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Ein Skål auf das Virus? Männer sitzen im Pub “Half Way Inn” in Stockholms Zentrum an der Bar. Restaurants, Cafés und Kneipen bleiben in dem skandinavischen Land geöffnet. Quelle: Ali Lorestani/TT News Agency/dpa

Beim Coronavirus ist in Schweden alles anders – oder doch nicht?

Bei unserem nördlichen Nachbarn Schweden scheint das öffentliche Leben in Corona-Zeiten noch halbwegs normal zu laufen. Viele finden das unverantwortlich. Sind Schwedens Behörden und Regierungsstellen einfach nur leichtsinnig oder gibt es einen Plan hinter dem vermeintlichen Laissez-faire?

“Neues Drängelchaos – den vierten Tag in Folge” titelte die große schwedische Tageszeitung “Expressen” am Donnerstag – und zeigte ein Leserbild mit einem völlig überfüllten Linienbus. “Expressen” zitierte die Krankenschwester Tsega Aseffa, die, wie auch schon am Vortag, mit dem Bus zu ihrem Arbeitsplatz ins Krankenhaus von Danderyd fuhr. “Ich sitze hier mit etwa 50 Leuten im Bus. Einige husten. Das Risiko, das viele Menschen erkranken, wenn man so unterwegs ist, ist sehr groß. Das Krankenhauspersonal wird bestimmt krank werden, wer soll sich dann um unsere Patienten kümmern, mitten in der Krise”, fragt die Krankenschwester, die sich bei der Zeitung gemeldet hatte. Und ergänzt noch, dass es gerade “wahnsinnig stressig” sei bei der Arbeit.

3069 Menschen waren, Stand 28. März, 08 Uhr, in Schweden am Coronavirus erkrankt, 105 Personen fielen dem Virus bereits zum Opfer. Die Beobachtungen der Krankenschwester sind keine Einzelfälle. Etliche Beschwerden gingen beim städtischen Verkehrsbetrieb SL bereits ein – doch Stockholms Nahverkehr bleibt auch in diesen hochinfektiösen Zeiten voll. Zwar hat der zuständige Politiker für den Nahverkehr bereits angewiesen, dass diese Vorfälle Konsequenzen wie Entlassungen nach sich ziehen müssten. Doch geändert hat sich an den Zuständen nichts. Statt den öffentlichen Nahverkehr einzuschränken, wurden mehr Fahrzeuge eingesetzt. “Das ist ein Spiel mit dem Feuer”, sagt Krankenschwester Tsega Atseffa.

Essen gehen, um Restaurants zu unterstützen

Das öffentliche Leben – zumindest im Vergleich zum Nachbarn Norwegen und zu Mitteleuropa – läuft also mehr oder minder normal weiter. Solidar-Aktionen zur Rettung der Gastronomie sehen in Schweden noch so aus, dass eine Frau in der Zeitung sagen kann, sie habe sich entschlossen, jetzt ab sofort monatlich 2000 Kronen (182 Euro) für Restaurantbesuche einzuplanen.

Richtig weit wird sie damit in dem hochpreisigen Land zwar nicht kommen, aber die Tatsache, dass Menschen überhaupt noch essen gehen dürfen, sorgt außerhalb Schwedens für Verwunderung – und gewiss bei manchem auch für unverhohlenen Neid. Kindergärten und Grundschulen bis zur neunten Klasse sind weiter offen, ebenso Kneipen und Cafés, die ihre Gäste aber nur noch am Tisch bedienen dürfen.

Am Ende einer chaotischen Woche, in der der Luxusskiort Åre mit 35.000 Hotelbuchungen immer noch aus allen Nähten platzt, griff Ministerpräsident Stefan Löfven dann doch noch zu verschärften Maßnahmen: In einer eigenes anberaumten Pressekonferenz verkündete Löfven, dass Menschenansammlungen von mehr als 50 Personen im öffentlichen Raum ab sofort verboten seien. Bei Zuwiderhandlung drohe Gefängnis.

Die Einschränkung folgte auf dem Fuße: Das gelte nicht für Restaurants, den Arbeitsplatz oder Schulen – also just die möglichen Multiplikatoren, die andere Länder längst geschlossen haben. Und auch mit Skifahren soll jetzt in einer Provinz Schluss sein. Alle Osterbuchungen würden gestrichen – allerdings nicht in Åre. Dort können Kurzentschlossene am heutigen Samstag sogar noch im Iglu heiraten.

Aber wieso schwimmt Schweden so gegen den Strom? In den Zeitungen des Landes wird genauso sorgenvoll über die Toten und den Mangel an Schutzkleidung berichtet wie anderswo. Doch das Land, das schon vor vielen Jahrzehnten als Volksheim bezeichnet wurde, um der Komplettversorgung der Bürger durch das Staatswesen Ausdruck zu verleihen, reagiert und regiert anders. Und das liegt in erster Linie an einem Mann: Anders Tegnell.

Der Staatsepidemiologe gibt den Takt vor

Der 63-Jährige Epidemiologe ist der Mann in Schwedens Gesundheitsbehörde, der sagt, wo es lang geht in Sachen Seuchenschutz. Er trägt den Titel “Staatsepidemiologe”. Und seiner Ansicht nach sollte der Schutz vor dem Coronavirus vor allem auf einem Prinzip basieren: der Freiwilligkeit. “Wir sind überzeugt davon, auf dem richtigen Weg zu sein”, sagte Tegnell dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender SVT.

Während Schwedens Nachbar Finnland die Hauptstadt Helsinki und deren Umgebung unter Quarantäne gestellt hat, sagt Tegnell: “Ich bin mir nicht so sicher, ob sie so viel mehr erreicht haben als wir. Es gibt nichts, was darauf hindeuten würde. Ich glaube, dass es wichtig ist, weiterhin die Mittel anzuwenden, von denen man weiß, dass sie funktionieren. In anderen Ländern gibt es andere Traditionen, die es zum Beispiel notwendig machen können, etwa Lager einzurichten.”

“Alle werden in diese Krise geraten”

Gleichzeitig schließt Tegnell allerdings nicht aus, dass es zukünftig notwendig werden könnte, härtere Maßnahmen gegen das Virus zu ergreifen. “Alle Länder werden in eine Krise geraten, die aber unterschiedlicher Ausprägung sein wird. Ich denke, dass es wichtig ist zu bedenken, was zu uns passt.” Niemand ist in der Lage zu prognostizieren, wann Corona kein Riesenproblem mehr für die Welt sein wird, aber nach Ansicht von Anders Tegnell hat Schweden die Krise bisher recht gut bewältigt. “Natürlich machen sich alle Gedanken darüber, wie es weitergehen wird – ich auch. Aber ich bin nicht sonderlich beunruhigt darüber, dass es in Schweden deutlich anders laufen wird als in anderen Ländern. Und bisher hat sich die Situation hierzulande zufriedenstellend entwickelt. Der Gesundheitsfaktor funktioniert dank unserem Einsatz.”

Krankenschwestern wie Tsega Aseffa sehen das allerdings ganz anders – und auch Schwedens ländliche Regionen, in denen die Großstädter traditionell ihre Sommerhäuser haben, appellieren bereits an die Einwohner Stockholms, Göteborgs und Malmös, nicht die Gesundheitsversorgung auf dem Land in Anspruch zu nehmen. Man sei schon an der Grenze der Belastbarkeit. Es ist Anders Tegnell nur zu wünschen, dass er richtig liegt.

 

 

 

 

 

 

Von Daniel Killy/RND