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Die Mitarbeiter der Wohngruppe bringen Rita Müller täglich die Zeitung vom Vortag vorbei. Sie guckt sich die Bilder an, schneidet sie aus und klebt sie auf - das gibt ihr Orientierung und Sicherheit. Foto: kg

Den Kopf voller Eindrücke

Lüneburg. Mit vernarbten Händen schlägt Rita Müller die Zeitung auf. Sie trägt Polo-Shirt, Fleecejacke und Kurzhaarschnitt und sitzt am Schreibtisch ihres circa fünfzehn Quadratmeter großen Zimmers. Sonnenlicht fällt durch das Fenster zum Garten der Stiftung Kühnausche Gründung, einem Wohnheim mit Tagesförderstätte für Menschen mit Behinderung, ihrem zu Hause. Um Müller herum türmen sich Stapel alter Zeitungen. An vielen Stellen hängen seitlich Schnipsel heraus, dazwischen Klarsichthüllen gefüllt mit ausgeschnittenen Artikeln.

Unmittelbar beginnt der Blick der Frau, die Zeitungsseite zu scannen, eine Abbildung nach der anderen. Sie konzentriert sich auf die Fotos, denn lesen oder richtig sprechen hat die 48-jährige Autistin nie gelernt. Dabei regt sich ihr Gesicht kaum, doch die wachen Augen verraten, wie es im Kopf dahinter rattert, dass ihr kein Detail entgeht. Noch mehr als anderen hilft die Lokalzeitung Müller, Geschehnisse in Stadt und Landkreis einzuordnen.

„Rita speichert alles“

„Haui, Haui“, ruft sie und tippt mehrfach mit dem Zeigefinger auf ein Baustellen-Foto der Salztherme SaLü. Sie blickt Friedrich Klemme an, der neben ihr sitzt. Müllers gesetzlicher Betreuer versteht, dass sie damit auf den Abriss des Komplexes aufmerksam machen will. „Genau, das kennst du, Rita. Dort bist du immer schwimmen gegangen“, sagt er und erklärt dann: „In den Fotos der Lokalzeitung findet Rita die Realität wieder. Wir vergessen vieles, was wir sehen. Rita speichert alles als Bild in ihrem Inneren ab.“ Das passiere jedoch völlig unstrukturiert, so Klemme. „Die Fotos helfen ihr deshalb, ihre Erlebnisse und Eindrücke zu sortieren.“

Seit 1974 lebt Müller in der Einrichtung im Roten Feld. Die Eltern der Dreijährigen wären nicht in der Lage gewesen, sich um das Mädchen mit Behinderung zu kümmern, berichtet Klemme. Als sie älter wird, verletzt sie sich oft selbst und bekommt viele Jahre starke Medikamente dagegen. Müller besucht die Sonderschule am Kalkberg (heute Schule am Knieberg), und als 1988 ein gesetzlicher Vormund für das Mädchen gesucht wird, meldet sich der junge Förderschullehrer Klemme.

Regelmäßige Aufräumtage

„Rita hat mich als Persönlichkeit fasziniert“, erzählt er. „Sie ist Neuem gegenüber so aufgeschlossen, deshalb wollte ich das machen.“ Eine Lebensaufgabe, die ihn fachlich wie privat fordert. Liebevoll blickt der 58-Jährige heute auf ihren gemeinsamen Weg zurück: „Meine Frau und ich haben Rita länger als unsere Kinder.“

Wann genau Müllers Spleen für die Lokalzeitung entstanden ist, kann er gar nicht mehr genau sagen. Im Wohnheim kennt jeder ihre liebste Freizeitbeschäftigung: Bis spät in die Nacht sitzt sie an ihrem Schreibtisch, schaut die Fotos der Zeitung an, schneidet sie mit einer Kinderbastelschere fein säuberlich aus und klebt sie themenbezogenen auf. Dann wandern sie in ihre Sammlung, einen von zahlreichen Ordnern zu den Bereichen Krankenhaus, Babys, Veränderungen im Lüneburger Stadtbild oder Feuerwehr. Das sind ihre Lieblingsthemen, doch auch andere Artikel hebt sie auf.
Schwer wird es für Müller, wenn die Mitarbeiter der Wohngruppe mit einem großen Container zu einem der regelmäßigen Aufräumtage anrücken, um die Restschnipsel zu entsorgen und wieder Platz im Zimmer zu schaffen. „Das läuft meist nicht konfliktfrei ab“, weiß Klemme, denn Müller kämpft um ihre Schätze. Ob die Zeitungen von heute, gestern oder letzter Woche stammen, spielt für sie keine Rolle. Sie holt sie wieder und wieder hervor. Mit der heutigen Ausgabe kommt nun ein ganz besonderer Baustein zu ihrer Sammlung hinzu: Das eigene Foto in der Landeszeitung.

Hintergrund

Frühkindlicher Autismus

Noch vor dem dritten Lebensjahr beginnt eine frühkindliche Entwicklungsstörung. Die betroffenen Kinder haben Schwierigkeiten, ihre Wahrnehmungen zu verarbeiten und fallen durch ein eingeschränktes Kommunikations- und Sozialverhalten sowie sich wiederholende Verhaltensweisen auf. Die Ursache dafür ist bis heute ungeklärt. Vermutlich ist ein komplexes Zusammenspiel aus genetischen Faktoren und Umwelteinflüssen für die neurologische Störung verantwortlich, die bei jedem Patienten in unterschiedlicher Weise und Stärke in Erscheinung tritt. Neben dem frühkindlichen Autismus gehören das Asperger-Syndrom sowie der Atypische Autismus zu den so genannten „Autismusspektrumsstörungen“. Schätzungen zufolge sind weltweit etwa 67 Millionen Menschen davon betroffen. Autismus gilt als nicht heilbar, durch Förder- und Therapiemaßnahmen lässt sich jedoch eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität für die Betroffenen und ihre Familien erreichen.

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von Katja Grundmann

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