Donnerstag , 12. Dezember 2019
Aktuell
Home | Lokales | „Keiner will gern der Erste sein“
Wölk Schulte Bauer
Die Bauträger Manfred Schulte, Reinhardt Bauer und Roland Wölk im Ilmenaugarten. (Foto: t&w)

„Keiner will gern der Erste sein“

Lüneburg. Ungefähr 1000 Menschen leben bereits im Ilmenaugarten. Für 500 weitere wird noch gebaut. Gelobt wird von den Bewohnern die Lage, die Nähe zum Bahnhof und zur Innenstadt. An der Architektur scheiden sich die Geister – Geschmackssache eben. Doch es gibt auch Kritik von Bewohnern. Darüber spricht die LZ im Interview mit Manfred Schulte, Reinhardt Bauer und Roland Wölk. Sie sind Gesellschafter der Ilmenaugarten GmbH.

Regelmäßig hört man, das Quartier sei tot, man treffe kaum Menschen, weil es keine Begegnungsstätten gäbe.

Manfred Schulte: Das kann ich so nicht bestätigen. Es kommt auch darauf an, um welche Zeit man hier unterwegs ist. Im Sommer sitzen die Leute in den Gärten, die Kinder fahren auf der Straße mit ihren Bobby Cars. Natürlich leben hier viele Pendler, deshalb wird tagsüber weniger los sein. Ab 18 Uhr ist hier aber Leben in der Bude. Eine Begegnungsstätte zu schaffen, war uns ein wichtiger Punkt. Deshalb gibt es den Wasserplatz, bei dem wir uns viel Mühe gegeben haben.

Aber es gibt keine Gastronomie, für die doch Flächen vorgesehen sind.

Reinhardt Bauer: Ja, es gibt mehrere Gebäudeteile, die für Gastronomie geplant worden sind. Unten am Wasserplatz eher für ein Bistro, für alle Fußgänger und Radfahrer, die dort vorbeikommen. Weiter oben können wir uns ein Restaurant und ein Eiscafé vorstellen.

Schulte: Weiter vorne soll auch ein Studenten-Café entstehen, immerhin gibt es mehr als 300 Mikro-Apartments, in denen auch viele junge Menschen wohnen.

Bauer: Wir sind ja auch dabei, aber Gastronomie ist ein ganz schwieriges Thema. Keiner will gern der Erste sein, der etwas aufbaut. Denn man braucht einen langen Atem, bis eine Kundenfrequenz erreicht ist, von der man leben kann. Wie lange hat es in der Hamburger Hafencity gedauert, bis sich das etabliert hat? Wir hätten längst alles als Büroflächen vermieten können. Aber wir sagen: Der Platz soll belebt werden und wir wollen hier Gastronomie.

Sie haben sich das also einfacher vorgestellt?

Schulte: Der Wasserplatz und die Gastronomieflächen sind gerechnet auf das ganze Quartier, und das ist ja noch nicht fertig. In der Hafencity bekommt man heute in keiner Gaststätte mal eben einen Platz. Aber vor vier, fünf Jahren sah das doch noch aus wie eine Real-Animation.

Wölk: Ich bin ja ständig hier, und wenn es warm ist, sehe ich hier auf dem Platz immer Mütter mit ihren Kindern.

Weil es noch keinen Spielplatz gibt. Auch darüber klagen viele jungen Familien. Das Viertel wurde ausdrücklich als familienfreundlich beworben. Warum sind die geplanten Spielplätze noch nicht fertig?

Schulte: Wir wären damit gerne schon viel weiter. Leider grenzen die beiden Grünflächen direkt an die letzten Baustellen. Da fahren Radlader und Lastwagen mit Anhängern. Die Spielplätze lassen sich dort zum jetzigen Zeitpunkt einfach nicht herstellen. Wir haben mit der Stadt über Alternativflächen und Zwischenlösungen gesprochen.

Die es ja jetzt endlich im Wandrahm-Park geben wird. Die Bewohner fühlen sich aber immer wieder vertröstet. Gab es da keinen Zeitplan?

Wölk: Natürlich gibt es Zeitpläne. Aber die sind von vielen äußeren Umständen abhängig, auf die wir keinen Einfluss haben.

