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Motivationscoach Christian Birke glaubt, dass jeder Mensch durchhalten kann und lernen kann, Krisen als Chancen zu sehen. Quelle: Nathan Dumlao/Unsplash

Motivationscoach: „Krisen wollen uns helfen, dass wir in unserem Tun besser werden”

Durchhalten. Ein Wort, welches in der Corona-Krise eine große Bedeutung hat. Warum fällt uns durchhalten eigentlich so schwer? Wie wir Krisen als Chancen sehen und uns täglich motivieren können, erklärt der Motivationscoach Christian Birke im RND-Interview.

Christian Birke aus Kiel weiß, wie es sich anfühlt, die Orientierung zu verlieren. Doch er hat es geschafft, sich auf seine Stärken und Fähigkeiten zu besinnen und sein Lebenskonzept neu auszurichten. Seit einigen Jahren ist er Motivationscoach – so hilft er nun selbst anderen Menschen, ihren Lebenssinn zu erforschen.

Herr Birke, wie hat Sie die Corona-Krise persönlich bisher betroffen?

Als der Lockdown kam, ging es für mich persönlich erstmal darum, Orientierung zu finden. Welches Verhalten wird von mir als Bürger erwartet? Was kann ich tun, um meine Familie und mich selbst vor einer Ansteckung mit dem Virus zu schützen? Beruflich war es so, dass einige Klienten verunsichert waren und die Coaching-Gespräche ausgesetzt haben. Aber mit dem Großteil bin ich auf Video-Coachings umgestiegen, was auch sehr gut funktioniert hat. Darüber hinaus habe ich für mich geschaut, wie ich die Zeit nutzen kann, um meine Marke und auch mich selbst persönlich weiterzuentwickeln, um gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

Haben Sie wahrgenommen, dass die Krise etwas mit Ihren Klienten macht?

Ja, sehr viele Menschen sind erstmal ängstlich gewesen, weil sich die Empfehlungen ständig geändert haben. Einigen war nicht klar, wie sie sich verhalten sollten. Meine Klienten fragten sich: Wie sieht meine Zukunft aus? Wie geht es beruflich weiter? Wie sieht es finanziell aus? Das waren Themen für mich, mit ihnen zu schauen, was sie tun können, um aus ihrer Angst herauszukommen.

In dieser Zeit heißt es immer wieder, dass wir durchhalten müssen. Warum fällt uns durchhalten allgemein eigentlich so schwer?

Naja, Silvester ist ein gutes Beispiel: Da nehmen sich sehr viele Menschen Dinge für das neue Jahr vor, die sie gerne anders machen möchten. Das sind neue Gewohnheiten, die sie erlernen möchten. Dann fangen sie am 1. Januar ganz euphorisch an – das hält vielleicht bis zum Frühjahr, dass sie die neuen Dinge plötzlich alle umsetzen. Jedoch ist es dann so viel, dass sie es im Alltag gar nicht mehr schaffen, diese neuen Gewohnheiten zu erlernen. Viele setzen sich auch keinen Fokus und sind überfordert, weil es so viel auf einmal ist – dann lassen sie diese neuen Gewohnheiten eben doch fallen.

Das Lernen einer neuen Gewohnheit dauert in der Regel 66 Tage – wir brauchen also rund drei Monate, bis eine neue Gewohnheit in eine neue Routine übergeht. Der Mensch tut lieber die Dinge, die bereits eine Gewohnheit sind, weil man für die Durchführung weniger mentalen Energieaufwand benötigt. Wenn wir etwas Neues erlernen wollen, müssen wir viel mehr mentale Energie aufwenden, um diese neue Gewohnheit zu etablieren.

Ist es denn wirklich so schwierig, durchzuhalten oder ist es bloß der Schein?

Durchhalten kann eigentlich jeder – wenn man die entsprechenden Strategien hat und Disziplin aufbringt. Es ist immer eine Frage der Einstellung. Wenn wir aufstehen, können wir uns jeden Tag neu ausrichten und entscheiden, was wir tun und wie wir uns ausrichten in unserem Tun. Wenn wir eine positive Denkweise haben und den richtigen Fokus auf die Dinge, die wir tun wollen legen und wenn das „warum wir etwas tun wollen” groß genug ist, dann sind wir in der Lage, alles zu schaffen.

Oftmals scheitert das Durchhalten daran, dass das „Warum” nicht groß genug ist. Da ist es wichtig, dass sich jeder für sich einen kleinen Moment Zeit nimmt und reflektiert: Warum will ich die Dinge tun, welchen Nutzen habe ich davon, welchen Nutzen hat die Gesellschaft sowie mein Umfeld davon, wenn ich mein Verhalten verändere? Wenn das klar ist, ist es auch einfacher, durchzuhalten.

