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Einen Embryo nach bestimmten Merkmalen auszuwählen, ist nach heutigen Erkenntnissen bei multifaktoriell vererbten Merkmalen nicht einfach so möglich, meinen die Forscher.

Genetischer Baukasten: Designer-Babys bleiben Zukunftsmusik

Werkzeuge, die das genetische Erbgut präzise verändern gibt es schon. Doch ein Kind nach elterlichen Wünschen entstehen zu lassen? Scheint nach moderner Gendiagnostik auch möglich. Wie seriös ist das Vorgehen? Das haben israelische Wissenschaftler nun in einem Gedankenexperiment überprüft.

Hannover. Die Forschung zur Genom-Editierung befindet sich in einer stetigen Weiterentwicklung. Erst kürzlich haben US-Forscher eine neue Methode entwickelt, mit der sich theoretisch fast 90 Prozent aller genetischen Veränderungen, die Krankheiten verursachen, korrigieren lassen – das so genannte Prime Editing macht es möglich.

Immer wieder gibt es auch gendiagnostische Entwicklungen, die viel weiter gehen: Etwa, ein Baby nach den Wünschen der Eltern zu designen. Erste Firmen bieten angeblich solche Dienste an, einen Embryo nach bestimmten Merkmalen wie IQ-Wert oder Körpergröße auszuwählen. Doch wie weit ist die seriöse Forschung, was die Vorhersage dieser sogenannten multifaktoriellen Eigenschaften angeht? In einem Gedankenexperiment, welches jetzt im Fachjournal „Cell“ beschrieben ist, haben israelische Wissenschaftler versucht, versucht, das herauszufinden.

Realität: Embryos nicht einfach selektierbar

Filmliebhaber dürften sich dabei sofort an den dystopischen Science-Fiction-Film „Gattaca“ erinnert fühlen. Mittels Gentechnik einen gesunden Embryo auswählen und dem menschlichen Erbgut Informationen wie zu geistigen und physischen Fähigkeiten sowie zur durchschnittlichen Lebenserwartung entnehmen. Was im Film kompliziert aussieht, ist laut den israelischen Wissenschaftlern auch in Wahrheit sehr schwierig.

Immerhin spielen hier eine Vielzahl von Genen zusammen, um ein Merkmal zu bestimmen – teilweise sind noch nicht einmal alle genetischen Varianten bekannt, die zur Merkmalsausprägung beitragen. Einen Embryo nach bestimmten Merkmalen wie Körpergröße, Sportlichkeit oder Intelligenz auszuwählen, ist nach heutigen Erkenntnissen bei multifaktoriell vererbten Merkmalen nicht einfach so möglich, meinen die Forscher deshalb.

Experiment: Limitation in Vorhersage von Merkmalen

Die Wissenschaftler stellten sich die Frage, inwieweit ist es wirklich möglich, mithilfe von „Polygenic Scores“, Embryonen anhand diverser Merkmale auszuwählen. Der Polygenic Score ist ein statistischer Wert, der sich aus der Summe aller verbreiteten genetischen Varianten errechnet, die zur Entstehung einer Krankheit oder eines erblichen Merkmals beitragen, wie der Biochemiker Volker Henn auf dem „Zellstoff-Blog“ schreibt.

Bei dem Gedankenexperiment wurden Genomdaten von 102 jüdischen Paaren mit Aschkenasischer Herkunft und knapp 1000 griechischen Männern verwendet. Zunächst kombinierten die Forscher fiktiv das Erbgut sowohl von echten Paaren als auch von zufällig zusammengestellten, um pro Paar zehn hypothetische Embryogenome zu entwerfen. Danach sagten sie für jeden Embryo Größe und IQ-Wert hervor.

Dabei wurde der Embryo mit dem „besten“ Erscheinungsbild mit dem Durchschnitt aller zehn eines Paares verglichen – die Forscher stellten fest, dass selbst bei der Auswahl der erwünschten künstlich befruchteten Embryonen höchstens eine IQ-Steigerung um 2,5 Punkte und eine Größenveränderung um etwa 2,5 Zentimeter möglich wäre.

Anerkennung aus Deutschland: Methode wird gelobt

Damit zeigen die Wissenschaftler, dass es eine Begrenzung gibt für die Vorhersagbarkeit von multifaktoriellen Merkmalen eines Embryos. „Die angewandte Methodik dieses Gedankenexperiments in der Studie ist gut nachvollziehbar und die Argumente sind plausibel“, findet André Reis, Direktor des Humangenetischen Instituts am Universitätsklinikum Erlangen. Weitere deutsche Fachkollegen loben auch, dass das Experiment auf reale genetische Bevölkerungsanalysen gestützt wurde.

„Hier geht es erstmalig um die vermeintliche Verbesserung des Menschen. Die Grundidee ist sicherlich nicht neu. Bisher sind solche Überlegungen aber primär für einzelne Gene angestellt worden“, sagt Reis. So hat zum Beispiel der chinesische Wissenschaftler He Jiankui vergangenes Jahr die erstmalige Genomeditierung von Menschen an einem einzelnen Gen durchgeführt, um Zwillinge „resistent“ gegen eine HIV-Infektion zu machen und sie so angeblich zu „verbessern“. Aktuell wird die Anwendung moderner Methoden der Keimbahntherapie von der wissenschaftlichen Gemeinschaft diskutiert, auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) denkt über Richtlinien zu einer internationalen Regulierung nach.

Die Frage nach der Möglichkeit des perfekten Wunsch-Babys hat das Gedankenexperiment der israelischen Wissenschaftler vorerst beantwortet, findet auch der Bonner Humangenetiker Markus Nöthen: „Die Studie zeigt sehr überzeugend, dass das Szenario von Designer-Babys beim heutigen Wissensstand unrealistisch ist, aber auch in absehbarer Zukunft ein wenig wahrscheinliches Szenario bleibt.“

Von David Sander/RND