Donnerstag , 12. Dezember 2019
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Erbbaurecht
Bettina Küntzel in ihrem idyllischen und gepflegten Garten. Eigentümerin des Grundstücks ist die Lüneburgerin nicht, sie ist Erbbaurechtsnehmerin bei der Stadt. (Foto: t&w)

Absichern für den Sohn

Lüneburg. Im Juni 2005 hätte Bettina Küntzel noch kaufen dürfen. Für 42 930 Euro wäre das Grundstück im Sültenweg, auf dem ihr Haus steht, das ihre gewesen. Es gehört der Stadt. Und die blieb damals, als sie der Lüneburgerin das Angebot unterbreitete, deutlich unter dem geltenden Bodenrichtwert, an dem sich der Grundstückswert generell orientiert. Vor 14 Jahren lag er bei 130 Euro pro Quadratmeter, die Stadt wollte nur 90 von Küntzel haben. Die 61-Jährige, die das Erbbaurecht von ihren Eltern übernommen hat, lehnte ab. Ihr fehlte das Geld.

Eine Entscheidung, die sie heute bereut. Inzwischen weiß sie, was für ein Angebot sie hat sausen lassen. Inzwischen weiß sie auch, dass sie das Grundstück nicht mehr kaufen kann. Die Stadt veräußert ihre Erbbaurechte seit einigen Jahren generell nicht mehr (siehe unten).
Bettina Küntzel war dies bisher allerdings alles andere als klar. Jährlich stellte sie ein Kaufgesuch an die Verwaltung, und jährlich ließen die schriftlichen Antworten einigen Raum für Hoffnung. Ein klares Nein kam erst von Oberbürgermeister Ulrich Mädge beim „Wem gehört Lüneburg?“-Expertenabend Anfang Juni in der Aula der Christianischule. Da ging es auch ums Erbbaurecht. „Ich werde trotzdem weiter dran bleiben“, kündigt Küntzel an.

Für die Generation, die nachfolgt

Dabei ist sie sich im Klaren darüber, dass der Kaufpreis mit Sicherheit ein anderer wäre, sollte die Stadt eines Tages doch noch ein Sinneswandel ereilen. Der Bodenrichtwert für ihre ­Adresse liegt heute bei 320 Euro, multipliziert mit der Grundstücksgröße ergibt das einen Preis von etwas über 150 000 Euro – mehr als dreimal so viel wie im Jahr 2005.

„Wenn der Vertrag ausläuft, wird sich der Zins stark erhöhen. Das ergibt dann keinen Sinn mehr.“ – Bettina Küntzel, Erbbaurechtsnehmerin

Warum sie angesichts dieser Summe trotzdem an dem Wunsch festhält, zu kaufen? Ganz einfach, sie denkt an die Generation, die nachfolgt. An ihre beiden Söhne, 22 und 39 Jahre alt. Vor allem ihr Ältester fühlt sich dem Haus verbunden. Er würde es gern behalten, wenn seine Mutter eines Tages mal nicht mehr auf dieser Welt sein sollte. Doch der Erbbaurechtsvertrag würde dann zu teuer, sagt Küntzel. „Wenn der Vertrag ausläuft, wird sich der Zins stark erhöhen. Das ergibt dann keinen Sinn mehr.“ Besser wäre es deshalb zu kaufen, findet sie, selbst zu einem hohen Preis.

Wer verlängern muss, den trifft das hart

Was die Musiklehrerin fürchtet, ist das Grundproblem der Erbbaurechtsverträge: Die Bodenrichtwerte sind in die Höhe geschossen. Ihre Höhe bestimmt auch die Höhe des Erbbaurechtszinses. Wer heute einen Vertrag neu abschließt oder einen nach 99 Jahren auslaufenden Vertrag verlängern muss, den trifft das hart. Die LZ hat über Fälle berichtet, in denen Lüneburger statt 350 Euro im Jahr fortan 6000 Euro zahlen mussten. Für manchen Erbbaurechtsnehmer ist das der finanzielle Ruin.

Bettina Küntzel ist 1999 in den Vertrag ihrer Eltern eingestiegen. Er endet erst am 31. März 2052, dann wäre sie 94 Jahre alt. 347 Euro überweist sie derzeit jährlich an die Stadt. Mit der Summe ist sie alles andere als unzufrieden. Sie ist sich sogar sicher, dass günstiger Wohnen kaum möglich ist. „Die Bedingungen sind toll, eigentlich ist man echt verrückt, wenn man kaufen will.“ Wären da nicht die explodierenden Bodenpreise und die Sorge um die nächste Generation.

Pläne für den Kauf des 477 Quadratmeter großen Grundstücks hat Küntzel ganz optimistisch schon geschmiedet. So müsste sie in jedem Fall einen Kredit aufnehmen, diesen würde sie dann aber mit ihrem Sohn tilgen. Wer sich wundert, warum Küntzel sich diesen Plan noch nicht aus dem Kopf geschlagen hat, findet eine Erklärung in der Antwort, die sie im März vor einem Jahr auf eine Mail an eine Mitarbeiterin des Bereichs Kämmerei und Stadtkasse erhalten hat. „Leider muss ich Ihnen weiterhin hinsichtlich des Kaufangebotes eine Absage erteilen. Die Hansestadt Lüneburg hat die Veräußerung von Erbbaurechts-Grundstücken weiterhin ausgesetzt“, ist darin zu lesen. Ebenso, dass Küntzel bereits zwei Jahre zuvor in eine Interessentenliste aufgenommen wurde.

Raum für Hoffnung

Sie fragt sich, wieso eine solche Liste geführt wird, wenn die Stadt doch nicht mehr verkaufen möchte. Auch dem Wort „ausgesetzt“ entnimmt Küntzel, dass es Raum für Hoffnung gibt. Selbst einen Anwalt hat sie kontaktiert, auf seinen Rat hin die Nachbarn in ihrer Straße, im Schildsteinweg, Kiebitzweg und in der Sonninstraße abgeklappert. Entstanden ist eine Liste mit 28 Adressen: 15 Mal steht darauf das Wort „Erbpacht“, neunmal „Eigentum“. Vier Anwohner waren nicht zu Hause.

„Es ist also total gemischt“, sagt Küntzel, die sich fragt, warum nicht alle auf Erbbaurecht wohnen. Sie stört sich daran, dass das Thema so willkürlich behandelt wird. „Es scheint, als hätten die einen Glück und die anderen Pech.“ Auch der Anwalt konnte ihr nicht helfen. „Er hat gesagt, dass das keinen Zweck hat. Es gibt keine rechtliche Grundlage.“

Sie lässt ihren Blick durch das Wohnzimmer schweifen, das angeschlossen an eine gemütliche, offene Küche zum Verweilen lädt, zu Stunden auf dem Sofa, um den Anblick des schönen Gartens zu genießen. „Das ist ein unglaublich toller Ort, ich liebe die Nähe zur Stadt, zur Schule, zu den Kleingärten“, sagt sie dann. „Das ist ein Wohlgefühl, das ich gern absichern würde.“

Doppelseite am Dienstag

Mehr zum Erbbaurecht

Dem Thema, das in Lüneburg ein großes ist , haben wir noch weitere Seiten in der LZ gewidmet. Am Dienstag, 1. Oktober, haben wir auf einer Doppelseite aufgefächert, wo in Lüneburg das Erbbaurecht wie stark ist und wer solche Flächen vergibt. Zudem gibt es einen Bodenrichtwertatlas zu sehen. In derselben Woche berichten wir auch über die Erbbau-Initiative in Lübeck.

Von Anna Paarmann