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Mehr als 6000 Kilometer trennen Lüneburg von New York. Ein Anruf aus der Hansestadt fühle sich an wie „ein Stück Heimat“, sagt der US-amerikanische Architekt Daniel Libeskind im Telefoninterview mit der LZ. Foto: A/t&w

Interview mit Daniel Libeskind

Von Katharina Hübner
Er arbeitet in den Metropolen der Welt und hat nun in Lüneburg das neue Zentralgebäude samt Audimax realisiert. An der Leuphana war der wel tbekannte Architekt Daniel Libeskind nebenamtlicher Professor und auch die kreative Kraft für den Entwurf des gigantischen Baus.

Herr Libeskind, wann haben Sie das erste Mal von der Stadt Lüneburg in Niedersachsen gehört?
Daniel Libeskind: Ob Sie es glauben oder nicht, das muss im Jahr 1987 gewesen sein.

Und wann waren Sie das erste Mal in Lüneburg?
Ein Jahr später, im Jahr 1988, war ich das erste Mal hier. Damals machte ich eine Reise nach Westdeutschland, Lüneburg war eine Station. Freunde aus New York legten mir nahe, die Stadt zu besuchen. Erste Eindrücke, die mir noch in Erinnerung sind: Lüneburg ist eine hübsche, altertümliche Stadt – sowohl die Geschichte als auch die Literatur. Auch in den 90er-Jahren bin ich immer wieder gerne hergekommen.

Ruf als nebenberuflicher Professor

Wer hat Sie überzeugt, hier einen Bau zu entwerfen?
2007 habe ich von der Leuphana einen Ruf als nebenberuflicher Professor erhalten und Seminare zum Beispiel zur „Grammatik der Architektur“ gehalten. Zudem habe ich gemeinsam mit Studenten Ideen zum „Campus der Zukunft“ entwickelt. Im Grunde ist die Überzeugung für den Bau aus der Arbeit mit den Studenten entstanden, die ich in einem meiner ersten Workshops gefragt habe: „Wie wollt ihr euren Campus umgestalten? Wie kann die Universität wachsen?“ Lüneburg hat sich von Anfang an für dieses Projekt geeignet, weil hier interdisziplinär gearbeitet wird, aus allen Bereichen – Wirtschaft, Erziehung, Technologie, Wissenschaft etc. – fließen die kreativen Ideen der Studenten ein.

Was hat Sie besonders gereizt?
Ich wollte vor allem Menschen die Möglichkeit geben mit Architektur in Verbindung zu kommen, die dieses Fach nicht studiert haben oder schon perfekte Modelle zeichnen. Das ist ein spannender Ansatz.

Wie fühlt es sich an, nach fast zehn Jahren – von der Idee bis zum fertigen Bau – ein Stück modernes Lüneburg gestaltet zu haben?
Einfach unglaublich! Wenn man mal zurückblickt: Ursprünglich war auf diesem Gelände eine starre, von Nationalsozialisten errichtete Kasernenanlage beheimatet, Menschen sind von hier aus in den Krieg gezogen. Schließlich bekam die Universität hier ein Zuhause. Weitere hübsche Anbauten kamen hinzu, zum Beispiel die Bibliothek. Mit dem neuen Bau ist ein lebendiger Ort entstanden – mit spannenden Einrichtungen für Studenten, Wissenschaftler, Lüneburger und Besucher, die hier ihre Zeit genießen sollen.

Spannende, interessante Ideen

Hatten Sie vor Ihrem Projekt in Lüneburg schon einmal ein Gebäude für eine Universität entworfen?
Ja, zum Beispiel für die Metropolitan Universität in London, für die Bar-Ilan Universität in Isreal oder die City Universität Hongkong.

Große Projekte in vielen Metropolen überall auf der Welt – und nun zählt auch Lüneburg dazu.
Lüneburg ist eine unglaublich schöne Stadt mit einer außerordentlichen Geschichte. Wie wunderbar, dass die Studenten damals solch spannende, interessante Ideen hatten und mit dem Zentralgebäude so ein magischer Ort entstanden ist.

Gibt es eine Architektur der Bildung, und wenn ja, was zeichnet sie aus?
Ich bin überzeugt, dass Bildung mit Wundern, mit Komplexität, mit Gemeinschaft und Zusammenkommen, mit verschiedenen Themen und Kulturen zu tun hat. Das Zentralgebäude als Teil einer Bildungsstätte spiegelt die Vielfalt der Funktionen, die Vielfalt der Maßstäbe wider, aber reflektiert auch den urbanen Sozialraum.

Was symbolisiert das Zentralgebäude der Leuphana in diesem Kontext für Sie?
Für mich symbolisiert das Zentralgebäude die Wiedergeburt einer großartigen Universität. Es ist die Wiedergeburt notwendiger Einrichtungen für Studenten. Hier geht es nicht um Luxus, sondern um das, was diese einzigartige Universität benötigt. Es gibt jetzt einen wunderbaren Ort auf dem Campus, der viele Möglichkeiten für die Studenten vereint: an dem Menschen zusammenkommen, studieren, gemeinsam essen, Vorlesungen und Ausstellungen besuchen können.

„Stadt und die Menschen sind mir sehr ans Herz gewachsen“

Der Bau ist aus öffentlichen Töpfen finanziert worden, hatten Sie je Zweifel, ob das gut geht?
Nein. Ich hatte immer Vertrauen in das Präsidium der Leuphana, das großartige Arbeit leistet. Aber auch die Zusammenarbeit mit allen finanziellen Partnern hat mich beeindruckt. Die Bedeutung der Lehre im 21. Jahrhundert stand dabei immer im Mittelpunkt.

Nun gibt es nicht nur Freunde des Bauwerks, auch Kritiker, die sagen, es passe nicht nach Lüneburg, in eine tausendjährige Salzstadt mit Patrizierhäusern aus Gotik, Renaissance und Barock. Was sagen Sie denen?
Renaissance- oder Barockhäuser waren in ihrer Zeit ja auch neu. Jede Zeit sollte sich neu erfinden. Wir können nicht immer in die Vergangenheit schauen und Repliken vergangener Epochen erschaffen, wir haben doch auch eine Zukunft und sollten dieser offen gegenüber sein. Lüneburg hat zwar eine 1000 Jahre alte Geschichte, aber ebenso eine tausendjährige Zukunft.

Am Samstag wird das Zentralgebäude eröffnet. Werden Sie Lüneburg auch weiterhin besuchen?
Natürlich! Mein Sohn, meine Schwiegertochter und meine Enkelkinder leben in Berlin. Wann immer ich in die deutsche Hauptstadt komme, versuche ich, auch einen Abstecher nach Lüneburg zu machen. Die Stadt und die Menschen sind mir sehr ans Herz gewachsen.