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Das am häufigsten gezeigte Modell des Libeskind-Baus aus dem Jahr 2010, das der Realität schon sehr nahekommt. Foto: leuphana

Das Zentralgebäude: Der steinige Weg einer großen Idee

Von Hans-Herbert Jenckel

Erst war es ein Gerücht: Der US-Architekt Daniel Libeskind baut in Lüneburg. Libeskind und Heide, das passte irgendwie nicht. Doch die Leuphana im Umbruch begeisterte den Architekten, am Ende steht ein spektakulärer Wurf

Orkantief Flurina jagt übers niedersächsische Flachland, am Rhein zersaust es den Auftakt zum Karneval. Es ist ein verdammt windiger und regnerischer Sonnabend am 11. November 2006. Und zugleich, was damals kaum jemand ahnen konnte, ein ganz großer Tag für Lüneburg. Am Ochsenmarkt huscht ein kleiner Mann ins Rathaus, den Kragen seines schwarzen Mantels hochgeschlagen, ein neugieriges Lächeln im Gesicht. Voran gehen Uni-Präsident Sascha Spoun und Vizepräsident Holm Keller. Und an der Seite von Daniel Libeskind eilt seine Frau Nina in den Eingang Botenmeisterei, von wo man über eine ausladende Treppe, bewacht von zwei Welfen-Löwen aus Stein, in den Kämmereiflügel gelangt zu Oberbürgermeister Ulrich Mädge.

„Sie haben Stadtbaurätin Heike Gundermann und mir im Besprechungszimmer von ihrer Idee erzählt, sie skizziert. Ich war angetan“, erinnert sich Mädge. Gemeint sind erste Gedankenspiele für ein Uni-Gebäude, wie es Lüneburg noch nicht gesehen hat.

In der Landeszeitung erklärt Holm Keller später zu dem Foto, das die LZ heimlich geschossen hat, es sei ein „rein privater Besuch“ gewesen. Das allerdings ist vorsichtige Keller‘sche Diplomatie. Also fehlt es nicht am Standard-Programm für einen Star-Architekten, der eine Führung durch historische Räume wie Gerichtslaube und Große Ratsstube erhält. Was Spoun und Keller umtreibt, hätte zu dem Zeitpunkt angesichts des stürmischen 11.11. auch als windige Idee durchgehen können. Eine Idee, die das Gesicht der tausendjährigen Hansestadt Richtung Süden prägen sollte wie kein anderes Gebäude, hoch, zackig, schräg gegen die strenge Architektur der Scharnhorstkaserne gebürstet.

Schon seit Jahren ist der Campus durch gelungene Neubauten wie Hörsaal-Gebäude und Bibliothek im Umbruch, doch den Kasernen-Charakter, die NS-Vergangenheit kann er nie ganz abstreifen. Das will Libeskind ändern.

Tatsächlich hat der US-Architekt, der schon in St. Gallen mit Keller und Spoun zusammengearbeitet hat, großes Interesse an der Neuausrichtung der Universität Lüneburg. Und die Uni-Präsidenten stapeln tief, als sie wenig später orakeln: Wenn Libeskind sich für den neuen Weg der Leuphana engagieren würde, wäre das doch schon eine große Sache.

Schon kurz vor dem Besuch von Libeskind war in der LZ durchgesickert, dass womöglich auf dem Campus ein Audimax (größter Hörsaal) für rund 30 Millionen Euro entstehen könnte. Schon da spekuliert die LZ über Libeskind als Architekten. Aber die Uni, zusammengeschweißt aus der Fachhochschule Nordostniedersachsen und der alten Uni Lüneburg, kämpft noch mit der Neuausrichtung, dem Kurswechsel, den Keller und Spoun mit hoher Geschwindigkeit umsetzen.

2007 wird für die Bau-Planung ein entscheidendes Jahr: Je mehr Details öffentlich werden, umso lauter wird auch die Kritik. Denn auch das Vamos steht schon damals für die Baupläne zur Disposition. Die Stadt stellt sich hinter die Kult-Stätte. Studenten beklagen Informationsdefizite. Prüfer bezweifeln die Finanzierbarkeit. Der Weg zu den Sternen wird steinig. Im Februar 2007 wird in der LZ spekuliert, ob die Audimax-Idee mit dem Plan, die Nordlandhalle als Veranstaltungszentrum fit zu machen (heute Luxuswohnungen), kollidieren könnte. Doch Stadt und Landkreis stellen sich hinter die Neuausrichtung, unterschreiben Ende Mai 2007 eine Rahmenvereinbarung.

