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Kommentar

Die Hongkonger stellen die Systemfrage

Von Joachim Zießler
Leitartikel
Das anhaltende Aufbegehren der Hongkong-Chinesen gegen die Machthaber in Peking und deren Statthalter in Hongkong zeigt, dass Illusionen zerplatzt sind – auf beiden Seiten. 1997, als Großbritannien seine 1841 eroberte Kronkolonie an China zurückgab, nahm niemand die Formel „Ein Land, zwei Systeme“ wirklich ernst. Im Westen wie auch im verwestlichten Hongkong ging man davon aus, dass das sich öffnende China am Ende der 50-jährigen Übergangszeit dem „Duftenden Hafen“, also Hongkong, gleichen würde. In Peking ging man dagegen davon aus, dass die Inselbewohner den Patriotismus und den Gehorsam der Festlands-Chinesen übernehmen würden. 22 Jahre später zeigt sich: Es gibt keine Angleichung der Systeme. Es gibt nur ein Entweder-oder.
Und das sind angesichts der Macht, über die Xi Jinping gebietet, schlechte Nachrichten für die Insulaner – sowohl in Hongkong als auch auf Taiwan, das in Peking als lediglich vorübergehend abtrünnige Provinz betrachtet wird.
Sollten die Protestierer in Hongkong damit gerechnet haben, dass ihr Funken aufs Festland überspringen würde, so werden sie bitter enttäuscht. Während die Hongkonger 1989 Solidarität mit der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens demonstrierten, zeigen die Festlands-Chinesen nur Verachtung und Unverständnis. Das zeigt einerseits, wie perfekt die erste digitale Diktatur der Welt inzwischen die Köpfe ihrer Untertanen lenkt mit ihrer Propaganda von den vermeintlichen Strippenziehern in den USA. Und andererseits ist die Entrüstung auf dem Festland über die vordergründig undankbaren Hongkonger, die doch weiter ihren Geschäften nachgehen konnten, sicherlich ehrlich. Hat die Masse des Milliarden-Volkes nach der Niederwalzung der Demokratiebewegung doch bereitwillig den Deal des Regimes akzeptiert, künftig Konsum und nationale Größe anzustreben, nicht aber Freiheit.
Hier zeigt sich, dass Festlands-Chinesen und Hongkonger gänzlich andere Erinnerungen haben. Auf dem Festland gruben sich der Bürgerkrieg, die Zwangskollektivierungen, die Kulturrevolution und vor allem die verheerenden Hungersnöte in das kollektive Gedächtnis ein. Und zwar als unter allen Umständen zu verhinderndes Chaos. In diesem Punkt gibt es zwischen Herrschern und Beherrschten keinen Dissens, weswegen das Staatsziel einer durch Zwang erlangten „Harmonie“ kaum hinterfragt wird.
Die in Hongkong lebenden Chinesen erinnern sich dagegen an die Freiheit und einen Rechtsstaat nach britischem Vorbild. Anders als auf dem Festland wissen sie, was sie zu verlieren haben. Deshalb stellen sie schon jetzt die Systemfrage, obwohl sie erst 2047 ein Teil Chinas werden sollen.