Bauer: Das Normenkontrollverfahren hat bekanntermaßen zwei Jahre gedauert. Wir haben hier zwei Jahre Bomben gesucht. Das hat uns keiner abgenommen. Es wird gern vergessen, was hier vor fünf Jahren los war. Das Gelände war die Müllhalde Lüneburgs. In den letzten Kriegstagen sind hier Tankwagen beschossen worden, die dann ausgelaufen sind.

Schulte: Die Böden waren massiv verseucht. Das waren bekannte Umweltkatastrophen, an die vorher keiner rangegangen ist. Der Boden im Bereich der Friedrich-Ebert-Brücke war acht Meter tief mit Heizöl verunreinigt. Die Sanierung hat uns mehr als eine Million Euro gekostet. Wir haben das Grundstück 2012 gekauft. Erst 2015 konnten wir die ersten Steine stapeln.

Bewohner beklagen auch die fehlende Nahversorgung. Warum gibt es ein Fitness-Studio, aber keinen Supermarkt?

Schulte: Im Bebauungsplan ist seitens der Stadt ganz klar festgeschrieben worden, in welchen Größenordnungen hier etwas entstehen kann. Die Einzelhandelsflächen sind so beschränkt, dass hier kein Discounter oder Supermarkt aufmacht. Die kriegen auf der Fläche ihr Sortiment einfach nicht unter.

Bauer: Da braucht man auch wieder etwas Geduld, denn ganz in der Nähe auf dem Lucia-Gelände wird es ja bald Einzelhandel geben. Und weil bekannt war, dass die Läden von der Bleckeder Landstraße nach dort umziehen sollen, hat man das hier im Ilmenaugarten von vornherein ausgeschlossen. Dabei geht es natürlich auch um den Schutz bestehender Geschäfte.

Im Namen Ilmenaugarten steckt das Wort Garten. Bewohner kritisieren, dass es wenig Grün, dafür aber viel Beton gibt.

Schulte: Diese Klage hören Sie in jedem Neubaugebiet. Gucken Sie in zwei Jahren wieder rein, dann ist alles grün. Das war im Hanseviertel nicht anders. Alle 300 Quadratmeter steht hier ein Baum. Und wir sind direkt am FFH-Gebiet.

Dennoch fällt auf, dass es am Straßenrand statt Grünflächen sehr viele Stellplätze gibt. Überall stehen Autos. Unter allen Gebäuden sind doch Tiefgaragen gebaut worden. Gibt es ein Parkraumproblem?

Schulte: Zum einen ist das Bequemlichkeit. Man parkt schnell mal vor der Haustür, statt in die Tiefgarage zu fahren. Zum anderen ist das eine perfekte Lage für Pendler, die hier gar nicht wohnen. Und es kostest nichts. Das wird aber nicht mehr lange der Fall sein.

Wenn sie da sind, werden die Parkplätze natürlich genutzt. Aber warum sind die überhaupt angelegt worden?

Wölk: Wir müssen sie bauen. Das sind Vorgaben der Stadt.

Schulte: Wir haben hier viel zu viele Stellplätze. Die Tiefgaragen sind gar nicht ausgelastet.

Wölk: Man hört hier aber auch oft die Klage, hier sei gar kein Platz für Besucher.

Schulte: Wir müssen im Straßenrandbereich noch einmal zehn Prozent aller sonstigen Stellplätze bauen. Wir haben hier unterirdisch einen Stellplatzschlüssel von 1,5 pro Wohneinheit. In so zentraler Lage ist das schon viel zu viel. 0,75 würden in so zentraler Lage reichen.

An der Leuphana gab es begleitend ein Projekt „Nachhaltige Quartiersentwicklung“. Gibt es hier Ladestationen für E-Autos?

Schulte: Im öffentlichen Raum bisher nicht. Dafür sind wir aber auch nicht zuständig.

Und wenn jemand mit einem Elektro-Fahrzeug im Ilmenaugarten wohnen will?

Schulte: Dann bekommt er in der Tiefgarage seinen Anschluss.

Von wem?