Erste Spekulationen über Libeskind

Uni-Vizepräsident Holm Keller erklärt: „Die Universität erwägt, Daniel Libeskind in den Lehrkörper zu integrieren.“ Er unterrichtet schließlich mit Professor Wuggenig und Keller ein Seminar der Universität Lüneburg in New York. „Da machen wir uns Gedanken, wie eine öffentliche Universität für eine demokratische Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts aussehen kann oder soll.“ Im März fliegen Studenten nach New York, um in Lower Manhattan Modellbau zu lernen und Ideen für den Campus 2.0 zu entwerfen. „Unsere Studierenden entwickeln ihre Vision einer idealen Universität. Die Universität setzt für die Neuausrichtung auf ein solches Engagement und freut sich, dass Professor Libeskind als Intellektueller und Künstler diesen Prozess begleitet“, erklärt der Vize-Präsident. Finanziert wird der New-York-Aufenthalt von Henning J. Claassen, einem Förderer. Erstmals taucht der Anspruch „Die Zukunft der Universität in der Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts“ auf.

In Hannover wirbt der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU im Landtag, Bernd Althusmann, für die Idee. Wissenschaftsminister Lutz Stratmann sei sehr interessiert, sagt er. „Wenn es dem Präsidium durch Drittmittel gelingt, mit einem so namhaften Architekten wie Daniel Libeskind ein Audimax in Lüneburg zu planen, das zugleich auch als Veranstaltungshalle für die Stadt genutzt werden kann, dann ist das eine Riesenchance und eine der besten Image-Kampagnen für Lüneburg.“ Der Bau wird zum Dauerthema in der Zeitung: Spekulationen, Dementis, neue Meilensteine.

Juni 2007 präsentiert Daniel Libeskind vor einem staunenden Publikum auf dem Campus sein Bauensemble. Da wird auch noch über ein Hotel, ein Parkhaus, ein Studentenwohnheim diskutiert. Präsident Spoun spricht von einem Zeichen von „Lüneburg hinaus in die Welt“. Bis zum Winter, sagt Keller, soll die Entscheidung fallen, ob gebaut wird.

In der Leserbriefspalte der LZ tobt schon der Meinungsstreit, ob der Bau nun nach Lüneburg passe oder nicht, ob er nicht viel zu waghalsig und teuer sei.

Millionen für die Planung

Unterdessen übernimmt Libeskind eine Gastprofessur an der Leuphana und Ende 2007 gibt das Land 2,6 Millionen Euro für die Planung frei. Für Wissenschaftsminister Lutz Stratmann war das eines der drei Hochschulprojekte, die ihm für immer im Gedächtnis bleiben.
Im Oktober 2008 erklärt Daniel Libeskind auf dem Campus sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel seine Ideen zum Campus der Zukunft.
Die Bedenken wenden sich vom Baukörper ab. Im Fokus steht über Jahre die Finanzierung und zwischenzeitlich Vize-Präsident Holm Keller. Nähe zu Sponsoren, Verquickung von privaten und öffentlichen Interessen werden kolportiert. Sogar die EU-Korruptionsbehörde wird aufgrund von Hinweisen eingeschaltet und recherchiert auf dem Leuphana-Campus. Alle Verfahren laufen ins Leere.

2011 erteilt die Stadt die Baugenehmigung

Frei nach George Sand ist Geduld nichts anderes als eine Art Energie. Davon besitzen die Leuphanisten viel. Gerichtsverfahren, kritische Politiker, Finanzlücken, höhere Kosten – es wird nicht an Hürden gespart. Im März 2011 erteilt die Stadt die Baugenehmigung, am 8. Mai 2011 liegt der Grundstein und im Februar 2012 beginnt der eigentliche Bau.

Die Baukosten steigen von anfangs 57,7 Millionen Euro auf vermutlich mehr als 100 Millionen. Die Finanzen bleiben in den Schlagzeilen, da schwimmen Leuphana, Land, Landesrechnungshof und Oberfinanzdirektion lange nicht auf einer Wellenlänge. Doch bei aller Kritik stehen EU, Land, Bund, Stadt, Landkreis, Sponsoren und Kirchen zu ihren Zusagen. Gerade, dass die Kirchen dabei sind, ist für Keller ein Signal von Bedeutung für die anderen Geldgeber. Am 19. Januar 2015 ist Richtfest und am 11. März Einweihung für die außergewöhnlichste Stadtmarke Lüneburgs, für die vor dem Hintergrund dieser wechselvollen Baugeschichte Novalis gilt: „Echte Geduld zeugt von großer Elastizität.“

2 Kommentare

  1. Wilfried Godglück

    Haben vor drei Jahren hier in Lüneburg ein Haus gekauft und mußten scharf kalkulieren. Wenn ich als privat Mensch so bauen würde wie die üöffentliche Hand dann wäre ich dreimal pleite gewesen. Schönheit ist relativ und lioegt im Auge des Betrachters den ich habe seinen Anbau in Dresden am Militärhistorischen Museum gesehen und wußte damals schon was auf uns hier in Lüneburg zukommt.

  2. Werner Schneyder

    Wo sind die Warner von einst? Diejenigen, die die Kostenexplosion gesehen haben? Die hätte man auszeichnen sollen. Stattdessen Lobeshymnen zur größten Steuerverschwendung in der Geschichte Lüneburgs.

    Die schönen Bilder hier auf der Website hätten ergänzt werden können durch Bilder Lüneburger Schulen, deren Ausstattung miserabel ist.