Donnerstag , 15. November 2018
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Zuerst scheint er nicht begeistert, dann lässt sich der Großvater der Autorin doch noch überreden, ein Date zu vereinbaren. (Foto: t&w)

Großvater, die Liebe und ich

Es ist Sonntag und ich sitze mit meinem Großvater im Wohnzimmer seiner Vier-Zimmer-Wohnung. Er thront aufrecht und kraftvoll in seinem Sessel, ich lungere in eine Decke gekuschelt auf dem Sofa. Mit nachdenklichem Blick zieht mein Opa an seiner Zigarre, streicht langsam über die abgewetzte Lederlehne. Ich schaue ihn an, und es kommt mir vor, als hätte er schon immer so da gesessen. Rauchend inmitten der ledernen Sofalandschaft. Dann schweift mein Blick über den beigen Teppichboden, auch der war schon immer da, nur die großen, gräulichen Flecken hätte es früher, zu Lebzeiten meiner Großmutter, nicht gegeben. Gerne würde ich mit ihm über sie sprechen, über ihren Tod und ihr Leben.

Mit Großvater kann man nicht über Gefühle sprechen

Doch ich traue mich nicht. Denn mein Großvater, so kam es mir schon immer vor, ist keiner, mit dem man über Gefühle sprechen kann. Er erzählt gerne von seiner Jugend in Bremen-Vegesack. Davon, wie sein Bruder Eckhart ihm das Radfahren beibrachte – auf einem Fahrrad, das er zuvor aus den Trümmern gezogen hatte. Auch über seine Banklehre spricht er, über die Bälle der Tanzschule und nächtliche Schwimmabenteuer in der Weser. Nur alte Geschichten über meine Großmutter hat er mir noch nie erzählt.

Ob er einsam sei, möchte ich wissen. Er schaut mich überrascht an, dann sagt er: „Ja, hm, geht schon, ich weiß auch nicht.“ Ob er sich seit Omas Tod mal mit jemandem getroffen habe? Er zögert kurz und erzählt mir dann von Hildi. Offiziell Hildegard, zweifache Mutter, schwarzgefärbte, lange Haare, Highheels, Leoparden-Look. In ihren Zwanzigern stehen geblieben. Ich kenne sie. Nur, dass die beiden sich privat getroffen haben, wusste ich nicht.

„Ich überlege, meinem Großvater Tinder zu zeigen. Eine Dating-App im Internet. Ich erstelle ein Fake-Profil, um die Lage zu prüfen – und tatsächlich! Es gibt dort Frauen in seiner Altersklasse.“

Opa mochte schon immer aufgetakelte Frauen. Meine Großmutter war keine solche Frau. Ich möchte wissen: „Wie sind Oma und Du eigentlich zusammengekommen?“ Überraschenderweise grinst er und beginnt zu erzählen. Davon, wie er Oma in der Bank kennengelernt hat und davon, wie schlicht sie sich gekleidet hat. „Ein graues Mäuschen, eigentlich nicht mein Typ“, sagt er. „Doch dann …“ Sein Blick schweift ab. „Dann habe ich sie eines Abends aus einer Diskothek kommen sehen. Sie hatte ein tolles Kleid an und offene Haare. Der Bursche, mit dem sie unterwegs war, taugte nichts, also habe ich mich ihr vorgestellt.“

Opa, schon immer ein Gen­tleman, eroberte ihr Herz. Sie heirateten, zogen in ihr eigenes Heim, bekamen Kinder, blieben zusammen. Bis zu Omas Tod 2012. Seitdem ist mein Großvater allein. Dachte ich zumindest.

Ich frage meine Mutter, was das sei mit Opa und Hildi. „Die spielt nur mit ihm“, sagt sie. „Ihr gefällt es, dass dein Großvater um sie herumscharwenzelt. Mal ist er ihr Held, dann meldet sie sich tagelang nicht.“ Ich versuche, das zu verstehen. Mein Großvater, immer noch gut aussehend, über 1,90 Meter groß, ein gestandener Kerl, einer der stärksten Männer, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, lässt sich von seiner Bekanntschaft zum Narren halten?

Nur ein einziges Mal habe ich meinen Opa bisher verletzlich erlebt. Bei der Beerdigung meiner Großmutter. Ich erinnere mich genau, wie er sich in dem Raum voller Verwandter verloren umsah, nicht wusste, wohin mit seiner Trauer. Ich wollte ihn umarmen, mit ihm die Trauer teilen, doch ich konnte mich nicht überwinden. Dann der Gang zur Kirche, Opa greift nach dem Arm meiner Mutter – und nach meinem. Ich spüre seinen zitternden, weinenden Körper zu meiner linken, seine Hand in meiner. Noch heute lässt mich dieses Gefühl nicht los.