Bauer: Von uns. Wir haben schon eine ganze Reihe an Ladestationen verbaut. Das ist alles vorbereitet. Das Problem ist, dass fast jeder Fahrzeughersteller seine eigenen Standards hat. Allerdings setzt auch die Infrastruktur Grenzen. Wir würden hier gar nicht genug Strom geliefert bekommen, wenn alle Bewohner abends gleichzeitig ihre E-Autos laden wollten.

Offenbar läuft es nicht mit allen Käufern geräuschlos, der Kontakt läuft mit Einzelnen nur noch über Anwälte. Ist das normal bei solchen Projekten, Herr Wölk?

Wölk: Sie lernen 100 Leute kennen. Können Sie mit allen gut?

Wahrscheinlich nicht. Aber deshalb brauche ich noch keinen Anwalt.

Wölk: Ich bitte um Verständnis dafür, dass ich zu laufenden Verfahren nichts sagen werde.

Schulte: Wie in vielen anderen Bereichen gibt es mit Sicherheit gerechtfertigte Unzufriedenheiten. Weil wir etwas nicht rechtzeitig fertigstellen können. Oder weil man einen blöden Mangel nicht wegbekommt, auch mit verschiedenen Handwerkern nicht. Dann bekommt der Kunde natürlich einen Hals. Ich glaube, es gibt kein Haus, das komplett mängelfrei ist. Da muss man aber immer die Verhältnismäßigkeit wahren.

Das sind aus Ihrer Sicht also Leute, die zu hohe Erwartungen haben?

Wölk: Es gibt vermutlich auch Leute, die einfach Geld sparen wollen.

Schulte: Wenn Sie an einer noch so gut verputzten Wand mit einem Laser entlangleuchten, sehen Sie immer Unebenheiten. Aber das bewegt sich innerhalb der Toleranzgrenzen.

Wölk: Wir alle achten sehr auf Qualität und nehmen nicht ab, was die Norm für Bautoleranzen gerade so hergibt.

Schulte: Wir bauen hier ja nichts. Wir sind auch Endverbraucher, kaufen nur Leistungen ein und geben an die Käufer weiter, was aus unserer Sicht der Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB) entspricht. Wenn dann der Käufer sagt, hier sei etwas mangelhaft, kann man sich darüber streiten. Aber wir können den Handwerkern gegenüber keine Mängel mehr geltend machen, wenn nach VOB alles in Ordnung ist.

Sie, die Ilmenaugarten GmbH, haben das Grundstück ursprünglich von der Deutschen Bahn gekauft. Wie kommt es, dass einem so riesigen Konzern wie der Mondial Kapitalverwaltungsgesellschaft jetzt schon Hunderte Wohnungen gehören?

Schulte: Wir als Erschließungsträger haben einzelne Grundstücke an andere Bauträger verkauft. Unter anderem an den Projektentwickler Bonava. Die haben das komplett weiterverkauft an Mondial.

Sie drei sind also nicht die einzigen Bauträger in diesem Viertel?

Schulte: Nein. Beteiligt waren zum Beispiel auch die Uelzener Willi Meyer Bauunternehmen GmbH, die Baum Unternehmensgruppe aus Hannover und ein Bremer Architektur-Büro. Und die haben dann zum Teil am Markt verkauft.

Ist das gut für das Quartier, für die Stadt?

Wölk: Ist es relevant, wer welche Häuser kauft? Davon wird das Gebiet ja nicht schlechter.

Schulte: Wir haben auch einen Teil verkauft, an einen Fonds, der bundesweit aktiv ist. Die sind perfekt organisiert, da gibt es keine Probleme. Wenn etwas bemängelt wird, wird das sofort abgestellt.

Das kann man von Mondial und deren Verwalter Optima nicht behaupten.

Bauer: Wenn wir an Meyer in Uelzen verkaufen, die wir gut kennen, oder an Bonava, die einen guten Ruf genießen, haben wir natürlich keinen Einfluss mehr darauf, an wen die dann weiterverkaufen. Vorgabe der Stadt war ja, dass der sogenannte Riegel, also die Gebäude an der Bahntrasse, zuerst gebaut werden mussten. Das hätten wir mit unserer Größe in der Zeit gar nicht stemmen können.

Von Klaus Bohlmann

Mehr dazu lesen Sie auch unter www.wemgehoertlueneburg.de