Donnerstag , 29. Oktober 2020
Scala-Kino
Die Chefin verlässt das Team (v.l.): David Sprinz, Ruth Rogée, Kevin Beck. (Foto: t&w)

Aus Liebe zum guten Film

Lüneburg. Die Liebe zum Kino beginnt mit dem hellblauen Kleid einer Königstochter in einem garantiert zauberhaften DEFA-Märchenfilm. Runde 60 Jahre später ist die Zahl der Filme, die Ruth Rogée gesehen hat, nicht überschaubar. Aber in etwa beziffern lässt sich die Zahl, die sie in 20 Jahren Scala-Programmkino gezeigt hat: Sie liegt bei 4000 – in 100 000 Vorstellungen, gesehen von 1,4 Millionen Besuchern. „Es hat sich gut getroffen“, sagt sie. Dass mehr als 90 Kinopreise hinzukommen, rundet die Erfolgsgeschichte letztlich ab, in der Ruth Rogée nun seltener vorkommt. Sie ist 66, gibt heute die Geschäftsführung ab.

Die Liebe zu Lüneburg beginnt mit einer Liebe namens Gerd, sie zieht Ruth Rogée in den 90ern von Potsdam nach Lüneburg. Die zweite lebensbestimmende Begegnung bringt Ruth Rogée mit Ulla Brennecke zusammen. Die stammt aus einer Kinofamilie. „Ulla hatte die Idee eines eigenen Kinos, ich hatte Zeit“, bringt Ruth Rogée den Start auf den Punkt. Sie hatte noch in der DDR Lehramt studiert, in der Wirtschaft gearbeitet, den Filmpark Babelsberg mit aufgebaut. Es passt zusammen. Dritte im Bunde wird Elke Rickert, sie leitete zuvor das Filmforum der Volkshochschule. Gemeinsam machen sie das Scala-Programmkino im ehemaligen Gewerkschaftshaus an der Apothekenstraße zu einem der besten in der Republik.

Gutes Kino auch mal abseits des Mainstreams lief in dem Kino seit seinem Beginn in den 50er-Jahren. Dafür sorgte zum Beispiel ein Schülerfilmclub. Neben dem Scala-Kino war in den 70ern aus der Kinogeschichte der Stadt noch das Union übrig – als Ort für Blockbuster, Horror und Co. Die Geschichte drehte weiter. Als in den späten 70er-, frühen 80er-Jahren die Zeit der Schachtelkinos anbrach, wurde das Union in fünf Spielstätten umgebaut. Das Scala-Kino schrumpfte vom großen Saal zu drei Kleinkinos im Obergeschoss, das bis dahin als Empore diente und als Raum für die Projektoren.

Scala und Union leitete Hans-Jürgen Hintze. Als der Trend zurück zur großen Leinwand pendelte, zum Cinestar, heute Filmpalast, wurde der Weg zur Scala-Neubestimmung frei. Hintze konzentrierte sich aufs Großkino. Das neue Scala-Team startete am 1. September 2000 mit „High Fidelity“ von Stephen Frears nach dem Bestseller von Nick Hornby. Die Scala-Macher, zu denen anfangs noch kurz Matthias Wrage gehörte, und Hintze kooperierten stressfrei. Die gute Zusammenarbeit mit dem Großkino funktioniert auch heute mit Filmpalast-Leiterin Annette Wörsdörfer.

Die Liebe des Leitungs-Trios zum neuen Programmkino überträgt sich aufs Publikum. „Lüneburg ist ein richtig guter Kinostandort“, sagt Ruth Rogée. Behörden, Gerichte, Uni – die Stadt wird von Bildungsbürgern geprägt, das Kulturleben blüht quer durch die Sparten.

Das Scala-Team setzt stark auf deutsche und europäische Filme, auf Dokus, auf Filmgespräche, auf thematische Reihen, auf Angebote für Kinder und Jugend fern von Hollywood. Das Programm wird nicht inhaltlich gestrickt. Hier läuft, was anderen zu riskant ist, aktuell „Schlingensief“, ein Film über den eigenwilligen Theatermacher.

Stark ausgebaut wurde Jahr um Jahr die Zahl der Kooperationen. „Unser Eingebundensein in die Stadt macht uns wirtschaftlich unabhängiger von allgemeinen Entwicklungen und Trends im Kino“, so die scheidende Geschäftsführerin. Umweltfilmwoche, Kaffeekino für Senioren, Filme im Original, Sneak-Previews, Gay-Movietime, Matineen. Das Team ist stets offen für Neues.

Das Scala-Konzept wird schnell überregional anerkannt. „Auf Landesebene wurden wir schon für unsere ersten vier Monate ausgezeichnet“, sagt Rogée. Nach dem ersten Jahr ist das Scala-Team schon in der Bundesspitze angekommen. Seither zählt das Kino Jahr um Jahr mindestens zu den Top Ten bundesweit, 2007 gab es Platz eins beim Kinoprogrammpreis.

Die Preisprämien helfen, das Niveau des Angebots zu halten. Aber der Mix macht’s. Bei den Top Ten aus zwanzig Jahren wird deutlich, dass die unterhaltsamen Filme denn doch die Oberhand haben, siehe unten.

Ruth Rogée: „Was immer Spaß gemacht hat, ist der Zusammenhalt, die Arbeit in unserem Team.“ Der Generationswechsel vollzieht sich in Etappen und reibungslos. Das gelingt andernorts nur selten. Ulla Brennecke steigt 2016 aus, jetzt Ruth Rogée, Elke Rickert bleibt als Gesellschafterin. In gewisser Weise Ruth Rogée ja auch. Nicht mehr in der Verantwortung, aber sie wird weiter das Kaffeekino moderieren, einzelne Filmreihen betreuen, überörtlich in Jurys sitzen. Ein großer Umbruch steht also nicht bevor. Bereits seit Jahren gehören Kevin Beck (30) und David Sprinz (42) schon zum Team der Verantwortung, nun als alleinige Geschäftsführer. „Wir sind supergut vorbereitet“, sagt Kevin Beck. „Ruth geht und geht doch nicht, aber sie kann loslassen“, sagt David Sprinz.

Die schwerste Zeit aber, die ist jetzt. Groß gefeiert werden kann der 20. Geburtstag nicht. Am 1. und 2. September laufen 20 unterhaltsame Kurzfilme aus 20 Jahren. In den großen Saal dürfen nur 30 statt sonst 100 Besucher, „es ist nicht annähernd wirtschaftlich“, sagt Ruth Rogée. Aber schön ist es doch, und zumindest das Stammpublikum freut sich, die 25 Stufen wieder hinaufzusteigen – aus Liebe zum guten Film.

Die Scala-Top-Ten

Frankreich liegt vorn

1. Ziemlich beste Freunde (F 2011)

2. Die fabelhafte Welt der Amelie (F 2001)

3. Soul Kitchen (D 2009)

4. Good Bye Lenin (D 2003)

5. Die Kinder des Monsieur Mathieu (F/CD 2004)

6. Wie im Himmel (S 2004)

7. Der Junge muss an die frische Luft (D 2018)

8. Kalender Girls (GB/USA 2003)

9. Brot und Tulpen (I 2000)

10. Monsieur Claude und seine Töchter (F 2014)

Von Hans-Martin Koch