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Kommentar

Nicht die Generalprobe, sondern ein Meilenstein

Von Joachim Zießler
Leitartikel
Der Mythos vom Prager Frühling erfreut sich auch nach 50 Jahren einer ungebrochenen Kraft. Die „Emanzipatorische Linke“, eine Gruppe innerhalb der Linken, beteuert zum Jahrestag ihre „Sympathie“ für die historische Revolte. Der venezolanische Revolutionsführer dockte mit seinem „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ rhetorisch am Prager Geschehen an. Gerade weil der real existierende Sozialismus mit einem Winseln untergegangen ist, scheint das Bedürfnis groß zu sein, in der Revolte hinter dem Eisernen Vorhang einen Beleg dafür zu erkennen, dass der Sozialismus nicht zum Gulag pervertieren musste. Aus diesem Blickwinkel heraus wirkt der Prager Frühling wie eine Blaupause für die samtene Revolution in der Tschechoslowakei und den Mauerfall in der DDR. Die Montagsdemonstranten hätten demnach vollendet, was die tschechoslowakischen Reformer angestoßen hatten. Doch dieses Bild ist verzerrt. Tatsächlich nahm der Prager Frühling das Ende des Sozialismus vorweg, weil er die Entfremdung zwischen Führung und Volk betonierte. Diejenigen, die für einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ gekämpft hatten, mussten anschließend noch Jahrzehnte unter einem Stalinismus mit steinernem Gesicht leiden. Als rund 20 Jahre später der Eiserne Vorhang fiel, wollten nur noch wenige Sozialismus und Demokratie versöhnen. Die Mehrheit wollte die vollen Einkaufskörbe des Kapitalismus.
Der Kreml hatte die Panzer rollen lassen, weil er befürchtete, dass jede Aufweichung der sozialistischen Herrschaft durch ein Mehrparteiensystem und eine freie Presse den Satellitenstaat in den Westen driften lassen würde. Eine realistische Einschätzung, wie die Implosion des Sowjetimperiums infolge der Modernisierungen des weißen Revolutionärs Michail Gorbatschow bewies.
Die Panzerketten, die 1953 in Ost-Berlin und 1968 in Prag rasselten, bewiesen den Beherrschten, dass die herrschende sozialistische Ideologie nicht in Richtung eines besseren Sozialimus zu reformieren war. Betrug und Selbstbetrug der Ideologen steigerten das Misstrauen der Bürger. Die Invasion, die den Prager Frühling erstickte, bewies, dass der real existierende Sozialismus eine Unterdrückungstechnologie war, die eine dürftige Lösungskompetenz für die realen Probleme aufwies. Insofern war der Prager Frühling nicht der erste Hauch des Winds der Veränderung, der vier Jahrzehnte später wehte, sondern der Sturm, der den Sozialismus irreparabel beschädigte.
Echte Inspiration liefert der Prager Frühling heute nur noch Wladimir Putin, der allen Russen in ehemaligen sowjetischen Satellitenstaaten Hilfe verspricht, die danach rufen. Das erinnert sehr an Leonid Breschnew, dem der Brief einiger moskautreuer KP-Funktionäre als Legitimation genügte, um die Souveränität des Bruderstaates plattzuwalzen.