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In milden Wintern kehren viele Störche früher nach Deutschland zurück und machen sich auf heimischen Äckern und in Gewässern auf Nahrungssuche. Quelle: Boris Roessler/dpa

Afrika adé: Störche bleiben im Winter lieber in Spanien oder Deutschland

Störche sind erfinderisch – gerade erproben sie eine neue Überwinterungsstrategie. Statt den weiten Weg nach Afrika zu fliegen, schlagen sie ihr Winterquartier in Spanien auf, wo es viel Nahrung für sie gibt. Doch auch der Winter in Deutschland wird für Störche scheinbar immer attraktiver.

Bergenhusen. Viele Störche kehren in diesem Jahr früher als sonst aus den Winterquartieren nach Deutschland zurück. Seit zwei Wochen werden regelmäßig Rückkehrer gemeldet, sagt der Storchenexperte des Naturschutzbundes (Nabu), Kai-Michael Thomsen.

So klappern nach Angaben von Storchenbetreuern in Rheinland-Pfalz schon die ersten Störche auf den Nestern, ebenso in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. In Mecklenburg-Vorpommern wurde der erste zurückgekehrte Storch schon am 2. Februar gesichtet. „Bei den Westziehern haben wir den Eindruck, dass sie gut eine Woche früher zurückkommen”, so Thomsen. Das Naturschutzinstitut in Sachsen sprach sogar von vier Wochen.

Größeres Futterangebot für Störche in Spanien

Durch die deutsche Weißstorch-Population geht ein Riss: In den westlichen Ländern inklusive Sachsen-Anhalt und Thüringen überwiegen die Störche, die auf der westlichen Route über Frankreich nach Süden fliegen. Im Osten überwiegen die Ostzieher, die auf der Balkanroute über den Bosporus nach Afrika gelangen. Dazwischen, wie in Schleswig-Holstein und Westmecklenburg, halten sich Ost- und Westzieher die Waage, wie der Biologe am Michael-Otto-Institut des Nabu in Bergenhusen (Schleswig-Holstein) sagt.

Die Störche passen ihre Strategien veränderten Bedingungen an. So verzichten viele Westzieher seit 20 bis 30 Jahren auf den Flug über das Mittelmeer nach Afrika. Das liege nicht am Klimawandel, sondern am Nahrungsangebot, erklärt Thomsen. In Spanien gebe es noch große, offene Mülldeponien mit organischen Abfällen sowie Reisfelder, wo die Störche Krebse finden. Sie müssen nicht viel fliegen, um zu fressen, und kehren gut genährt in die Brutreviere zurück. Dort sind sie mindestens einen Monat vor den Ostziehern, deren Rückkehr sich von Mitte März bis Anfang Mai hinziehen kann.

Auch Überwinterung in Deutschland wird zur Option

Ob sich der kurze Flug und die frühe Rückkehr positiv auf den Bruterfolg auswirken, sei schwer einzuschätzen, meint Thomsen. Der Bruterfolg hänge sehr von den Witterungs- und Nahrungsbedingungen nach dem Schlupf ab. Der größte Vorteil: „Die Überlebenschancen während des Winters sind bei den Westziehern ungleich besser, vor allem für die einjährigen Störche.” Bei ihnen habe sich die Überlebensrate Untersuchungen in Schleswig-Holstein zufolge verdoppelt. Dennoch wählten Störche ostziehender Eltern weiter die Ostroute. „Das ist ihnen angeboren”, sagt Thomsen. Gerieten unerfahrene Jungstörche aber in einen Trupp erfahrener Westzieher, folgten sie ihm.

Eine weitere Strategie von Störchen und Kranichen ist das Überwintern im Brutgebiet. „In diesem Winter klappt das ganz gut“, so Thomsen. Er schätzt, dass sich diesmal bundesweit einige Hundert Störche den Zug erspart haben. „Das ist Evolution.” Einige Tiere probierten es aus – und wenn es funktioniere, werde das in die nächsten Generationen getragen und zum Erfolgsmodell.

In Thüringen verbrachten nach Nabu-Angaben vier oder fünf Störche den ganzen Winter im Werratal. Im Kreis Groß-Gerau in Hessen seien sogar 150 bis 200 Störche über den Winter dageblieben. Die Überwinterer versuchten häufig, in Tierparks oder Vogelpflegestationen an Futter zu gelangen. Der früh nach Belitz im Landkreis Rostock zurückgekehrte Storch wurde bereits auf dem Acker bei der Suche nach Mäusen und Regenwürmern beobachtet.

RND/dpa