Aktuell
Home | Lokales | Abgesang auf den Kurschatten
Das Parkhotel Ende der 1980er Jahre. Auch diese Geschichte endet nun. Foto: Stadtrchiv

Abgesang auf den Kurschatten

Lüneburg. Die Uelzener Straße hatte etwas Mondänes: Wie an einer Perlenschnur reihten sich am Rande des Kurparks Hotels und Pensionen aneinander. Doch nun verschwindet das letzte Haus, das auf eine alte Tradition zurückblicken kann; das Parkhotel soll für den Neubau eines Wohnhauses weichen. „Es gibt zu dem Bauvorhaben in der Uelzener Straße einen positiven Bauvorbescheid“, sagt im Rathaus Sprecherin Ann-Kristin Jenckel. „Geplant ist dort ein Mehrfamilienhaus in dreigeschossiger Bauweise mit Tiefgarage. Es gibt dort keinen Bebauungsplan, das Projekt muss sich daher – wie üblich – in die vorhandene Bebauung einfügen.“ Auf der Internetseite des Bauträgers findet sich eine Ansicht, ein großer weißer Kubus, der direkt neben dem Parkplatz am Haupteingang des Parks stehen soll.

Fällt die alte Villa, endet ein Stück der Lüneburger Bädergeschichte. Wieder einmal. Denn als Sole- und Moorheilbad zog Lüneburg lange Jahre Gäste. Bis 1989 schmückte sich die Stadt sogar mit dem Zusatz Luftkurort. Doch der Titel ging perdu – dicke Luft. Die Episode Moorheilbad endete ebenfalls, Gästezahlen sanken.

Die Zeit der Logierhäuser

Das war einmal ganz anders. Als der Kurpark 1907 eingeweiht wird, wachsen die Logierhäuser an der Uelzener Straße in die Höhe, die Villen Erika, Heiderose und Auguste Viktoria liegen nebeneinander, das ist unter anderem im Heft des Salzmuseums „100 Jahre Kurpark“ nachzulesen. Überdies versucht beispielsweise die Pension Sieburg an der Feldstraße 33 – „2 Minuten vom Park gelegen mit mäßigen Preisen“ – zu profitieren. Dazu kommt das Hamburger Kinderheim, das heute Bleibe für Studenten ist.

An der Uelzener Straße lässt sich über die vergangenen Jahre ablesen, wie die Meile ihr Gesicht verändert. Ein paar Schlaglichter einer Entwicklung: Im September 2008 berichtet die LZ über die „Heiderose“, die Besitzer reißen das Röslein sozusagen mit Stumpf und Stiel aus. 1964 hatte Familie Kauermann das 1908 gebaute Hotel übernommen.

„Wir hätten investieren müssen“

Ulrich Kauermann zieht damals eine traurige Bilanz, weniger Stammgäste, Touristen in überschaubarer Zahl. Denn nicht jeder mag den Standard der picobello gepflegten 22 Zimmer, die noch graue Bundespost-Telefone mit Wählscheibe, schlichte Holzschränke und -betten besitzen. „Mit Dusche, WC, Farbfernsehen und Frühstück kostete ein Einzelzimmer 48 und ein Doppelzimmer 83 Euro“, sagte Kauermann. „Aber Pauschalreisende vergleichen das Angebot mit Hotels in Spanien oder der Türkei. Aber die haben doch andere Kosten, die brauchen keine Heizung und Isolierung.“ Kauermann weiß: „Wir hätten investieren müssen. Aber wenn kein Nachfolger aus der Familie da ist…“

Ähnlich lief es nach großer Zeit beim „Hotel am Kurpark“. Das hatte das Ehepaar Glöde 1962 an der Uelzener Straße 41 eröffnet, 17 Einzel-, 14 Doppelzimmer. Hochmodern. „Jedes Zimmer hat selbstverständlich fließend Wasser“, hieß es stolz in der LZ. „Zu jeder Etage gehören zwei Duschräume und zwei Toiletten.“ Sieben Mark kostet die Übernachtung. Der lobende Kommentar des Journalisten: „Die Kurstadt Lüneburg darf den Anschluss an die zahlreichen deutschen Badeorte nicht versäumen.“

Hier zischt man gern einen Bärwurz

1977 übergeben Glödes das Hotel an Jutta Meyer, um drei Jahre später mit der neugebauten Kurpension Erica an der Uelzener Straße 73b mit 30 Betten einen Neustart zu wagen. Nach fünf Jahren wandelt sich das Haus in die „Seniorenresidenz“. Inzwischen beides verschwunden.

Auch das 1938 gegründete Gasthaus Lindenau überlebt nicht. Nach einem Brand 1986 bauen die Familien Erxleben und Schwarz das Gebäude wieder auf. Stammgäste zischen gern den Kräuterschnaps Bärwurz, doch ein paar Jahre später ist alles vorbei. Abriss. Neubau.

