. Darunter fallen also Partikel, die durch Motoren von Autos und Schiffen, Braunkohlekraftwerken oder das Abbrennen von Kerzen entstehen. Sekundärer Feinstaub hingegen entsteht laut der Behörde durch eine chemische Reaktion gasförmiger Vorläufersubstanzen. So reagiert zum Beispiel Stickstoffdioxid mit den Ammoniakemissionen aus der Intensivtierhaltung an der Luft zu Ammoniumnitrat. Auf diese Weise trägt auch die industrielle Landwirtschaft zur Feinstaubbelastung bei.

Was macht Feinstaub zum Risiko für Herz und Gefäße?

Das Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung steigt insbesondere durch den Ultrafeinstaub. Nach Inhalation durch das Lungenepithel, also den Lungenbläschen und den zuführenden Atemwegen, gehen die Partikel sofort in die Blutbahn und von dort aus in die Gefäßwand über. „Dadurch werden chronische Entzündungsprozesse ausgelöst und damit die Arteriosklerose begünstigt. Bei Menschen, die chronisch der Luftverschmutzung ausgesetzt sind, kann es zum vorzeitigen Ausbruch der Erkrankungen in den Gefäßen, die das Herz und das Gehirn versorgen, kommen. Folgen sind Herzinfarkte und Schlaganfälle“, erklärt Kardiologe und Pharmakologe Thomas Meinertz in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Herz heute“ der Deutschen Herzstiftung. Insbesondere ältere Patienten mit Herz- und Lungenerkrankungen sollten sich laut den Experten daher bei hoher Luftverschmutzung wenig außerhalb des Hauses aufhalten.

Dass Feinstaub ein ebenso großer Risikofaktor von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist wie die klassischen Faktoren, also hoher Blutdruck, Rauchen, Zuckerkrankheit und hohes LDL-Cholesterin, bestätigte 2019 eine Studie in der Fachzeitschrift „European Heart Journal“.

Experten fordern Absenkung der Feinstaubgrenzwerte

Das Gefährdungspotenzial von Feinstaub für die Gesundheit sehen auch das Umweltbundesamt und Wissenschaftler der Nationalen Akademie Leopoldina. Sie sehen eine Absenkung der Feinstaubgrenzwerte und eine „nachhaltige Verkehrswende“ als notwendig. Auch die Deutsche Herzstiftung hält schärfere Grenzwerte im Sinne des vorsorglichen Gesundheitsschutzes für erforderlich. „Saubere Luft ist ein hohes Gut: Je sauberer die Luft ist, desto seltener leiden die Menschen an Schlaganfällen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenkrebs oder Atemwegsproblemen. Das haben zahlreiche Studien gezeigt“, so Meinertz. Jetzt sei politisches Handeln notwendig.

Kann man sich vor einer Belastung mit Feinstaub schützen?

Vor einer Feinstaubbelastung kann man sich nur bedingt schützen. Wer auf das Auto oder Kreuzfahrten verzichtet, kann dazu beitragen, die Luftverschmutzung möglichst gering zu halten. Beim Kauf eines Neuwagens sollte auch der Schadstoffausstoß berücksichtigt werden: Antriebssysteme wie Elektroautos könnten eine Alternative sein. Außerdem könnte man sich teilweise schützen, indem man nicht an viel befahrenen Straßen oder in Hafengebieten joggen geht oder Rad fährt – denn bei sportlicher Aktivität atmet man häufiger ein. Daher gelangen mehr Feinstaubpartikel in die Lunge.

Besonders effektiv können Raucher ihre Feinstaub-Belastung senken, indem sie mit dem Rauchen aufhören: Jede Zigarette entspricht etwa einer Stunde intensivem Abgaskonsum.

Von Jessica Orlowicz/RND