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Affe im Tierversuch für Giftigkeitstests am LPT Mienenbüttel bei Hamburg – gefilmt von einem Undercover-Ermittler. Quelle: SOKO Tierschutz/crueltyfree int/

Tierversuche in Deutschland: Die Zeit der billigen Ausreden ist vorbei

Nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums wurden im vergangenen Jahr gut 2,8 Millionen Tierversuche vorgenommen. Immer wieder werden diese als unsinnig und ungeeignet eingestuft. Zu Recht wird deshalb nach strengeren Regeln im Tierschutzgesetz gerufen, kommentiert Sonja Fröhlich.

An Tieren werden Medikamente und Kosmetik getestet. Sie halten für Giftigkeitsprüfungen von Chemikalien her, für Verträglichkeitstests von Lebensmittelzusatzstoffen oder für Verhaltensforschung an den Hochschulen. Mal werden den Tieren Elektroden ins Gehirn gepflanzt. Sie werden mit schweren Krankheiten infiziert, mit Substanzen vollgepumpt oder für die Entnahme von Organen und Zellen gleich getötet.

Beim Dieselskandal von Volkswagen wurden Affen in einem Labor in den USA eingepfercht und mit Auspuffgasen zugedröhnt. Für das Anti-Falten-Mittel Botox müssen mindestens 100 Mäuse sterben – für eine einzige Produktionseinheit. Und gerade erst haben Tierschützer in einem Labor in Mienenbüttel bei Hamburg grausame Methoden aufgedeckt, mit denen Affen und Hunde misshandelt wurden. Wer die Bilder der blutverschmierten, gefesselten und verkabelten Tiere gesehen hat, dem dürften sie so schnell nicht aus dem Kopf gehen. Immerhin: Künftig wird es dort keine Versuche mehr geben – dem Labor ist die Genehmigung entzogen worden.

Anzahl der Tierversuche steigt weiter

Während der Skandal noch schwelt, hat die Bundesregierung die neuen Zahlen zu den Tierversuchen aus dem vergangenen Jahr veröffentlicht. Perfide daran ist: Obwohl es von den EU-Mitgliedsstaaten erklärtes Ziel ist, Tierversuche langfristig zu ersetzen, haben sie hierzulande noch einmal zugelegt. 2,8 Millionen Tiere kamen demnach im vergangenen Jahr zum „Einsatz“ in den Laboren und damit 20.000 Tiere mehr als 2017. Die Bundesregierung begründet den Anstieg mit dem Ausbau des Forschungsstandorts Deutschland. Aber gerade das ist grotesk.

Denn die moderne Forschung bietet inzwischen jede Menge Methoden, die tierversuchsfrei sind. Mittels Zellkulturen lässt sich heute beinahe jede Art von Körpergewebe nachzüchten, sogar manche Organe können Wissenschaftler im Labor wachsen lassen. Dazu kommen bildgebende Verfahren, Computermodelle, die Beobachtung freiwilliger Patientengruppen. Diese sogenannten Alternativmethoden liefern in der Regel viel exaktere Ergebnisse, die auch besser auf den Menschen übertragen werden können als die traditionellen Versuche an Tieren.

Wie nötig und geeignet sind die Versuche?

Dazu kommt die große Frage, wie notwendig und geeignet viele Versuche eigentlich sind. Die „zweckfreie Grundlagenforschung“ macht heute rund die Hälfte aller Tierversuche aus – viermal so viele wie vor 30 Jahren. Selbst Experten stufen manche Experimente als blanken Unsinn ein. Aber: Die zuständigen deutschen Gremien winken auch solche Versuche vielfach durch.

Denn das deutsche Tierschutzgesetz beinhaltet kaum ethische Aspekte. Nach derzeitigem Status quo müssen die wissenschaftlichen Begründungen zwar plausibel sein. Abwägungen, etwa ob die Tierversuche für die Wissenschaft überhaupt unerlässlich sind, sind nur allgemein formuliert. Vor allem die biomedizinische Grundlagenforschung muss ethisch besser reflektiert werden. Denn dabei ist es noch schwerer, einen konkreten Nutzen gegen das Leid der Versuchstiere abzuwiegen. Zu Recht wird deshalb nach strengeren Regeln im Tierschutzgesetz gerufen.

Augen entfernt, Köpfe fixiert

Im vergangenen Jahr gab es scharfe Kritik an der Universität Duisburg-Essen, die Versuche mit Graumullen durchgeführt hatte: Die Forscher entfernten den Nagern die Augen, um herauszufinden, ob diese anhand von Magnetfeldern ihren Nestbau fortsetzen können. In Erlangen fixierten Wissenschaftler Ratten die Köpfe, um die Aktivität ihres Gehirns bei Stimulation der Schnurrhaare zu messen. Muss so etwas wirklich sein? Das sollte zumindest hinterfragt werden.

Der Skandal im niedersächsischen „Horrorlabor“ sollte ein Ansporn dafür sein.

Von Sonja Fröhlich/RND