Mit anderen Worten: Wir können das Durchhalten auch wirklich erlernen?

Ja, der erste Schritt ist, dass wir uns einen möglichst großen, plausiblen Grund bewusst machen, warum wir etwas verändern möchten. Wenn dieser Nutzen groß genug ist, dann können wir alles erreichen. Wichtig dabei ist, dass wir unsere Ziele visualisieren, sie uns jeden Tag vor Augen führen. Durch tägliche Affirmation können wir unsere Ziele manifestieren; indem wir uns regelmäßig sagen, was wir erreichen möchten.

Im Alltag sind kleine Anker wichtig, die uns an unsere Ziele erinnern. Sich morgens schon nach dem Aufstehen seine Ziele bewusst machen und sich auf die neuen Gewohnheiten, die wir ausbilden wollen, fokussieren. Und während des Tages, durch kleine Anker immer wieder daran erinnert werden.

Haben Sie konkrete Beispiele für diese kleinen Anker?

Zum Thema „Mundschutz tragen” und „Abstand halten”: Da könnte man sich an seine Wohnungstür ein kleines Bild mit einem Mundschutz hängen, wo drauf steht: Mundschutz dabei? Oder: Denk daran, zu allen zwei Meter Abstand zu halten. Vielleicht wird ein Spiel draus gemacht, wie oft es gelungen ist, den Abstand einzuhalten zu Personen, denen man begegnet ist.

Auch ein Schild an der Garderobe hilft: Heute schon Hände gewaschen? So dass man beim Heimkommen erinnert wird, es ist wichtig, jetzt Hände zu waschen. Wer neben seine Tür Desinfektionspray platziert oder es in die Handtasche packt, wird immer wieder daran erinnert, es auch zu benutzen.

Man kann mit seinen Mitmenschen eine Challenge draus machen. Gerade mit Kindern können wir neue Gewohnheiten am besten erlernen. Mit ihnen geht das spielerisch sehr gut. Die festigen neue Gewohnheiten nämlich sehr schnell.

Das nimmt Kindern ja auch die Angst, weil sie merken, die Eltern verbreiten keine Panik…

Ja, das ist ganz wichtig, dass die Erwachsenen ihre Angst, ihre Ungewissheit bei derzeitigen Themen nicht an Kinder kommunizieren, sondern eher im Rahmen unter den Erwachsenen. Es ist aber auch eine Sache der Aufklärung. Wir haben unserer Tochter ganz genau erklärt, was Sache ist, dass dieses Virus umgeht und dass es jetzt eben wichtig ist, auf sich zu achten und dadurch Menschen zu schützen. Wichtig ist auch, einen klaren Tagesrhythmus zu schaffen, um eine gewisse Struktur zu haben.

Warum sollten wir Krisen als Chancen verstehen?

Krisen wollen uns helfen, dass wir in unserem Tun besser werden. Wichtig ist, dass wir uns in einer Krise die Zeit nehmen, die Dinge zu reflektieren und entsprechende Maßnahmen zu finden, Dinge anders zu tun, um gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

In Krisen passieren Dinge, die wir nicht erwartet haben und die uns aus unseren Gewohnheiten herausreißen – deshalb empfinden wir Krisen erst einmal als so schlimm. Da gilt es, darauf zu schauen, wie wir unsere Gewohnheiten verändern können, damit es uns trotz der neuen Grundvoraussetzungen gut geht und wir gesund bleiben oder werden.

Wichtig ist, zu erkennen, jeder für sich: Was kann ich aus dieser Krise lernen? Was sind die negativen Faktoren und wie kann ich sie umwandeln in positive Dinge? Was kann ich daraus lernen, um besser zu werden, um mich weiterzuentwickeln? Wie kann ich mein Verhalten verändern? Ich kann herausfinden, was ich tun kann, damit es auch im unmittelbaren Umfeld besser wird: Wie kann ich durch mein tägliches Tun dazu beitragen, dass das große Ganze besser wird?

Wenn wir uns nun mitten in der Krise befinden und sie vielleicht schon als Chance ansehen – wie können wir uns trotzdem noch zusätzlich für den Alltag motivieren?

Indem ich mir die Zeit nehme, zu reflektieren, was meine Ziele sind. Der größte Motivator ist aber eigentlich die Dankbarkeit. Indem ich mich auf die Dinge ausrichte, die positiv in meinem Leben sind. Dankbarkeit schafft positive Gefühle und durch positive Gefühle sind wir eher dazu motiviert, positiv zu handeln und auch das Handeln ins Positive zu verändern.