Nächstes Mal frage ich ihn, ob er Lust auf ein Date hat

Ich bin davon überzeugt, dass mein Großvater jemand besseres als Hildi finden kann. Deswegen frage ich ihn bei meinem nächsten Besuch, ob er Lust auf ein Date hätte. Zu meiner Verblüffung sagt er: „Ja.“ Ich möchte wissen, ob er jemand bestimmtes im Sinn habe? „Renate“, sagt er. Aber die habe hässliche Zähne. „Ingrid…“ Die schaue ihm immer beim Bäcker nach, aber er habe gehört, sie sei knauserig. Vielleicht doch Hildi? Er schüttelt den Kopf. Das Kapitel sei abgeschlossen. Es muss also jemand Neues her.

Gemeinsam schreiben wir eine Annonce. Vorschlag meines Großvaters: „Sportlicher, junggebliebener Witwer, Ende 70, sucht unternehmungslustige, gepflegte Dame, 65-80 Jahre alt, zum Ausführen in Restaurant und Theater.“ Ich bin nicht überzeugt. Es muss doch möglich sein, ihn besser zu verkaufen. Opa spielt noch Golf und Tennis, fährt Auto und Fahrrad, ist sehr gebildet und gut gekleidet. „Früher“, erzählt er mir, „liefen mir die Mädchen nach, weil ich so groß und gut aussehend war und in der Bank gearbeitet habe.“

Ich überlege, meinem Großvater Tinder zu zeigen. Eine Dating-App im Internet. Ich erstelle ein Fake-Profil, um die Lage zu prüfen – und tatsächlich! Es gibt dort Frauen in seiner Altersklasse. Warum es also nicht mal ausprobieren, frage ich mich. Optisch überzeugt mein Opa allemal. Und auch in die Welt der Smartphones ist er schon eingetaucht. Ich muss lachen, als ich an unsere Whatsapp-Anfänge denke. Ein Chatverlauf ist mir da besonders im Gedächtnis geblieben. Er: „lkhgalhIJajf iqurbnm.“ – Ich: „Opa?“ – Er: „Tortenstück.“ – Ich: „Hallo Opa!“ – Er: „Danke.“ – Drei verpasste Audio-Anrufe.

Ich versuche es und erzähle meinem Großvater von Tinder. Wir sitzen in unserem Lieblingscafé. Er scheint nicht begeistert, lässt sich aber überreden. Das Profil ist schnell erstellt, und der erste Vorschlag wird uns angezeigt. Opa ist eher passiv bei der Sache, das Ganze scheint ihm unangenehm. Wahrscheinlich weil ich neben ihm sitze. Also erkläre ich ihm die Funktionen und lasse ihn alleine weitermachen.

Zwei Wochen später hat er tatsächlich Telefonkontakt mit einer Tinderbekanntschaft. Ob sie sich treffen wollen, frage ich ihn. Er wirkt skeptisch. Meine Mutter sagt, Opa war schon immer ein Frauenheld. Deswegen erwarte er noch immer, dass ihm die Frauen zu Füßen liegen und nicht andersherum. Ich muss an meine Oma denken. Kurz vor ihrem Tod hat sie zu meiner Mutter und mir gesagt, wir sollten uns freuen, wenn Opa mit einer attraktiven Blondine um die Ecke kommt. Damals trafen mich diese Worte. Jetzt wünsche ich mir von Herzen, dass sie Wirklichkeit werden!

Es kommt einfach nicht zum nächsten Schritt

Doch es bleibt kompliziert. Obwohl mein Großvater mit einigen Tinder-Damen telefoniert, kommt es einfach nicht zum nächsten Schritt. Ich frage mich, ob ich mich weiter einmischen sollte oder nicht, schließlich ist jeder seines eigenen Glückes Schmied und mein Großvater ein erwachsener Mann. Einen letzten Versuch möchte ich dennoch wagen. Die Oma einer meiner besten Freundinnen ist ebenfalls verwitwet: Grazyna, genannt Ina, blond gefärbte Haare, markenaffin, 1,65 Meter groß, Anfang 60, Polin. Ich zeige meinem Opa beim Abendessen ein Foto von ihr. Meine Freundin macht am anderen Ende der Stadt das gleiche. Ina ist interessiert, und auch mein Opa ist nicht abgeneigt. Also organisieren wir ein Date. Mittagessen und einen Spaziergang am Fluss – das ist der Plan. Am Tag der Tage sitzen mein Großvater und ich bereits eine Viertelstunde zu früh im Biergarten. Die Vögel zwitschern und die Sonne scheint uns ins Gesicht. Er ist auffallend still und studiert mit ernster Miene die Menükarte. Ich schließe für einen Moment die Augen und erinnere mich an die Beziehung meiner Großeltern.

