Donnerstag , 24. Oktober 2019
Aktuell
Home | Lokales | Zahnlücken im Stadtbild
Auch in der Parkstraße stehen zwei Häuser leer - und das seit über zwei Jahren, erzählen Nachbarn der LZ. Ein Investor wolle dort Penthouse-Wohnungen erreichten, obwohl die Häuser beim Verkauf noch gut bewohnbar gewesen sein sollen. Foto: kg

Zahnlücken im Stadtbild

Lüneburg. Sie lassen sich fast in allen Teilen der Stadt finden und sind den Nachbarn häufig ein Dorn im Auge: leerstehende Wohnungen und Häuser. Manche von ihnen sind nur vorübergehend unbewohnt, weil Sanierungen oder Mieterwechsel stattfinden. Andere stehen über Jahre leer, Bausubstanz und Grundstück verkommen. „Das Haus ist wie eine Zahnlücke in unserer schönen Straße“, klagt die Nachbarin eines leerstehenden Gebäudes in der Roten Straße, das bereits seit mehr als zwei Jahren unbewohnt ist.

Leser melden leerstehenden Wohnraum

Im Rahmen der neuen Zweckentfremdungsverordnung hat die Stadt seit Juli diesen Jahres die Möglichkeit gegen Leerstand vorzugehen, wenn dieser länger als sechs Monate andauert. Ein nachgewiesener Wohnraummangel berechtigt sie dazu, mit finanziellen Sanktionen bis zu 100 000 Euro an Eigentümer heranzutreten, die Wohnraum unbegründet leerstehen lassen oder anderweitig zweckentfremden. Um von den verwaisten Immobilien zu erfahren, hat die Verwaltung ein Antrags- und Meldeformular für Bürger und Besitzer entworfen. Einige Eigentümer hätten seit Erlass der Verordnung bereits die Gelegenheit ergriffen und von sich aus eine Zweckentfremdung beantragt, berichtet Stadtpressesprecher Sebastian Koepke-Millon.

Das Projektteam von „Wem gehört Lüneburg?“ wollte herausfinden, wie viele unbewohnte Immobilien es in der Hansestadt gibt und welche Gründe hinter dem Leerstand stecken. Dafür baten wir die LZ-Leser um Mithilfe. Sie meldeten knapp fünfzig Adressen im Stadtgebiet. Wir sind jede einzelne abgefahren und haben mit Besitzern und Nachbarn gesprochen, die oft bereitwillig Auskunft gaben. Schlussendlich konnten wir 30 der Adressen als leerstehenden Wohnraum „verifizieren“. Einige Geschichten der Immobilien finden Sie auf dieser Doppelseite, die Karte bietet einen Überblick.

Karte: Anna Paarmann, Fotos: kg; StockAdobe, Quelle: OpenStreetMap contributors, CARTO; Stadt Lüneburg

Leerstand systematisch erfassen

Wir wollten außerdem wissen, ob es für Verwaltungen nicht eine datenbasierte Vorgehensweise gibt, um leerstehende Gebäude zu registrieren. Dabei stießen wir auf das Baulücken- und Leerstandskataster der niedersächsischen Vermessungs- und Katasterverwaltung. Der Webdienst kombiniert für Kommunen Geodaten mit Einwohnermeldedaten und kann so Baulücken und Leerstände systematisch erfassen und visualisieren. Im Jahr 2016 wurde der Service der Katasterämter bereits von 160 Kommunen in Niedersachsen genutzt, die Kosten dafür liegen pro Abnehmer bei rund 800 Euro jährlich.

„Die Adressen müssen dann natürlich noch alle überprüft werden“, erklärt Günter Nickel, Leiter des Dezernats Geodatenmanagement beim Lüneburger Katasteramt. „Kleine Gemeinden machen sich diese Arbeit oft nicht, weil sie sagen: Wir haben das alles im Blick.“ Auf Nachfrage bei der Stadt, ob eine Nutzung des Katasters für die Erfassung von Leerstand in Erwägung gezogen werde, meldet diese Datenschutz-Bedenken an und antwortet: „Nach unserer Kenntnis ist Lüneburg nicht in ungewöhnlichem Maße von Leerstand betroffen, weswegen wir diese Möglichkeit derzeit nicht als Mittel der Wahl ansehen.“

Reihenhaus Gorch-Fock-Straße: Sanierungen stehen an

Im Vergleich zu den anderen Vorgärten wirkt dieser an der Gorch-Fock-Straße deutlich trostloser. Ein Baum wurde gekürzt, er besteht nur noch aus Stamm und Ästen, Unkraut wuchert. Eine Nachbarin bestätigt die Hinweise von Lesern: „Der Mieter ist letztes Jahr am 31. Juli ausgezogen, weil die Miete erhöht wurde und er sich das mit seiner Rente nicht mehr leisten konnte.“ Über Monate hinweg sei auf dem kleinen Stück Grün vor der bundeswehrfarbenen Fassade nichts gemacht worden, erst als das Gras Kniehöhe erreicht hatte und Motten anzog, sei eine Firma gekommen, „die nun alle vier Wochen den Rasen mäht“.

