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Der Traum von der teuren Zielscheibe

Von Joachim Zießler
Leitartikel
Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer haben einen Traum: einen französisch-deutschen Flugzeugträger, eine Art „Airbus zur See“. Nun gilt aber: Was Luftschlösser zu guten Ideen macht, ist der richtige Zeitpunkt. Und den haben die Kanzlerin und die CDU-Vorsitzende um Jahre verpasst. Noch immer sind Flugzeugträger das beste Waffensystem, um Macht über große Distanzen projizieren zu können. Doch soll sich Europa ausgerechnet in einer Phase an der imperialen Geste der Kanonenbootpolitik versuchen, in der dem Projekt Europa die Basis wegbricht, weil immer mehr Bürger europafeindliche Parteien wählen? Zudem mehren sich die Anzeichen, dass Flugzeugträger heute das sind, was Schlachtschiffe 1941 waren: Teure Zielscheiben. Es ist richtig, eine europäische Verteidigungspolitik auf Kiel zu legen. Doch Milliarden in einen Flugzeugträger zu pumpen, wäre allzu teure, zudem rückwärtsgewandte Symbolpolitik. Besser wäre, vor der Welle zu schwimmen. Robotik und Miniaturisierung sind die aktuellen Trends in der Rüstung. Ein Kampfjet, der inmitten eines Drohnenschwarms fliegt, wie er derzeit bei Airbus erforscht wird, wäre ein sinnvolleres Gemeinschaftsprojekt.
Derzeit stellen die USA gerade eine neue Flugzeugträger-Klasse in Dienst, Russland, Frankreich und Indien haben Trägerflotten, China will sich eine zulegen, Japan spielt zumindest mit dem Gedanken an einen Hubschrauber-Träger, selbst Brexitannia leistet sich für 6,2 Milliarden Pfund zwei neue Träger. Die Dickschiffe erleben eine Renaissance. Und doch mehren sich die Zeichen, dass viele Marine-Strategen für die Kriege der Vergangenheit rüsten.
Muss man in der hochgradig vernetzten und damit anfälligen Welt wirklich mit einer schwimmenden Stadt jenseits der 70 000 Tonnen am Horizont erscheinen, um Macht zu demonstrieren? Die russischen und chinesischen Cyber-Krieger zeigen einen anderen Weg.
London gab Ende der 90er-Jahre grünes Licht für seine neuen Träger. 20 Jahre müssten wir also auch warten. In dieser Zeit würde gelten: „Träger frisst Flotte“. Denn wer die notwendigen Riesen-Investitionen schultert, schmälert seinen Spielraum anderswo.
Zudem ist fraglich, ob 2040 noch Bedarf nach einem europäischen Träger besteht. Automatisierte Unterwasserdrohnen, an denen Russland forscht, und der chinesische „Carrier-Killer“ DF-21D, eine ballistische Rakete, könnten das Auslaufen eines Trägers zu einem Himmelfahrtskommando machen.
Spanien, die Türkei und Australien haben sich bereits den Traum vom Flugzeugträger abgeschminkt. Sie setzen auf kleinere, agilere Hubschrauberträger. Auch daran können sich Paris und Berlin ein Beispiel nehmen.