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Kommentar

Wenn Vernunft nur stört

Von Joachim Zießler

Ein Gespenst geht um in Europa: der Populismus. Von der geographischen Peripherie Europas, der Puszta Ungarns und den Seen Finnlands, hat er sich über Polens Wälder bis zum tschechischen Erzgebirge tief ins Zentrum der EU gefressen. Zugleich provoziert der Nationalismus der Katalanen derart engstirnige Reaktionen der Zentralregierung in Madrid, dass einem der frühen Nationalstaaten Europas der Zerfall droht. Statt die Epoche einzuläuten, in der der Nationalstaat in einem prosperierenden Europa überwunden wird, könnte die Kleinstaaterei eine Renaissance erleben.
Der Sieg des umstrittenen Milliardärs Andrej Babis in Tschechien zeigt Muster auf, wie sie schon beim Brexit und der Wahl Trumps zu erkennen waren. Ein tiefgehender Verdruss über die Korrumpiertheit der politischen Klasse verband sich mit der Sehnsucht nach einem starken Mann. Die Rückbindung der populistischen Parolen an die Wirklichkeit war nicht erforderlich. Abstiegsängste wirken angesichts der boomenden Wirtschaft grotesk. Auf den Wahlplakaten der „ANO“-Bewegung waren mehr Ausländer zu sehen als im Land selbst. Und der beschworene, vermeintlich drohende Raub der Lithium-Vorkommen im Erzgebirge durch das Ausland ist auch nicht mehr als ein Trugbild. Der Tanz der Trottel wird zur Polonaise. Katalanen und Kastilier könnten dabei ein paar Tanzschritte aus dem Sardana beziehungsweise dem Paloteo beisteuern.
Wie die fehlende Solidarität der wohlhabenden Regionen mit den Habenichtsen geschickt zu kanalisieren ist, zeigt ein Blick auf die gestrigen Referenden in Italien. Venetien und die Lombardei wollen weniger Euro in den Süden des Stiefels transferieren. Weil sie aber erkannt haben, dass sie diesen Wohlstand als winzige Duodezfürstentümer nicht halten könnten, streben sie nur nach mehr Autonomie, nicht nach Unabhängigkeit.