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Bayern prescht vor und will generell Tests für jedermann anbieten. Quelle: imago images/ZUMA Wire

Warum “testen, testen, testen” nicht das Allheilmittel gegen Corona ist

Um das Coronavirus im Zaum zu halten, kommt es aufs Spurensuchen bei Infektionen an – auch mit mehr Tests. Der Bund hat die Weichen dafür gestellt. Bayern will aber noch mehr. Kann man auch zu viel testen?

Berlin/München. Sie sind ein Kernpunkt der Corona-Strategie made in Germany: frühe Tests auf breiter Front, um dem Virus über Ketten infizierter Menschen hinweg möglichst auf der Spur zu bleiben. Eine neue Verordnung ermöglicht inzwischen schon bundesweit deutlich mehr Tests auf Kassenkosten auch ohne Krankheitsanzeichen – besonders in sensiblen Bereichen wie Kliniken, Pflegeheimen, Schulen und Kitas. Doch geht da noch mehr? Das stößt nicht bei allen auf Zustimmung.

Bayern: Freiwillige Tests sollen ausgebaut werden

Die Details will das Landeskabinett an diesem Dienstag beschließen. Im Kern fußt der Plan auf einer Vereinbarung mit der Kassenärztlichen Vereinigung zum 1. Juli. Sie sieht vor, dass sich auch alle ohne Symptome bei Praxisärzten testen lassen können. Daneben sollen freiwillige Tests in Einrichtungen mit gefährdeten Personen etwa in Pflege- und Altenheimen sowie Kliniken ausgebaut werden. Gleiches gilt für Tests von Lehrern und Erziehern. Geplant ist auch eine Testoffensive in der Fleischbranche. “Wir warten nicht auf endlose Gespräche zwischen einzelnen Kostenträgern, sondern wir gehen in Vorleistung”, sagt Ministerpräsident Markus Söder (CSU).

Wie können solche Massentests funktionieren?

Mit einer Laborkapazität von 21.000 Tests am Tag werden sich die rund 13 Millionen Menschen in Bayern natürlich nicht sofort testen lassen können. Es ist aber auch nicht davon auszugehen, dass überhaupt alle davon Gebrauch machen wollen. Zu Spitzenzeiten in den vergangenen Monaten lag die Zahl der Tests nie über 18.000 pro Tag. Wer Symptome hat, soll künftig innerhalb eines Tages getestet werden und binnen weiteren 24 Stunden sein Ergebnis erhalten. Ohne Symptome dauert es etwas länger: ein Test in 48 Stunden und ein Ergebnis in einer Woche. Dabei will der Freistaat Tests bezahlen, die nicht auf Kassenkosten gehen. Kalkuliert wird zunächst mit einem dreistelligen Millionenbetrag.

Schmidt-Chanasit: Frühwarnsystem schaffen

Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg sieht die Möglichkeit, so ein Frühwarnsystem zu schaffen. Insofern machten auch Tests in Dörfern Sinn, in denen es seit Wochen keine Infektionen gab, sagte er N-TV und RTL. Es gehe darum, Herde früh aufzudecken, um schnell einzugreifen. Max Geraedts von der Universität Marburg hält es dagegen für wichtiger, diejenigen, die mit Risikogruppen etwa in Pflegeheimen, Krankenhäusern oder Arztpraxen zu tun haben, regelmäßig zu testen und Tests schnell auszuwerten. “Wenn alle getestet werden, läuft man Gefahr, dass sich der Ergebnisbericht verzögert und Kapazitäten, die für diese Gruppen nötig sind, ausgeschöpft sind.”

Diese Risiken werden beim bayerischen Konzept befürchtet

Selbst gute Tests hätten laut Geraedts in rund einem Prozent der Getesteten ein positives Ergebnis, obwohl keine Infektion vorliege (falsch positiv). Dadurch könnten viele Menschen in Quarantäne gehen, die eigentlich gesund sind – am Ende würden zum Beispiel Pflegekräfte fehlen. Zudem könne es sein, dass der Test ein Prozent der Infizierten nicht als solche erkennt. Von 100 in Wahrheit Infizierten finde der Test dann 99. “Eine Person wird nicht entdeckt und denkt, sie habe nichts.” Dann könne sie weiter ungeschützt andere infizieren.

Einige Getestete könnten sich auch in falscher Sicherheit wiegen, gibt Hans-Georg Kräusslich von der Universität Heidelberg zu bedenken: “Negativ getestete Menschen sind nur zum Zeitpunkt des jeweiligen Tests negativ, den Status von einer Woche zuvor oder einer Woche danach kann der Test nicht erkennen.” Deswegen seien aus epidemiologischer Sicht eher Tests bei speziellen Personen sinnvoll. Wie ist die bundesweite Linie?

Zu viel testen ist nicht zielführend

“Testen, testen, testen”, sagt auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Er fügt jedoch an: “Aber gezielt.” Denn einfach nur viel zu testen klinge gut, sei aber ohne systematisches Vorgehen nicht zielführend. Konkret sollen vor allem Corona-Brennpunkte ins Visier rücken – zum Beispiel grundsätzlich alle, die in Kliniken aufgenommen werden. Gesundheitsämter und Ärzte können aber auch in weiteren Fällen Tests ohne Symptome veranlassen: für “Kontaktpersonen”, die mit Infizierten in einem Haushalt leben oder für längere Gespräche zusammen waren. Wenn die neue Corona-App sich meldet. Oder Reihenuntersuchungen für alle in Einrichtungen wie Pflegeheimen, Schulen und Kitas, wenn es einen Corona-Fall gab. So läuft es aktuell auch für große Schlachthöfe.

Wie viel “Luft” bei Tests gibt es noch?

Die Kapazitäten sind im Laufe der Pandemie stark hochgefahren worden. Spielraum ist also da, auch wenn wegen einiger lokaler Ausbrüche wieder mehr getestet wurde. Mitte Juni waren es laut Berufsverband Akkreditierte Labore in der Medizin 335.000 Tests in einer Woche, aktuell möglich wären 910.000. Der Anteil positiver Tests stieg dabei wieder auf 1,4 Prozent. Geregelt ist auch, dass Tests regelmäßig wiederholt werden können – bei Personal in Kliniken und der Pflege zum Beispiel einmal bei Tätigkeitsbeginn und dann alle zwei Wochen wieder. Für Ärger bei Laboren sorgte da, dass sie für die inzwischen zur Massenware gewordenen Tests weniger Vergütung bekommen sollen – ab diesem Mittwoch noch 39,40 Euro statt mehr als 50 Euro pro Test.

RND/dpa