Donnerstag , 12. Dezember 2019
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Ilmenaugarten
Justus Heinecke vor dem letzten Bauabschnitt des Lüneburger Ilmenaugartens. (Foto: t&w)

Der geplatzte Traum

Lüneburg. Mehr als eine halbe Million Euro war Justus und Louisa Heinecke* der 140-Quadratmeter-Traum in bester Lage wert. 2014 haben sie den Kaufvertrag unterschrieben für eine Wohnung, die es noch gar nicht gab, in einem Stadtviertel, das gerade erst wuchs. Eingezogen sind sie im Oktober 2017. Verlassen konnten sie das Haus damals nur mit Gummistiefeln. Der Ilmenaugarten war noch eine Baustelle. Inzwischen sind weite Teile des Quartiers fertig. Aber für die Heineckes ist der Traum geplatzt.

„Das Viertel ist tot“, sagt Justus Heinecke, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Wenn man abends hier entlangspaziert, hat man das Gefühl, das wäre ein Altenheim – und alle schlafen schon.“ Mit Exposés und Illustrationen sei für ein lebendiges, familienfreundliches Viertel geworben worden, modern, autofrei und nachhaltig. All das kann das junge Paar nicht erkennen: „Als hier alles fertig war, standen wir das eine oder andere Mal vor unserem Fenster und haben gedacht: Das ist ja eine ziemliche Beton-Hölle geworden“, sagt Louisa Heinecke.

„Das ist ja eine ziemliche Beton-Hölle geworden.“ – Louisa Heinecke

„Wenn ein Viertel das Wort ,Garten‘ im Namen trägt, erwartet man doch viel Grün“, sagt ihr Mann. Er versteht nicht, warum es überall an den Straßenrändern Stellplätze gibt, obwohl doch jedes Gebäude auf einer großen Garage steht. „Die Tiefgaragenplätze sind noch nicht einmal zur Hälfte belegt, und draußen sind alle Stellflächen voll.“ Aber es seien nicht nur die gepflasterten Parkstreifen, die das Wohngebiet steril wirken ließen. Am meisten enttäusche ihn, dass es keine Begegnungsstätten gibt: „Eine kleine Bäckerei-Filiale, im Sommer der Wasserplatz – das ist alles. Keine Gastronomie, kein Einzelhandel. Stattdessen ein Fitness-Studio.“

Auf die Illustrationen hereingefallen

„Wir waren wahrscheinlich zu naiv“, seufzt Louisa Heinecke, „und sind auf die Illustrationen reingefallen“. Klar, man habe den Bebauungsplan einsehen können, aber vorstellen könne man sich das alles nur begrenzt – „es sei denn, man ist Architekt“. Ein Ärgernis für die Familie, deren Tochter Carlotta zweieinhalb Jahre alt ist, sind die fehlenden Spielmöglichkeiten: „Wir lassen die Kleine nicht ohne Helm aus dem Haus. Wenn sie hinfällt, fällt sie auf Beton.“

Dass Justus und Louisa Heinecke „jede Freude an dem Projekt verloren“ haben, hat allerdings noch einen anderen, vielleicht viel gewichtigeren Grund: Zu dem Bauträger, von dem sie ihr neues Zuhause gekauft haben, haben sie fast nur über Anwälte Kontakt. Schon kurz nach dem Einzug hätte erst ein Jurist dafür sorgen können, dass an der Treppe zur Wohnung in der ersten Etage ein provisorisches Geländer montiert worden sei. „Mit einem Kleinkind auf dem Arm die staubigen und rutschigen Stufen rauf und runter – das war lebensgefährlich“, erinnert sich die Mutter. Der Aufzug sei damals wochenlang nicht nutzbar gewesen. Natürlich habe man gewusst, dass man auf eine Baustelle zieht, dass die Außenanlagen noch nicht fertig sind, die Straßen nicht gepflastert. „Schwierig wird es aber, wenn ein Gebäude nicht verkehrssicher ist“, sagt Louisa Heinecke. Monatelang hätten sie das Haus nur über Paletten betreten können. „Immer wieder mussten wir den Anwalt anrufen und drohen – sonst wäre nichts passiert. Das ging wirklich an die Substanz.“

Gutachten listet 81 Baumängel auf

Knapp zwei Jahre nach dem Einzug sind das Haus, die Straßen und die übrigen Flächen längst fertig. Doch die Anwälte haben die Akten noch immer nicht geschlossen. Ein Gutachten, sagt Justus Heinecke, liste 81 Baumängel an seiner Wohnung auf, „von denen 30 bis 40 Prozent nach zwei Jahren noch nicht abgestellt sind“. Als Beispiel nennt er schiefe Wände, einen feuchten Keller, zerkratzte Fensterscheiben. Die Folge: Die Wohnung ist noch nicht abgenommen, die Kaufsumme noch nicht vollständig überwiesen, der Eintrag im Grundbuch noch vorläufig. Und: „Wir sind nicht die einzigen Käufer in dieser Wohnanlage, die Stress mit dem Bauträger haben.“ Öffentlich äußern möchte sich von denen aber niemand. Auch der Bauträger will gegenüber der LZ keine Stellung zu dem „laufenden Verfahren“ nehmen.

Der Traum von der eigenen Wohnung hat die Familie „viel Geld, Zeit und Nerven“ gekostet. Jedoch sei keineswegs alles schlecht in dem neuen Lüneburger Viertel. Die Heineckes schätzen die Nähe zur Innenstadt, die Top-Lage mit Blick auf die Ilmenau, und auch architektonisch finden sie den Gebäudekomplex auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs durchaus gelungen.

Und alle Anwohner, die sich an der Lautstärke von Konzerten in „Schröders Garten“ stören, seien von den Betreibern des Biergartens in Sicht- und Hörweite eingeladen, kostenlos teilzunehmen. So stellt sich Justus Heinecke ein friedliches Miteinander vor. Doch unterm Strich überwiegt der Frust über die Wohnsituation: „Unter diesen Umständen würden wir es nicht noch einmal machen.“

* Name von der Redaktion geändert

Von Klaus Bohlmann

Mehr dazu lesen Sie auch unter www.wemgehoertlueneburg.de