Donnerstag , 12. Dezember 2019
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Drei Mal dokumentierten und bewerteten Makler die Immobilie in Deutsch Evern – mit unterschiedlichen Ergebnissen. Foto: t&w

Nur verrechnet?

Deutsch Evern. Der Zettel liegt zerrissen auf dem Wohnzimmertisch. Eigentlich war er schon im Papierkorb entsorgt, als der Mann mit dem kurzen grauen Haar ihn nochmal hervorkramte. Seinen Namen und die Zahlen auf dem Papier will der Mann nicht in der Zeitung lesen, seine Geschichte schon. Es ist die Geschichte von einem Häuschen, das verkauft werden soll; von drei unterschiedlichen Maklergutachten und von der Frage, welches stimmt denn nun?

„Marktpreiseinschätzung für Ihre Immobilie“ steht in dicken Lettern auf dem zerrissenen Zettel. Zwei Absätze darunter eine Zahlenkette, die den Mann ratlos stimmt. Seit mehr als 40 Jahren lebt er mit seiner Partnerin in dem Einfamilienhaus in Deutsch Evern. Rund 1400 Quadratmeter Grundstück, 220 Quadratmeter Wohnfläche in ruhiger Lage – eigentlich beste Voraussetzungen, um die Immobilie an den Mann zu bringen. Denn das Paar möchte sich verkleinern, möglichst aufs Auto verzichten und sich in einer stadtnahen Mietwohnung für das Älterwerden wappnen.

„Ich war erstaunt über die hohe Diskrepanz“

„Ich dachte, wir könnten das Haus einfach mal bewerten lassen“, erinnert sich der Mann. Drei Mal tat er das, denn „Vielfalt ist ja alles“, findet er. Drei Werteinschätzungen, bei drei verschiedenen Maklern. Während zwei der Makler mit ihren Einschätzungen sehr dicht beieinander lagen, wirft die dritte Analyse Fragen auf. Denn sie zeigt einen rund 38 Prozent niedrigeren Wert als die höchste der beiden anderen Bewertungen.

„Komisch“, fand der Mann. „Ich war erstaunt über die hohe Diskrepanz“, sagt er, waren doch alle Makler zu ihm gekommen, haben dasselbe Haus gesehen dieselben Fragen gestellt. Er zerriss das Gutachten, warf es weg. Bis zwei Tage später das Telefon klingelte. „Ich bekam einen Anruf von dem Makler mit der abweichenden Bewertung, es gebe Interessenten, die bereit wären, mehr zu zahlen.“ Mehr heißt in diesem Fall fast so viel, wie die anderen Makler berechnet hatten. „Das kam mir unseriös vor. Entweder ist der Makler inkompetent, oder sie wollen bescheißen. Ich halte das für bedenklich, weiß aber nicht, welche Motive dahinter stehen“, sagt der Mann.

Die Firma hüllt sich in Schweigen

Über die Motive der Maklerfirma aus Lüneburg ist auch nach einer LZ-Anfrage nichts bekannt. Die Firma hüllt sich in Schweigen, lässt nur schriftlich verlauten, „generell bieten wir keine Immobilien ohne Auftrag an“. Zu der fragwürdigen Bewertung äußert sie sich nicht.

Hauke Stark, Vorsitzender des Vereins Haus & Grund Lüneburg, hat bisher kaum mit vergleichbaren Fällen zu tun gehabt. „Das Thema unterschiedliche Werteinschätzungen kommt bei uns so gut wie nicht vor“, erklärt er. Dennoch lässt sich nicht ausschließen, dass es bei Immobilieneinschätzungen zu Fehlern kommen kann. „Es könnte damit zusammenhängen, dass viele Makler sagen, sie könnten so etwas. Aber es gibt wahrscheinlich einige, die sich da überschätzen“, sagt der Experte. Denn die Bewertung einer Immobilie sei anspruchsvoll, und die Faustregel von einst, „Jahresmiete mal zwölf“, gelte längst nicht mehr.

„Wir machen uns da keinen Druck“

Starks Empfehlung: „Immer wenn Sie eine genaue, belastbare und tragfähige Immobilienbewertung haben wollen, sollten Sie einen Sachverständigen einschalten“. Diese, zum Beispiel von der Industrie- und Handelskammer bestellten Experten, erstellen unabhängige und umfassende Wertanalysen. Das kostet Geld, „aber in Relation zum Wert der Immobilie sollte das immer drin sein“, findet Stark.

Der Hausbsitzer hat den Zettel wieder beiseite gelegt. Ob er und seine Partnerin das Haus nun wirklich verkaufen, haben sie noch nicht endgültig entschieden. „Wir machen uns da keinen Druck“, sagt er. Er wird weiter Angebote einholen, sie abwägen und dann entscheiden. Der nächste Makler kommt übermorgen.

Von Anke Dankers