Er war Banker und ist begeisterter Eurosport-Fan

Meine Oma war immer der aktive Part – in der Beziehung, wie im Leben. Politikerin, Menschenrechtlerin, aktiv in Jugend- und Sozialarbeit. Einige ihrer liebsten Geschichten waren die über die Straftäter der städtischen Justizvollzugsanstalt, die sie auf dem Weg zurück in die Gesellschaft begleitet hat. Ganz anders mein Großvater. Banker und begeisterter Eurosport-Fan, zufrieden, solange das Essen abends auf dem Tisch stand. Meine Mutter sagt: „Opa hat Oma einfach machen lassen, und sie hat es als eine ihrer Lebensaufgaben gesehen, für ihn zu sorgen.“ Das sei es auch, was er jetzt braucht. Eine Partnerin, der es Freude macht, sich um ihn zu kümmern, und die er im Gegenzug mit seinen finanziellen Mitteln glücklich machen kann.“

Ina, sagt meine Freundin, könnte genau so eine Frau sein. Zu Beginn der Verabredung versuche ich noch etwas bemüht, das Eis zu brechen. Irgendwann fangen die beiden jedoch an, sich selbstständig über die Vor- und Nachteile der polnischen Küche auszulassen. Ich atme auf. Leider hatte mein Opa aber noch nie besonders gute Tischmanieren. Ständig hängt ihm etwas im Gesicht oder tropft ihm auf den Pullover. So auch heute. Voller Entsetzen starre ich auf das Stück Paprika, das ihm am Kinn klebt, als Ina es einfach mit ihrer Serviette wegwischt. Ich könnte heulen vor Glück.

Nach dem Essen machen wir einen langen Spaziergang am Flussufer, an einer Eisdiele entscheiden wir uns für eine Pause. Ina holt eine Zigarette aus ihrer Tasche und mein Großvater – der vollendete Gentleman – nimmt ihr galant das Feuerzeug aus der Hand, um die Zigarette anzuzünden. Der feministische Teil in mir schreit auf, doch Ina scheint die Geste zu gefallen. Nur leider bekommt er die Zigarette bei dem Wind nicht an. Was folgt, sind die wohl unangenehmsten 20 Sekunden meines Lebens. Immer wieder geht die Flamme aus, egal in welche Richtung mein Opa seine abschirmende Hand dreht. Es ist ihm deutlich anzusehen, wie er zunehmend verzweifelt. Als Ina schon selbst wieder zum Feuer greifen will, gelingt es ihm endlich – und mein Herzschlag verlangsamt sich wieder.

Etwas schüchtern fragt er Ina zum Abschied nach ihrer Nummer. Sie gibt ihm ihre Karte, er verspricht anzurufen. Vielleicht, denke ich, wird Omas Wunsch doch noch wahr – und mein Großvater kommt bald nicht mehr allein, sondern mit einer attraktiven Blondine um die Ecke.

Von Noelle Harms

Vom Campus in die LZ

Entstanden ist dieser Artikel im Rahmen eines Seminars an der Leuphana. Titel der Veranstaltung war „Geschichten finden, schreiben und dabei die richtigen Fragen stellen“, geleitet hat das Seminar LZ-Redakteurin Anna Sprockhoff. Ziel war es, dass die Studierenden am Ende eine eigene Geschichte schreiben, das Thema durften sie frei wählen.

Die Idee von Noelle Harms, eine sehr persönliche Geschichte über ihren Großvater zu schreiben, stieß im Seminar sofort auf Begeisterung. Und tatsächlich ist ihr Text so schön geworden, dass er mehr Leser erreichen sollte.

Und übrigens: Die beiden Senioren treffen sich nach wie vor. Noelle Harms verrät: „Er war letztens das erste Mal mit auf einer ihrer Familienfeiern, und sie war beim Geburtstag meines Bruders.“ Ein Happy End? Wer weiß?

One comment

  1. Eine sehr schöne und berührende Geschichte, getragen von Liebe und Respekt. Sie zu lesen war eine einzige Freude. Vielen Dank dafür!

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