Ursula Haselböck
Ursula Haselböck ist die neue Chefin der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. (Foto: oc)

In Neuhaus wird gespielt

Dargun. Nördlich der Seenplatte, im Peene- und im Trebeltal findet das Navi Dargun. Die kleine Landstadt liegt mittendrin, so ziemlich am mittendrinsten im Festspielland Mecklenburg-Vorpommern. In Dargun steht eine große Brauerei, vor allem aber eine großartige Klosteranlage. Ihre Mauern bergen 850 Jahre Geschichte, beginnend mit den Zisterziensern. 1945 verfeuerte die Rote Armee das Schloss gewordene Kloster zur Ruine. Jetzt dienen die unbedachten Mauern als malerische Festspiel-Kulisse, und zum Zuhören hat sich an diesem frühen Abend Ursula Haselböck angesagt.

Seit dem 1. September leitet sie die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, hat schon unzählige Krisensitzungen mitgemacht, bereist in diesem Festivalschlamasseljahr Konzertstätten zwischen Anklam und Zarrentin. Und nun steht sie im Stau, kann aber, wenn sie will, schon sehen, wie es ausschaut an diesem Abend in der Klosterruine. Andreas Hinterseher, bei der gastierenden Gruppe Quadro Nuevo der Mann für Akkordeon, Bandoneon und mehr, hat schon am Nachmittag sein jüngstes Instrument eingesetzt, eine Drohne, und vogelperspektivische Bilder ins Netz gesetzt.

Ein Stau, das ist das kleinste Problem, eigentlich gar keins angesichts der Kultur-Crash-Katastrophen dieses Jahres. Verstummte Künstler, verwirrtes Publikum, verunsicherte Sponsoren, vergrätzte Agenturen, verzweifelte Veranstalter. „Am härtesten war schon die Frage, ob die Festspiele überhaupt überleben, zumal sie sich zu 50 Prozent über Ticketing finanzieren“, sagt Ursula Haselböck.

Ihr Vorgänger Markus Fein wechselte an die Alte Oper Frankfurt. Er führte die Festspiele seit 2014 in die Spitze und kann sie nun im 30. Festivaljahr in Schwerin nur ohne Glanz und Gloria übergeben. Ein schwerer Start für Ursula Haselböck. Sie stammt aus einer Musikerfamilie, studierte unter anderem Cello, arbeitete zuletzt als Dramaturgin am Konzerthaus Berlin. Die 38-Jährige übernimmt von Fein ein schon vor Corona durchgeplantes Programm für 2021. Haselböck hält am Fein-Plan fest, „wir hoffen, dass es geht. Die nächsten Jahre werden gewiss spannend“, sagt die designierte Intendantin.

Die Festspiele MV sind zu 90 Prozent privat finanziert, das ist bei Nachbarfestivals nicht so. Das drohende Defizit durch den Ausfall der meisten Konzerte drohte alles Erreichte zu vernichten. Um überleben zu können, riefen die Festspiele auf, gemeinsam einen Rettungsschirm aufzuspannen. Denn bei allem Streichen klaffte ein Loch von einer Million Euro. „Unser Hilferuf wird ernst genommen. Wir haben sofort Solidarität von den Menschen gespürt, das ist entscheidend, denn für die Menschen machen wir das ja“, sagt Haselböck. Die Spenden fließen gut, trotzdem: Noch fehlen 185 000 Euro.

Der scheidende Intendant Markus Fein hat sein letztes MV-Festival nicht komplett abgesagt, ein Alternativprogramm ist angelaufen. Wie das Konzert mit dem Weltmusik-Quartett Quadro Nuevo, das mittlerweile als vierten im Bund den Jazzpianisten Chris Gall zum festen Mitglied machte – an Stelle der Harfenistin Evelyn Huber.

Die Musiker freuen sich, wenigstens die Open-Air-Saison spielen zu können. Am Morgen drauf treten sie beim Nachbarfestival in Schleswig-Holstein auf der Insel Fehmarn auf, am späten Nachmittag dann in Kellinghusen. Das fühlt sich an wie ganz normaler Tourneestress.

Probleme bleiben. Schwere Gespräche hat Ursula Haselböck mit den Sponsoren zu führen. „Ein Großteil versucht, uns weiter zu unterstützen“, sagt sie. So weit, so erfreulich. Aber zu den Hauptsponsoren zählt neben BMW und Radeberger auch AIDA, und deren Schiffe cruisen nicht, sondern dümpeln und dieseln in den Häfen. Auch die Arcona-Hotels, ein weiterer Hauptsponsor, ist mit Corona-Problemen gut ausgelastet. Es wird nicht leicht für die neue Chefin, die Festspiele auf Kurs zu halten.

2021 steht wie in den Vorjahren auch Niedersachsen bzw. die Elbtalaue auf dem Plan. „Es gibt keinen Grund, gute Kooperationen nicht weiterzumachen“, sagt Haselböck mit Blick auf den Landkreis Lüneburg. In diesem Jahr fielen zwei geplante Konzerte in Bleckede und Konau Corona zum Opfer. Anders ist es bei Konzert drei: Das Danish String Quartet wird am 11. September in Neuhaus spielen. Das Konzert wurde Pandemie-gerecht umgebaut. Ein Doppelkonzert in der Marienkirche geben wird das Danish String Quartet, das 2010 den Ensemblepreis der Festspiele MV erhielt. Die Dänen spielen aus Bachs „Kunst der Fuge“ das mutmaßlich letzte Werk, das der Barockmeister zum Genre schrieb. Außerdem erklingt der für Streichquartett bearbeitete Bach-Choralsatz „Vor deinen Thron tret’ ich hiermit“. Ein Werk von Anton Webern („Langsamer Satz für Streichquartett“) kommt hinzu und ein Charakteristikum der Dänen: Sie spielen auch skandinavische Folkmusik. Das erste Konzert beginnt um 18 Uhr, das zweite um 20 Uhr.

Weitere Infos im Internet unter: www.festspiele-mv.de

Von Hans-Martin Koch