1969 freut sich das Ehepaar Gerda und Otto Voss über das Hotel Astoria. Die beiden führen bereits das Hotel Kasino mit 52 Betten am Stadtrand, da, wo an der Uelzener Straße Richtung Melbeck die Landeskrankenhilfe ihren Sitz hat. Dort führen sie eine Herberge auf hohem Niveau. Etwas ganz Besonderes und mit 3,50 Mark beispielsweise für ein Frühstück so hochpreisig, das man sich schon „ordentlich etwas gönnen“ will, bevor man dort als Normalverdiener Platz nimmt. Für die Hoteliers spielt bei ihrem Umzug nach Lüneburg auch der Kurpark mit seinem Angebot eine Rolle. Das Paar bringt internationale Erfahrungen mit, hat bereits in Teheran in Persien gearbeitet. An beide Häuser können sich nur noch ältere Lüneburger erinnern.

In der Saline war man glücklich

Doch wenn man auf dem Wandel der Uelzener Straße blickt, empfiehlt sich eben auch ein Blick auf die Karriere Lüneburgs als Bäderstadt. Die begann 1813. Damals stellte man nahe dem Haus des damaligen Salinendirektors zwei Holzwannen auf, heißt es in einer Festschrift der Kurmittel GmbH aus dem Jahr 1979. Die bescheidenen Anfänge des Solbades waren lukrativ: Zwischen 1814 und 1817 nahm man 2326 Taler ein, hatte aber lediglich Ausgaben von 1316 Talern.

Doch der erhoffte Erfolg stellte sich nicht so recht ein. Das änderte sich erst Jahrzehnte später, als mit Bergrat Sachse ein neuer Mann an der Spitze stand, der neue Wege ging. In der Saline war man glücklich: 1906 zählten die Verantwortlichen 800 Badegäste und 11.000 Bäder.

Die Geburtsstunde des Kurparks

So schlug die Geburtsstunde für den Kurpark, wie wir ihn noch heute kennen. Der aus dem Harz kommende Sachse überzeugte den Magistrat, ihm 60 Morgen Land zwischen dem ehemaligen Sülztor und dem Bockelsberg zu überlassen. Der Stadtteil Rotes Feld war da noch Zukunftsmusik.

So eröffnet Sachse am 30. Juni 1907 mit geladenen Gästen den Park, den die Gebrüder ­Siessmeyer aus Frankfurt nach dem Vorbild eines englischen Landschaftsgartens entworfen haben, mit dem schmucken Kurhaus mit einem 180 Quadratmeter großen Saal sowie einer Terrasse, die 100 Besuchern Platz bietet. Auch eine Trinkhalle für die Sole, ein Musikpavillon und natürlich ein Badehaus gehören dazu. Parallel dazu locken die frisch eingeweihten Pensionen wie Erika und Heiderose Gäste. Damals flaniert der wohlhabende Gast über die Wege, lernt vielleicht eine entzückende Dame kennen. Die Kurschatten sitzen vor dem Gradierwerk um salzige Luft einzuatmen.

Eine Zeit läuft‘s

Johanna Reisel hat 1987, also 80 Jahre später, über den denkwürdigen Tag in der LZ notiert: „Alles ist für die Gäste bereit: 13 Solbäder mit acht Holzwannen und fünf überaus modernen, weiß gekachelten. Dazu sieben Kinderbäder und vier Moorbadezellen. 60 sollen es eines Tages sein, Architekt Matthies hat alles für den Ausbau der drei Flügel bis hin zum Kesselhaus vorausgeplant.“

Eine Zeit läuft‘s. Aber es kommen dunkle Zeiten. Der 1. Weltkrieg tobt, später der Zweite, an dessen Ende die Lüneburger im Kurpark Kartoffeln anbauen – weil sie solchen Kohldampf schieben. Die Engländer nehmen das Kurhaus als Kasino unter Beschlag.

Nach deren Abzug Ende der 1950er-Jahre fühlen sich die Lüneburger in ihrem Park wieder wohl. Sehr gesittet, versteht sich. Denn in jenen Jahren ist undenkbar, dass sich Studenten zum Sonnen auf das Grün legen. Erst im Mai 1986 gibt die Stadt die Rasenflächen mit einem Konzert der Happy Street Band frei. Und wer noch weiter zurückblickt, der kann im August 1963 in der LZ nachlesen, dass Besucher am Eingang des Grüns 50 Pfennig Eintritt zahlen müssen, für die Saisonkarte sind gar 18 Mark fällig.

37 Millionen Mark für das Kurzentrum

Am Rande des Kurparks entsteht zudem das Hallenbad. Im Oktober 1960 heißt es: „750.000 Liter Badewasser warten.“ Dann ein großer Frevel: Im Rathaus beschließt man, Kur- und Badehaus abreißen zu lassen, um in die Zukunft zu starten – 1973 eröffnet der damalige niedersächsische Innenminister Richard Lehners das 37 Millionen Mark teure Kurzentrum. 20 Jahre später wird das SaLü daraus, die Umbauten verschlingen 30 Millionen Mark. Heute wird das Bad bekanntlich gerade erneuert.

Auf der Strecke geblieben ist das Kur- und Heilbad alter Prägung. Und gegangen ist der betuliche Charme der alten Hotels und Pensionen. Nun wird sich auch die letzte verabschieden.

Von Carlo Eggeling