Foto: kg

Vermieter ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), ihr sollen in dem Stadtteil Moorfeld mehrere Blöcke mit Reihenhäusern und Wohnungen gehören. Auf Nachfrage bestätigt die Anstalt des öffentlichen Rechts, die ihren Sitz in Bonn hat und dem Bundesfinanzministerium untersteht, den Auszug des Mieters zum 31. Juli 2018. Einen Grund habe dieser nicht angegeben, sagt Sprecher Thorsten Grützner. Den Leerstand begründet er so: „Die BImA plant, das Haus wieder zu vermieten. Zunächst muss es jedoch umfassend saniert werden.“

Generell bemühe man sich, die Wohnungen schnellstens wieder zu vermieten, neben Sanierungen, die eben das verzögern, sei es in der Vergangenheit auch durch geplante Verkäufe zu Leerständen gekommen. Das soll sich ändern: „Bund, Länder und Kommunen haben im September des vergangenen Jahres beschlossen, mit einer gemeinsamen Wohnraumoffensive zur Entspannung auf dem Wohnungsmarkt beizutragen. Deshalb wird die BImA nun ihren Wohnungsbestand halten und darin investieren. Leerstehende Wohngebäude werden ertüchtigt und neu vermietet.“ Gefragt nach der Höhe der Mieten in Lüneburg, sagt Grützner, dass sich die Nettokaltmiete zwischen 5,20 und 8,48 Euro pro Quadratmeter bewege.

Mehrfamilienhaus im Wilschenbrucher Weg: Nicht zu verkaufen

Fünfeinhalb Jahre hat Ute Böckel in der Zwei-Zimmer-Wohnung im rechten Teil des geräumigen Hauses am Wilschenbrucher Weg gewohnt. Nachbarn hatte sie in der Zeit nie, der linke Teil des Gebäudes, der über sechs Briefkästen verfügt, steht leer. Und das angeblich schon seit der Renovierung vor 20 Jahren. „Ich habe oft gefragt, wann denn die neuen Nachbarn einziehen“, erzählt die Lüneburgerin, die im August 2013 ein- und im Januar diesen Jahres ausgezogen ist. „Die Vermieterin hat mir gesagt, dass sie das nicht will.“ Im August 2017 habe sie ihr schon mitgeteilt, dass sie generell nicht mehr vermieten wolle und es ja schade sei, dass sie regelmäßig und pünktlich ihre Miete zahle, sie ihr deshalb nicht kündigen könne.

Foto: kg

Böckel erzählt, dass sie unangekündigte Besuche ihrer Vermieterin erdulden, sich vorwerfen lassen müssen, die Heizung manipuliert, Risse in der Badezimmerwand und Schimmel verursacht zu haben. „Das sind nur einige Beispiele“, macht sie deutlich. Dass sie das Kapitel bis heute nicht abschließen konnte, obwohl sie längst in einer „größeren Wohnung mit netten Nachbarn“ wohnt, begründet sie so: „Sie zahlt mir meine Kaution nicht zurück, weil die Mietschäden angeblich höher sein sollen. Kontakt haben wir nur noch über den Mieterbund.“

Heute ärgert sich Ute Böckel darüber, dass sie damals nicht auf die Menschen gehört hat, die in der Straße wohnen. „Als ich eingezogen bin, haben sie mir gesagt, dass jedes Mietverhältnis mit der Frau im Streit endet.“ Dass es sich bei der Eigentümerin des Hauses, eine ältere Dame aus Rosengarten, um einen schwierigen Charakter handele, hat die LZ auch von Nachbarn gehört. So erzählt ein Mann, der nur wenige Meter entfernt wohnt, dass er schon versucht habe, das Haus zu kaufen. Ihm gehören nach eigener Aussage bereits zwei Mehrparteienhäuser in der Straße. Bei einem Versuch ist es geblieben: „Man kommt an die Frau nicht ran, sie scheint nicht angewiesen zu sein auf das Geld.“

Sie selbst wollte auf LZ-Nachfrage keine Auskunft geben, sich dementsprechend auch nicht zu den Gründen für den Leerstand äußern. Sie sagt nur so viel: „Dass das Haus leer steht, wissen Sie ja. Das ist eine reine Privatsache. Ich weiß selbst noch nicht, was mit dem Haus geschieht.“

