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Das kopflose Bündnis

Von Joachim Zießler

Das war ein Missverständnis mit Ansage. Eilfertig hatten sich die NATO-Zwerge bemüht, dem Riesen im Bündnis in vorauseilendem Gehorsam entgegenzukommen, in dem Glauben, Trumps Überzeugungen und der weltpolitischen Rolle der NATO gleichermaßen dienen zu können. Doch Trump ist die Rolle der NATO und der USA in der Welt egal, ihm geht es um den Zuspruch seiner Anhänger. Und so hielt er im Brüsseler Hauptquartier des Militär- und Wertebündnisses eine Wahlkampfrede – ausgerichtet auf die Halbzeitwahlen seiner Präsidentschaft im kommenden Jahr.
Trumps Kritik an der ungleichen Lastenverteilung im Bündnis ist nur dann schlüssig, wenn man wie er ignoriert, dass die NATO vor allem ein Machtins-trument der USA ist, um Washingtons hegemoniale Vorherrschaft abzusichern. Dass der Hegemon mehr beiträgt als die Vasallen, ist normal. Bei Trumps Klippschul-Kostenaufstellung fehlen zudem die hohen Kosten, die Europa durch die Arbeitsteilung übernimmt, wonach die USA für die militärische Intervention zuständig sind und der alte Kontinent danach für Wiederaufbau und Stabilisierung.
Trumps Axt an dieser Säule der US-Vorherrschaft wird den Niedergang der USA sogar noch beschleunigen. Und hierin dürfte das stärkste Argument für die Europäer liegen, sich tatsächlich stärkere militärische Muskeln anzueignen. Es ist nicht auszuschließen, dass Trump den Weltsheriffstern auf den Müll wirft, wenn er dafür den Beifall der Rednecks erhält. Oder dass er dem Bündnis, das schon immer starke zentrifugale Kräfte zu bändigen hatte, den Todesstoß gibt. Ein Rückzug der USA von der Weltbühne wird alle Autokraten zu einem Griff nach mehr Macht ermutigen. Es wäre gut, wenn sich die vernünftigen Demokratien für diese Zeit rüsten, um selbst für ihre Sicherheit sorgen zu können.