Sonntag , 20. September 2020
Beschäftigte im Supermarkt werden plötzlich als "Helden der Krise" und gelten als systemrelevant, mussten jedoch in den vergangenen Jahren teils mit Einkommensverlusten leben. Quelle: Christian Charisius/dpa

Einzelhandel: Anteil der Beschäftigten mit Tarifvertrag laut Bericht stark gesunken

In der Corona-Krise gelten sie als „Helden“, doch bei dem Stundenlohn schlägt sich das nicht nieder: Der Anteil der Beschäftigten im Einzelhandel mit Tarifvertrag ist stark gesunken. Viele Kassierer und Warenverräumer verdienen auch real weniger Geld.

Fast die Hälfte der Beschäftigten im Einzelhandel haben binnen zehn Jahren den Schutz des Tarifvertrages verloren. Das berichtet die “Süddeutsche Zeitung” (SZ) unter Berufung auf einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken. Demnach verloren zwischen 2010 und 2019 44 Prozent der Beschäftigten den Tarifschutz. Lag der Anteil der Beschäftigten mit Tarifbindung 2010 noch bei 50 Prozent, sank er bis 2019 auf 28 Prozent. Zum Vergleich: In der Gesamtwirtschaft ging der Anteil von 60 auf 52 Prozent zurück.

Stundenlöhne von Teilzeitbeschäftigten ohne Tarifvertrag sinken inflationsbereinigt

Kassierer und Warenverräumer mussten demnach zwischen 2009 und 2019 sogar Einkommenverluste hinnehmen, wenn sie ohne Tarifvertrag Teilzeit arbeiteten. Teilzeitbeschäftigte im Einzelhandel ohne Tarifvertrag bekamen nur 8,5 Prozent mehr Stundenlohn. Der Lohn nahm laut statistischem Bundesamt somit von 12,22 Euro auf 13,26 Euro zu – sanken jedoch inflationsbereinigt.

Der Anteil der Betriebe mit Tarifvertragsbindung sank im Vergleich zum Rest der Wirtschaft im Einzelhandel schneller. Im Jahr 2019 waren nur noch ein Fünftel der Einzelhändler an einen Tarifvertrag gebunden. Das entspricht einem Rückgang um ein Drittel innerhalb von zehn Jahren. In der Gesamtwirtschaft ging der Anteil zwischen 2010 und 2019 vom gleichen Niveau auf 27 Prozent zurück.

Politiker sprechen sich für allgemeinverbindliche Tarifverträge im Einzelhandel aus

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte im April bereits betont, dass die Corona-Krise gezeigt habe, dass die Beschäftigten im Einzelhandel – und in der Pflege – systemrelevant seien. Daher sprach er sich für allgemeinverbindliche Tarifverträge in der Pflege und im Einzelhandel aus. Auch Pascal Meiser, gewerkschaftspolitischer Sprecher der Linken, forderte in der “SZ” gesetzliche Grundlagen für diesen Zweck. “Wer es mit dem viel bekundeten Respekt für Verkäuferinnen und Verkäufer ernst meint, muss jetzt schnell für höhere Löhne im Einzelhandel sorgen”, sagte Meiser.

RND/bk