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Mit der Gnade der Ignoranz

Von Joachim Zießler

Holzschnittartige Rhetorik und Diplomatie: So sieht Donald Trumps „America first“-Motto übersetzt in Außenpolitik aus. Dass Trumps erste Auslandsreise nicht – wie in den USA vorher üblich – zu den Nachbarn Kanada oder Mexiko führt, setzt ein Zeichen. In Riad muss er sich nicht über das verheerende Handelsbilanzdefizit ärgern, hier sitzen Scheichs mit genügend Petro-Dollar, um den USA „jede Menge wunderschöner militärischer Ausrüstung“ abzukaufen, wie er in befremdlicher Infantilität schwärmt. Zudem weiß er sich mit dem sunnitischen Königshaus in seinem Schwarz-Weiß-Denken einig, das im schiitischen Iran eine interventionistische Regionalmacht erkennt, die zugleich der Pate hinter dem dschihadistischen – und überwiegend sunnitischen – Terror sei. Dass überwiegend Saudis den Massenmord von 9/11 verübten, dass das Schisma zwischen Sunniten und Schiiten, den Erben des Propheten, der längste Glaubenskrieg ist, dass die interventionistische Regionalmacht Saudi-Arabien Terror über seine wahabitische Variante des Islam exportiert, ist Trump egal – das nennt man wohl die Gnade der Ignoranz.
Unwissenheit scheint den US-Präsidenten auch bei seinen Plänen zur Friedensstiftung in Nahost zu beflügeln. Nur wer nichts über die Komplexität der vielen, miteinander verwobenen Schuld-Sühne-Spiralen des Nahen Ostens weiß, mag glauben können, mag glauben, mit ein paar hingestammelten Sätzen, gemeinsam doch „das Böse“ bekämpfen zu wollen oder dem Ratschlag, die Terroristen einfach rauszuswerfen, Frieden stiften zu können.
Augenscheinlich sind Außenminister Rex Tillerson und Verteidigungsminister James Mattis nicht die erhofften Gegengewichte, sonst würden wir längst erwachsenere Töne hören.