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Kommentar

Revolution an der Wahlurne

Von Joachim Zießler

Die dramatische erste Runde der Präsidentschaftswahlen bestätigt das Bonmot, wonach sich die Franzosen gerne Reformen verweigern, Revolutionen aber niemals abgeneigt sind. Die Stichwahl zwischen dem Parteilosen Emmanuel Macron und der Front-National-Chefin Marine Le Pen ist nichts weniger als eine Revolution mit dem Stimmzettel. Sozialisten und Konservative haben ihr Wechsel-Abonnement auf die Regierungsmacht verloren. Ein Erfolg vor allem von Le Pen, die die Skandale der Ära Sarkozy-Hollande nutzte, um die beiden staatstragenden Parteien verächtlich zu machen. Weiteren Rückenwind bekam sie von der im Westen wuchernden Wut auf das Establishment.
Macron hatte es geschafft, sich so rechtzeitig von den Sozialisten loszusagen, dass er nicht mit in den Abwärtssog gezogen wurde, in dem die erbärmliche Präsidentschaft François Hollandes versank. Im Gegenteil: Er inszenierte sich erfolgreich als Außenseiter, obwohl er ein typischer Vertreter der Elite ist.
Der Pro-Europäer und Deutschland-Freund Macron gilt als Favorit auf den Posten im Élysée-Palast. Dennoch besteht kein Grund für Europa, erleichtert aufzuatmen. Zieht man die Stimmen der völkischen Frexit-Befürworterin Marine Le Pen und des trotzkistischen Dennoch-Millionärs Jean-Luc Mélenchon zusammen, der in Europa die Verschwörung des Großkapitals wittert, haben 40 Prozent der Franzosen gegen die EU gestimmt. Die Heimat der europäischen Werte wendet sich von Europa ab. Diese Revolution vollzieht sich in Zeitlupe, genährt durch das schleichende Gift des Gefühls, ohnmächtig den Niedergang Frankreichs erleiden zu müssen.
Und diese Verbitterung ist der stärkste Verbündete Le Pens bei ihrem Vorhaben einer Konterrevolution, mit der sie die Errungenschaften der französischen Revolution ausradieren will.