Samstag , 31. Oktober 2020
Ihab und seine Brüder Abdul und Hadi spielen Fußball auf der Wiese neben der Flüchtlingsunterkunft. In Syrien drohte ihnen der Militärdienst, also schickte ihr Vater sie auf die Flucht. Foto: t&w

Ich glaube, es hat seinem Vater das Herz gebrochen

Lüneburg. Ich kenne dieses Lied seit Jahren, vor kurzem höre ich es seit langem zufällig wieder: „Nein meine Söhne gebe ich nicht“, geschrieben und gesungen von Reinhard Mey, 1986. Es handelt davon, dass er als Vater seine Söhne nicht in den Militärdienst schicken will – und dass er mit ihnen lieber fliehen wird, als sie zu „Knechten“ machen zu lassen. Ich muss an Ihab denken, den 17 Jahre alten Jungen aus Syrien, den sein Vater mit den beiden Brüdern auf die Flucht geschickt hat. Auch sein Vater wollte seine Söhne vor Krieg und Militärdienst schützen. Auch sein Vater hat vielleicht gedacht, was Reinhard Mey singt: „Die Kinder schützen vor allen Gefahren, ist doch meine verdammte Vaterpflicht.“

Mich lässt der Gedanke daran lange nicht mehr los. Was muss vorgehen in einem Vater, der seinen 16 Jahre alten Sohn fortschickt? Was hat er gefühlt, als er ihn zum letzten Mal umarmt hat? Als er ihn ins Unbekannte entließ. Während der Recherche lese ich häufiger, dass Kinder wie Ihab nach Deutschland geschickt werden, damit sie ihre Familien nachholen. Das hört sich an, als wäre das einfach. Als würden Eltern ihre Kinder so leichtfertig auf die Flucht schicken, wie ein Paket auf die Reise.

Ich glaube, es hat Ihabs Vater das Herz gebrochen, seine Söhne fortzuschicken. Und ich bin überzeugt: Er hat das nicht getan, um sich, sondern um sie zu retten.

Ihab erzählt mir, seine Mama sei vor Kummer zusammengebrochen, als er Lebewohl gesagt hat. Reinhard Mey singt an die kriegswilligen Regierungen dieser Welt gerichtet: „Ganz sicher nicht für euch hat ihre Mutter sie unter Schmerzen auf die Welt gebracht.“ Der Vater und Musiker hat mit diesem Lied in den vergangenen 20 Jahren Tausende bewegt, Väter und Mütter, Töchter und Söhne. Ich weiß, es klingt kitschig. Und ich weiß, es ist naiv: Aber ich würde mir wünschen, dass wir uns von den realen Schicksalen unserer Zeit nicht weniger berühren ließen als von einem Lied.

Reinhard Mey – „Nein meine Söhne gebe ich nicht“