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Das Weltall als Ressource für Rohstoffe, die der Mensch braucht – das ist schon bald keine Science-Fiction mehr. Quelle: Montage: RND

Goldrausch im All: Wenn die Erde nicht reicht

Die Rohstoffe auf der Erde gehen zur Neige. Auf dem Mond und anderen Himmelskörpern lagern Titan, Aluminium und Silizium. Das lockt einzelne Staaten und auch Privatfirmen. Doch haben Menschen das Recht, nun auch fremde Planeten auszubeuten?

Im Kalten Krieg kämpften die USA und die UdSSR um die militärische Vormachtstellung im All. Nun steht dort ein neuer Wettlauf an: Privatfirmen und Staaten haben es auf die Ausbeutung von Ressourcen im Orbit abgesehen.

Die USA planen derzeit neue Missionen zum Mond – und zwar nicht bloß zu Forschungszwecken: „Der Mond ist inzwischen auch wegen seiner Rohstoffe interessant“, sagt Michael Khan, Experte für Missionsanalyse beim European Space Operations Center (Esoc) in Darmstadt. Dazu zählten in Gestein gebundener Sauerstoff, Titan, Aluminium, Silizium und Eisen. Und die Amerikaner sind nicht die Einzigen, die sich für die Ressourcen des Weltraums interessieren.

Weltraumfabriken als Fernziel

So gründete der Kleinstaat Luxemburg 2018 eine eigene Weltraumagentur, um Firmen anzulocken, die auf Asteroiden Bergbau betreiben wollen. In Zukunft sollen Roboter im Orbit nach Kobalt oder Wolfram schürfen. „Auf vielen Asteroiden befindet sich außerdem reichlich Kohlenstoff und Wasserstoff, aus dem sich Treibstoff gewinnen lässt“, sagt Khan. „Dabei wird es sich vermutlich nicht lohnen, Rohstoffe aus dem All zur Erde zu bringen.“ Vielmehr könnten diese eines Tages in Weltraumfabriken genutzt werden, um neue Raumstationen zu bauen, aber auch, um für die Erde zu produzieren.

Man könnte damit auch Solarmodule herstellen, die Sonnenenergie aus dem Weltall umwandeln. „Zu unseren großen Problemen gehört es, umweltfreundlich Energie zu gewinnen“, sagt Khan. Sonnenenergie könnte im All effizient eingefangen und in einem Laserstrahl oder in Form von Mikrowellen zur Erde geschickt werden. Treibstoffgase würden dabei nicht in die Atmosphäre gelangen, ebenso wenig wie bei der Produktion in Weltraumfabriken.

Pläne für Solarstationen im All werden derzeit nicht nur von den USA, sondern auch von China, Japan und Russland vorangetrieben. „Wir stehen noch am Anfang der Entwicklung, technisch gibt es aber keine großen Hindernisse mehr“, sagt Khan. So sei es heute einfacher denn je, große Lasten – also auch Material für den Aufbau von Fabriken – ins All zu transportieren. Sehen konnte das jeder, als Unternehmer Elon Musk im 2018 sein Elektro-Kabrio medienwirksam in den Orbit schoss, um die Leistungsfähigkeit der neuen Weltraumrakete zu demonstrieren.

Bedürfnisse der wachsenden Weltbevölkerung erfüllen

Die Vision, nach der Erde weitere Planeten auszuschlachten, kann man erschreckend finden. Khan sieht das anders: „Die Umwelt, die es zu schützen gilt, das ist für mich die irdische Biosphäre.“ Wenn das durch Weltraumfabriken gelingen könne, sehe er darin kein Problem. „Wie sollen wir sonst die Bedürfnisse der wachsenden Weltbevölkerung erfüllen?“

Doch es gibt auch kritische Stimmen. So warnten der Astrophysiker Martin Elvis und der Philosoph Tony Milligan vor Kurzem im Fachmagazin „Acta Astronautica“ vor den Folgen eines Raubbaus im Weltraum. Sie schlagen unter anderem vor, einen Canyon auf dem Mars zum Naturschutzgebiet zu erklären – noch bevor jemals ein Mensch einen Fuß auf den Planeten gesetzt hat.

Haben wir das Recht, die Ressourcen weiterer Himmelskörper auszubeuten? Für Weltraumingenieur Khan ist die Antwort klar: „Sie gehören uns, uns allen Menschen.“

„Es kann kein staatliches Eigentum im Weltraum geben“

Genau darin liegt aber das Pro­blem, sagt Stephan Hobe, Direktor des Instituts für Luftrecht, Weltraumrecht und Cyberrecht der Universität Köln. Momentan versuchten einzelne Länder, allen voran die USA, sich ihr eigenes Stück am Kuchen zu sichern. „Es kann aber kein staatliches Eigentum im Weltraum geben“, sagt Hobe. „Auch wenn die Amerikaner dort ihre Flaggen gehisst haben, macht das den Mond nicht zu ihrem 51. Bundesstaat.“

Als einzelnes Land den Abbau von Rohstoffen im All zu planen sei ein klarer Verstoß gegen den internationalen Weltraumvertrag von 1967, den 110 Staaten ratifiziert haben, auch die USA. So ist darin eindeutig festgelegt, dass die Nutzung des Weltraums nur „zum Vorteil und im Interesse aller Länder“ erfolgen darf. Das heißt: Eine Ressourcenausbeutung im All ist nur dann rechtens, wenn davon alle Menschen profitieren, auch in den ärmsten Ländern Asiens und Afrikas. „Der Weltraum einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper unterliegt keiner nationalen Aneignung“, heißt es im Weltraumvertrag.

Internationale Nutzungsordnung fürs All?

„Wenn nun die USA und Luxemburg nationale Gesetze erlassen, die privaten Firmen den Rohstoffabbau im Weltraum ermöglichen sollen, ist das völlig abwegig und ein klarer Bruch mit dem internationalen Recht“, sagt Hobe. Er plädiert für eine internationale Nutzungsordnung. „Man müsste zeitnah eine Behörde gründen, die Lizenzen für die Nutzung des Weltraums vergibt.“ Durch Verträge müsse sichergestellt werden, dass von den Erlösen alle Länder profitieren – auch die, die sich keine eigene Weltraumtechnik leisten können. Ein Vorbild könnte die Meeresbodenbehörde sein, die die Nutzung von Bodenschätzen am Grund der Tiefsee regeln soll. Diese wurden ebenfalls als gemeinsames Erbe der Menschheit eingestuft.

Eine solche Behörde könnte Regeln aufstellen, um zu verhindern, dass der Rohstoffabbau im All ausufert. „Man könnte festlegen, dass der irreversible Abbau von Ressourcen im Weltraum nur erfolgt, wenn damit auf der Erde größerer Schaden abgewendet werden kann“, sagt Hobe. Nationale Alleingänge müssten bis dahin untersagt werden. Hobe hofft, dass Deutschland und andere Staaten dagegen Einspruch erheben, bevor die ersten Kobalt- oder Siliziumminen im All entstehen und so Fakten geschaffen werden. „Die Ressourcennutzung im Weltraum zum Wohle aller ist möglich“, sagt er. „Aber wir müssen bald handeln.“

Irene Habich/RND

Von Irene Habich/RND