Reihenhaus am Kreideberg: Im Notfall unerreichbar

Wer in der Straße Am Kreideberg nach einem Reihenhaus sucht, das nicht bewohnt ist, der wird schnell fündig. Ein Gebäude, dessen Vorgarten so zugewuchert ist, dass die Eingangstür kaum noch zu erreichen ist, ist mit Sicherheit leerstehend. Nachbarn bestätigen die These, sie waren es auch, die sich bei der LZ gemeldet und auf diese Immobilie hingewiesen haben. Jürgen Heinle, er wohnt nebenan, ist mit seinem Latein am Ende. Er erzählt, dass der Eigentümer, ein Mann aus Bienenbüttel, das Haus vor neun Jahren gekauft und viel Geld investiert habe. Neben neuer Elektrik sei unter anderem auch eine neue Küche eingebaut worden. „Das Haus wäre bezugsfertig gewesen“, sagt er. Alle Versuche, den Mann zu kontaktieren, seien gescheitert. Eine andere Nachbarin erzählt, dass sie sogar einen Brief bei seiner Arbeitsstelle abgegeben habe – ohne Reaktion.

Foto: kg

Warum sich die Anwohner so über den Leerstand ärgern? Zum einen, weil Unkraut nicht vor Eigentumsgrenzen Halt macht und fröhlich auf die anliegenden Grundstücke übersiedelt, Birken und Ahornbäume inzwischen so hoch gewachsen sind, dass sie die Grünflächen der Nachbarn überschatten. Zum anderen, das beklagt Jürgen Heinle, weil sich das Reihenhaus nebenan und das seine ein Abwassersystem teilen. „Die Abflüsse aus unserer Küche und aus der Waschküche führen in den Keller des Nachbarn – und andersherum. Wenn es irgendwann mal zu einer Verstopfung kommt, hat er die Überflutung in seinem Keller oder wir.“ Bis heute hofft er vergeblich auf einen Kontakt für den Notfall. Nachbarschaft funktioniere anders, findet er.

Die LZ hat den Eigentümer erreicht, er wurde am Telefon sehr deutlich: „Ich kenne Sie nicht und ich gebe Ihnen dazu keine Auskunft. Rufen sie mich nicht wieder an.“

Zwei Einfamilienhäuser Beim Holzberg: Zweites Hostel an der Bahn?

Die Nachbarn, die Tag für Tag auf die beiden völlig verwahrlosten, zum Teil einsturzgefährdeten Immobilien blicken, sind sprachlos und genervt zugleich. Sie sind es, die im Sommer die Hecke zurückschneiden, damit Passanten nicht vom Bürgersteig auf die Straße ausweichen müssen. Sie sind es, die in den Wintermonaten Schnee schippen und streuen, damit niemand ausrutscht. Eine Frau, die schon viele Jahre in der Straße Beim Holzberg wohnt, erzählt mit Blick auf eines der beiden Gebäude, es diente einst als Bahnwärterhäuschen (Foto unten): „In dem einen Teil hat eine Familie gewohnt, sie ist vor einem Jahr ausgezogen. Die andere Hälfte war lange im Besitz einer der Eigentümer, der ist weggezogen oder gestorben, das wissen wir nicht genau.“ Sie ist überzeugt, dass man das kleine Doppelhaus direkt an den Gleisen noch herrichten könnte. Einzig die Waschbecken seien gesprungen und die Heizung defekt, zudem gebe es seit einiger Zeit ein Rattenproblem. „Das ist ganz schwierig mit solchen Hauseigentümern, wir würden das bei unserem Haus niemals zulassen.“

Foto: kg

Wenige Meter daneben steht das zweite unbewohnte Haus, drei Jahre soll das Objekt bereits leer stehen. Im Gegensatz zu dem Nachbarhaus sei dieses nicht mehr zu retten, innen stützt eine Strebe die obere Etage ab, draußen hängt ein gelbes Schild mit der Aufschrift „Betreten der Baustelle verboten“. Drei Männer sind dabei, das Nebengebäude auszuräumen.

Eigentümer beider Immobilien ist Jörg Rebstock. Er erzählt, dass er das einsturzgefährdete Haus Ende 2018 über einen Makler gekauft habe. „Der Eigentümer ist gestorben und der Sohn hat das Erbe ausgeschlagen.“ Schon beim Kauf sei klar gewesen, dass das Haus nicht zu retten ist. „Wir haben es durchgerechnet, eine Sanierung lohnt sich nicht“, sagt er, der beide Gebäude abreißen und auf dem rund 1200 Quadratmeter großen Grundstück neu bauen möchte. Man verhandele derzeit mit der Stadt, die entsprechenden Anträge habe er bereits Anfang des Jahres gestellt.
Eben wegen dieser Pläne hätte eine Neuvermietung keinen Sinn gemacht. „Das ist der Grund, warum viel leer steht. Ich kann meinen Mieter ja nicht kurz nach dem Einzug wieder vor die Tür setzen, weil die Genehmigung vorliegt.“ Investor bräuchten auch Planungssicherheit.