Ich kann mich auch motivieren durchzuhalten, indem ich mir bewusst mache, dass ich jeden Tag mit all dem, was ich tue, frei aus meinem Selbst heraus, meine Entscheidungen treffe. Indem ich mir morgens Zeit nehme zu meditieren, um meine Gedanken zu ordnen. Indem ich Sport mache oder in die Natur rausgehe. Es hilft auch, Kleinigkeiten, die mir gut tun, über den Tag verteilt zu machen.

Das Wichtigste ist aber, sich immer wieder vor Augen zu führen: Warum tue ich das? Das „Warum” ist unwahrscheinlich wichtig. Je größer das „Warum”, wieso ich etwas tue, desto klarer ist es, dass ich das Ziel erreichen werde – desto einfacher ist es auch, das durchzuhalten.

Ist es dabei auch wichtig, sich nicht zu viel vorzunehmen?

Ja, auf jeden Fall. Da sollten wir schon ganz genau schauen, welche Dinge wir verändern möchten und wie wir sie Schritt für Schritt verändern. Extrem wichtig ist auch, dass wir uns nicht mit anderen vergleichen. Wir bekommen vor allem durch Social Media ständig gesagt, dass wir nicht gut genug sind. Das führt uns aber von uns selbst weg. Deshalb ist es im normalen Alltag wie jetzt in der Corona-Krise wichtig, dass wir uns Zeit nehmen für uns selbst, auch mal in der Hängematte entspannen und uns unserer eigenen Werte und Fähigkeiten besinnen.

Wenn die Krise überwunden ist: Wie bleibe ich nachhaltig glücklich? Geht das überhaupt?

Das geht auf jeden Fall! Das ist auch ganz einfach. Das Einfachste ist, dass ich mir jeden Abend, bevor ich ins Bett gehe, zwei bis fünf Minuten Zeit nehme und über die Ereignisse des Tages nachdenke, für die ich dankbar bin, dass sie passiert sind. Und mir vielleicht ein kleines Notizbuch anschaffe, in das ich die Ereignisse reinschreibe, für die ich an diesem Tag dankbar gewesen bin – das können auch ganz kleine Dinge gewesen sein.

Dankbarkeit sorgt dafür, dass positive Energie freigesetzt wird und das führt zu Glück. Wenn ich das vorm zu Bett gehen tue, kann ich gut einschlafen, bin in einem positiven Gefühl – das wird den ganzen Schlaf prägen und guter Schlaf sorgt extremst für Glück.

Wichtig ist, sich Zeit für sich selbst zu nehmen – einmal nicht in der Leistung sein. Wir haben vergessen, wie wichtig ein Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung ist; dabei ist es extrem wichtig, da Übergänge zu schaffen. Letztlich geht es darum, dass jeder für sich selbst seinen Lebenssinn findet. Wenn wir in allen Lebensbereichen Klarheit gefunden haben, dann ist es möglich, einen kraftvollen Lebensweg zu gehen und täglich viel Lebensfreude zu spüren.

Das klingt sehr ermutigend. Also auch mal „von außen” schauen, bin ich zufrieden mit meinem Leben, mit dem was ich tue oder hatte ich eigentlich mal andere Ziele?

Ja, genau. Deshalb scheitern auch so viele oder geben auf, weil sie irgendwann nicht mehr ihre Ziele vor Augen haben, sondern durch den stressigen Alltag ihre Ziele verlieren und auf einen Weg kommen, den sie vielleicht gar nicht gehen wollten. Im Coaching schaue ich dann mit den Menschen, dass sie wieder mit der eigenen Intuition in Kontakt kommen, dass sie wieder auf ihre früheren Wünsche und Ziele zurückkommen.

Worauf wir unseren Fokus richten, das ist, wo unsere Energie hinfließt. Und wo unsere Energie hinfließt, ist der Bereich, wo Wachstum entsteht. Das kann ins Negative gehen, wenn wir unseren Fokus nur auf negative Schlagzeilen ausrichten, wie schlimm momentan alles in der Welt ist, dass sich unsere Angst ausprägt. Das kann aber sehr wohl auch ins Positive gehen, indem wir uns auf unsere Ziele konzentrieren.

Gibt es noch etwas, womit Sie uns Mut machen möchten?

Ich habe ein tolles, kurzes Gelassenheitsgebet, mit dem wir momentan gut in den Tag starten können, von dem US-amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Das heißt: Es kommt einfach nicht auf die Bedingungen an, denen wir ausgesetzt sind, sondern darauf, was wir aus den Bedingungen machen und worauf wir uns fokussieren.

Von David Sander/RND