Aktuell
Home | Lokales | Sie sind am Zug
Täglich rauschen an der Wiesenstraße Züge vorbei, nur wenige Meter entfernt von den Wohn- und Schlafzimmern der Anwohner. Foto: t&w

Sie sind am Zug

Claus-Rudolf Fricke hat es aufgegeben, mit der Bahn zu kämpfen. Foto: ca

Lüneburg. Claus-Rudolf Fricke sitzt in seinem Wohnzimmer. Im Nachbarhaus hört jemand Musik. Ein Zug rauscht vorbei. Ein Zischen, keine Minute lang, dann ist es vorbei. „Die Bahn nehme ich gar nicht mehr wahr“, sagt der 71-Jährige. Dabei wohnt der Senior an der Ecke In der Weide/Wiesenstraße in der Goseburg. Noch enger kann man in Lüneburg kaum am Gleis leben. Zehn, zwölf Meter liegen die Gleise der Hauptstrecke Hamburg-Hannover von manchen Häusern hier entfernt. Doch wenn man nachfragt, kann Fricke die Züge genau unterscheiden, auch wenn sie noch ein ganzes Stück entfernt sind, der Ton dann voller und ausfüllender wird: „Es kündigt sich langsam an, Güterzüge sind dumpf, Personenzüge sind schnell vorbei. So 400 sind es über den Tag. Und bei den schweren Zügen tanzen die Tassen im Schrank.“

Die Goseburg und der gegenüberliegende Sternkamp sowie Zeltberg sind Nadelöhre der Bahn. Hier lagen mal zwei Gleise, nach jahrzehntelangen Debatten und Verfahren wurde das sogenannte Dritte Gleis gebaut, dreieinhalb Kilometer davon auf Lüneburger Stadtgebiet. Vor rund zehn Jahren erreichte es Lüneburg, 2010 hat die Bahn dann Lärmschutzwände gebaut – bis zu sechs Meter hoch. Prognosen sagten vorher, dass hier bei einem Ausbau der Strecke im Jahr 2030 bis zu 600 Loks und Waggons rollen könnten, davon 385 Güterzüge.

Zwischen Vision und Realität wird es verdammt eng

An der Wiesenstraße, an der 25 Menschen zu Hause sind, lebt man in einer gewissen Schattenwelt. Ein Spielplatz drückt sich hinter den gut drei Meter hohen Bahndamm, auf dem die grünliche Schutzwand thront.

Es ist politischer Konsens, Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlegen. Angesichts der klimatischen Herausforderungen sicher sinnvoll. Doch in einem engen Land, wird es zwischen Vision und Realität verdammt eng: Egal, ob eine neue Straße oder Gleise entstehen sollen – der Protest ist da.

Die Bahn möchte das dritte Gleis Richtung Uelzen verlängern, da ihre zunächst gewünschte Trasse nahezu Tumulte beschert hat. Die Metronom-Gesellschaft würde sich ein viertes Gleis zwischen Hamburg und Lüneburg wünschen – wegen überfüllter Züge und des konkurrierenden Güterverkehrs. An der Wiesenstraße müssten dafür Häuser auf 170 Meter Länge abgerissen werden. Die Stadt Lüneburg, namentlich der Oberbürgermeister, befürchtet angesichts der diskutierten Bahnpläne dramatische Folgen für die Anwohner: „Überführungsbauwerke“ kämen wie Monster daher, Häuserzeilen verschwänden.

„Wo soll denn das hier gehen?“

Anja Frenzel und Sascha Werner leben an der Wiesenstraße: Vorne Züge, hinten Autos. Foto: ca

Im Rat war die Grüne Claudia Schmidt im März anderer Meinung: Nicht so schlimm, es müsste größer gedacht werden. Das lässt sich gut sagen, wenn man abseits in Ochtmissen lebt. In der Goseburg sagt Claus Rudolf Fricke: „Wo soll denn das hier gehen? Bei mir durchs Wohnzimmer? Oder fahren die übereinander?“ Mit 160 km/h schießen ICE und Metronom vorbei, geplant waren mal 200 km/h. Fricke nimmt die Situation hin: „Als ich vor zwanzig Jahren in mein Elternhaus gezogen bin, wusste ich, was ich tue.“ Er atmet einmal durch: „Und gegen die Bahn zu kämpfen, habe ich aufgegeben. Bringt nichts.“ Nicht mal die alles überwuchernden Brombeeren zwischen Lärmschutzwand und seinem Zaun schneide der Konzern zurück.

Ein Stück weiter wohnen Anja Frenzel und Sascha Werner mit ihren Kindern. Sie kommen zurecht mit der Bahn. Die Schallschutzfenster, die das Unternehmen einbauen ließ, nähmen viel Krach. Klar, sie merken, wenn schwere Züge vorbeifahren, doch daran hätten sie sich gewöhnt. Schlimmer sei es an der Goseburgstraße, findet Werner: „Wenn die jungen Typen aus der Disco kommen, liefern die sich hier Rennen.“ Auch die Laster seien zu hören. Laut Stadt sind an der Goseburgstraße 113 Personen gemeldet – wer hier lebt, hat den Lärm von vorne und von hinten.

2700 Menschen wohnen an den Gleisen in den Stadtteilen Zeltberg und Goseburg, heißt es aus dem Rathaus. Und die Goseburg erduldet nicht nur die Bahn, sondern auch Betriebe wie Coca Cola mit jeder Menge Lkw-Verkehr, dazu Logistikfirmen, deren Sprinter hier lossausen.

In der Weide steht Claus-Rudolf Fricke vor dem Siedlungshaus aus den 1920er Jahren in seinem Garten. Der Rasen ist gemäht, der Kampf gegen die Brombeeren endet nie: „Die dehnen sich überall aus.“ Wie der Verkehr, der nicht abnimmt.

Von Carlo Eggeling