Foto: kg

Er widerspricht auch den Erzählungen der Nachbarn: So seien die Mieter des Doppelhauses erst im Frühjahr ausgezogen, also vor einigen Monaten und nicht vor einem Jahr. Für herrichtenswert hält er es zudem nicht. „Eine energetische Sanierung wäre bei dem Alter nötig, aber das lohnt sich nicht.“ Da der Bebauungsplan dort ein Mischgebiet ausweist, kann sich Rebstock auch vorstellen, neben Wohnraum Gewerbeflächen zu schaffen. „Die Vorschläge gehen gerade hin und her, die Stadt ist involviert.“

Dass der Verwaltung seit 2018 eine Bauvoranfrage für die Neuerrichtung eines Hostels vorliegt, teilt Pressesprecherin Suzanne Moenck auf Nachfrage mit. „Da das unbeplante Gebiet in der Nähe der Bahn liegt und ansonsten überwiegend durch Wohnen und kleinteiliges Gewerbe geprägt ist, können wir uns diese Art der Nutzung an sich schon vorstellen.“

Mehrfamilienhaus Vor dem neuen Tore: Hier entstehen Ferienwohnungen

Im Fenster klebt ein Zettel von der Bauaufsicht. „Umwandlung von Wohnungen in Ferienwohnungen“ ist darauf zu lesen, Bauherr: Martin Wrede. Er betreibt die Gärtnerei direkt nebenan, das Haus, das Leser der LZ als leerstehend gemeldet haben, hat einmal als Büro gedient, erzählt der Chef. Auch, dass sich fünf Wohnungen in dem geräumigen Gebäude an der Straße Vor dem Neuen Tore befinden. Zwei von ihnen sind fest vermietet, eine leere Wohnung ist bereits weitgehend saniert, bei den beiden verbleibenden 50-Quadratmeter-Apartments stehen die Arbeiten noch an.

Foto: kg

„Die Bäder müssen komplett saniert, die Fußböden und Wände erneuert werden.“ Warum er sich für Ferienwohnungen entschieden hat? „Ich hatte immer wieder Ärger mit Mietern, da haben wir uns gesagt, dass wir ja auch mal etwas anderes ausprobieren können“, sagt Wrede, der daraufhin die Umwandlung beim Bauamt beantragt. Ein Mieter sei im Juli ausgezogen, der andere im April. Er gibt das vorsichtige Ziel aus, noch in diesem Jahr die Sanierung abzuschließen. Dann können Touristen in dem Haus unterkommen, das im Jahr 1840 erbaut wurde und sich seit vielen Jahrzehnten im Besitz der Familie Wrede befindet. Davon zeugen auch einige historische Medaillen an der Hauswand.

Reihenhaus Bleckeder Landstraße: Wenn das Herz am Haus hängt

Die Vorhänge sind zugezogen, ansonsten sieht das rote Backstein-Reihenhaus in der Bleckeder Landstraße wie seine Nachbargebäude aus. Doch es gibt einen Unterschied: Es ist unbewohnt – und das schon seit vielen Jahren. Eine ältere Dame einige Häuser weiter, sie hat von ihrem Grundstück aus direkten Blick in den Garten, sagt, dass das Haus seit 20 Jahren leer stünde. Wo eigentlich ein Balkon sein sollte, ist lediglich ein stählernes Gerüst an der Fassade befestigt. Auf der kleinen Rasenfläche wurde augenscheinlich schon länger nichts mehr gemacht. Die Nachbarin hat aber auch beobachtet, dass in dem Haus zurzeit gearbeitet wird.

Foto: kg

Vor der Haustür trifft die LZ den neuen Eigentümer. Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, gibt aber trotzdem bereitwillig Auskunft. „Das Haus hat 13, 14 Jahre lang einem älteren Mann gehört, er hat viel Arbeit reingesteckt, dann aber irgendwann nicht mehr die Zeit gefunden“, sagt er. Vor einigen Monaten habe er das Haus gekauft, „das komplett renoviert werden muss und dann vermietet werden soll“. Dass das Gebäude so lange unbewohnt war und erst nach vielen Jahren den Besitzer gewechselt hat, erklärt er sich so: „Das war das Elternhaus des Vorbesitzers. Da hing sein Herz dran.“

von Katja Grundmann und Anna Paarmann

 

Mehr zum Thema Wohnen lesen Sie HIER.