Dienstag , 29. September 2020
Die Jazzsängerin Nora Benamara und der Pianist Aeham Ahmad berührten das Publikum mit Liedern voller Emotionen. (Foto: t&w)

Blumen in den Trümmern

Reinstorf. Ein Bild von Aeham Ahmad ging um die Welt. Er ist der Pianist in den Trümmern. Im syrischen Flüchtlingslager Jarmuk stand Ahmads Klavier in Ruinen. Der Musiker demons­trierte Musik als bleibende Sprache gegen Tod, Terror und Zerstörung. Nun kam der Pianist und Sänger zum zweiten Mal ins One World Reinstorf, diesmal mit Jazzsängerin Nora Benamara und mit Mechthild Henne – es wurde ein berührender Abend.

Der syrisch-palästinensische Pianist verließ seine Heimat, als der „Islamische Staat“ sein Klavier zerstörte. Seine Musik töten konnten sie nicht. Ahmad kam über mehrere Stationen nach Deutschland. Ihn verbindet heute viel mit Lüneburg, Mechthild und Hans Karl Henne wurden zu einer Art Mentoren für den Musiker.

One-World-Vorschau

Pröse, Fedder und Benefizmeile

Am Donnerstag, 3. September, wird es norddeutsch im One World: Tim Pröse liest ab 18 Uhr aus seiner Bestseller-Biographie über Jan Feldder, Musik liefert die Gruppe Albers Ahoi.

Im Rahmen der dezentralisierten Barnstedter Musikmeile bietet das One World am Sonnabend, 5. September, folgendes Programm: 15.30 Uhr Bockum Band (Rock), 16.30 Uhr Dorothea Dietrichs (Pop), 17.30 Uhr Mischpoke (Klezmer), 19.30 Uhr Mathias Bozó (Klavier/Gesang), 20.30 Uhr Naizah‘s (Bauchtanz), 21 Uhr Drive! (Rock/Pop), 22 Uhr Naizah‘s (Bauchtanz).

Wenn aus einem Menschen Musik strömen kann, dann gibt Aeham Ahmad dafür ein Beispiel. Nichts ist zu spüren vom Granatsplitter in der linken Hand. Ahmad beginnt mit impressionistischen Klängen, doch kennt seine Musik wortwörtlich keine Grenzen. Nahtlos fließen Klassik, mal groovender, mal ins Freie drängender Jazz und arabische Klangidiome in seine Musik ein. Ahmad breitet eine Menge virtuosen Tastendonner aus, er scheint manchmal selbst von seinen Inspirationen geflutet zu werden. In seinem Spiel treffen sich Gewalt und Zärtlichkeit, Poesie und Härte. Um das ikonische Bild von Ahmad im Flüchtlingslager zu strapazieren: Er lässt in den Trümmern Blumen blühen. Und wenn er in sein Spiel die Melodie „Die Gedanken sind frei“ einfließen lässt, dann ist das so plakativ wie passend – und das nicht allzu zahlreiche Publikum stimmt leise ein.

Mit der Sängerin Nora Benamara ist Ahmad dabei, über Crowdfunding ein Album zu realisieren. Sie studierte Jazz in Weimar und ist wie der an der Baath-Universität in Homs ausgebildete Pianist eine Grenzgängerin. Ihr Stimme ist in allen Lagen warm und biegsam, sie formt lange melodische Bögen. Oft übernimmt sie einen deutschen Part, Aeham Ahmad singt im Wechsel in seiner Heimatsprache. Die Strophen ergänzen und kreuzen sich organisch, die Lieder berühren in ihren Emotionen aus Melancholie, Liebe zum Leben, Sehnsucht nach Frieden und nach Heimat.

Als Sänger ist Aeham Ahmad wie seine Mitstreiterin ungeheuer variabel. Dass er auch als Klavierbegleiter unbändig aufspielt, beweist nur seine sprudelnde, mitreißende Musikalität, wenn er auch in Gesangspassagen manchmal bis an den Rand des Überdeckens geht.

Benamara und Ahmad haben unter anderem Lyrik des vielfach ausgezeichneten, palästinen­sischen Dichters Mahmoud Darwisch (1941-2008) vertont. Mechthild Henne liest die deutschen Fassungen. Einer der bekanntesten Texte Darwischs heißt „Wir haben ein Land aus Worten“. Die beiden Musiker des Abends lassen dazu eine Welt aus Klängen fließen.

Von Hans-Martin Koch