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Kommentar

Zeit, sich zu ermannen

Von Joachim Zießler
Leitartikel
Am Persischen Golf dröhnen wieder die Kriegstrommeln, geschlagen vor allem von der entsandten US-Streitmacht. Allerdings müht sich auch Teheran nicht um eine Entschärfung. Die Ankündigung, Teile des Atomabkommens nicht mehr umzusetzen, sorgt ebenso für Funkenflug an der Lunte wie der Jubel über Drohnen-Angriffe jemenitischer, schiitischer Huthi-Rebellen auf Ölpumpstationen in Saudi-Arabien. Die Lage spitzt sich vor allem wegen diverser Irrationalitäten zu, die die Erbfeindschaft zwischen den USA und Iran prägen. Ein echter Krieg droht dennoch nicht. Zu groß wäre der Blutzoll, den die kampfstarke iranische Armee den GIs abfordern würde. Zu allein steht Washington. Ein spanisches Kriegsschiff scherte aus dem Flottenverband aus, der Richtung Golf fuhr. Ein britischer General widersprach der US-Analyse, dass von der Region verstärkt Gefahr ausgehe. Ein Kollateralschaden der Kraftprobe steht allerdings schon fest: Europa.
Irrational am Aufbau einer Drohkulisse durch das Weiße Haus ist die manische Fixierung, mit der Donald Trump jegliche Errungenschaft von Amtsvorgänger Barack Obama kippen will. Frei von jedem Wissen ist die Annahme, die Mullahs wären die Strippenzieher hinter jedem Terrorakt in der Region – sogar hinter solchen von sunnitischen Extremisten. Hier werden beidseitig seit dem Sturz des Schahs Feindbilder gepflegt: Terrorpaten hier, Großer Satan dort. Bizarr ist, dass die US-Kanonenboot-Politik einen Zustand ändern soll, den die USA selbst herbeigeführt haben. Es waren die Kriege zum Sturz Saddam Husseins und zur Zerschlagung des Islamischen Staates, die den Aufstieg Irans zur regionalen Ordnungsmacht begünstigten.
Im weitesten Sinne rational ist dagegen aus Sicht des US-Imperiums das Ziel, die sunnitischen Verbündeten in der Region zu stärken, allen voran die Golfmonarchien Saudi-Arabien und Bahrain. Europa sollte sich nicht täuschen: Trump legt dem Iran die wirtschaftlichen Daumenschrauben nicht an, obwohl dadurch europäische Firmen geschädigt werden, sondern weil. Trump nutzt die gewaltige wirtschaftliche Macht der USA aus, um ein missliebiges Regime auf die Knie zu zwingen. Und um Europa zu schaden, im dem Trump einen Rivalen sieht, keinen Verbündeten. Und Washington hält eine scharfe Waffe in der Hand: die Drohung, all jene vom US-Markt auszuschließen, die weiter mit dem Iran Handel treiben.
Europa ist zwar nicht in der Lage, die Folgen der US-Sanktionen auszugleichen. Dennoch sollte sich der alte Kontinent nun ermannen, den USA Grenzen aufzuzeigen. So wie bereits 2003. Als die Gefahr wuchs, dass Washington den Schwung des dritten Golfkriegs ausnutzen würde, um auch im Iran einzumarschieren, flogen die Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens nach Teheran – am Ende stand das Atomabkommen.