Donnerstag , 24. September 2020

„Wir kapitulieren nicht vor Corona“

Reinstorf/Melbeck/Lüneburg. Die Nachrichten bleiben beunruhigend. Libanon und Syrien rücken immer wieder als Krisen-Hotspots in die Nachrichten. Leidtragende der Situation sind vor allem Flüchtlinge, die in riesigen Lagern unter erbärmlichen Bedingungen ein karges Leben fristen. Bildung hat dort keine Chance. Provisorische Zeltschulen sollen Abhilfe schaffen. Ein Projekt, dem sich auch die Musikmeile Barnstedt verschrieben hat. „Mit Corona standen wir vor der Frage, wie wir 2020 weitermachen, konnten mithilfe eines Aufrufs in der Landeszeitung eine spannende Alternative entwickeln“, berichtet Organisator Jens Thomsen in bester Laune. Das Resultat fiel beachtlich aus: Geografisch dehnte sich das Festival von München bis ins dänische Frederikshavn aus, 50 Konzerte auf 20 Bühnen gab es zu bestaunen.

Semiprofessionelle Bands und Solisten

Harte Arbeit für das Organisationsteam, das koordinieren, disponieren, lange korrespondieren musste, bevor an den vielen Orten gute Aufführungsbedingungen gesichert waren. „Gerade in der jetzigen Zeit trauten wir uns kaum Profi-Ensembles ohne Gage anzufragen, denn diese Berufsgruppe leidet extrem an der Pandemie.“ Jens Thomsen nutzte sein Netzwerk, lud überwiegend semiprofessionelle Bands und Solisten ein, die dann in feinster Detailplanung auf die Spielflächen verteilt wurden, inklusive Erstellung eines ausgetüftelten Hygiene-Konzepts für die Gastgeber. Es klappte. Entsprechend ging die Musikmeile erstmals übers Land. „Unsere guten Erfahrungen haben gewiss eine Auswirkung auf die nächste Ausgabe,“ verrät der höchst agile Motor dieser herausragenden Initiative.

Der musikalische Marathon verteilte sich im Landkreis Lüneburg von Eitzen bis Adendorf, legte auch im Altonaer Museum Hamburg einen Stopp ein. Kurze Zwischenbilanz von Jens Thomsen: „Wir kapitulierten nicht vor Corona, haben ein kreatives Konsortium aufgebaut, das offenbar Schubkraft entfachte.“ Die Energie bescherte dem zahlreichen Publikum ein bemerkenswertes Spektrum unterschiedlicher Stile und Genres. Dorothea Dietrich zum Beispiel begeisterte mit Chansons, während die Bockum-Band eingängigen Rock mit Spaßgarantie im Reinstorfer Kulturzentrum One World aus den Gitarrensaiten lockte. Auf den Spuren von Udo Lindenberg wanderte Van Wolten im Eitzener Gartenkonzert, in Salzhausen entführte das Damen-Trio Santeli die Zuhörer in den betörenden Klang georgischer Gesänge, Norbert Birnbaum faszinierte im Lüneburger Naturkundemuseum mit Klavierimprovisationen und in der Adendorfer Emmaus-Kirche gab es sanfte Harfentöne zu erleben.

„Ein großartiges Ergebnis“

Von Max Raabe bis Steve Wonder spazierte die vor drei Jahren gegründete Band Melonsound im Garten des Lüneburger Wohnprojekts Speicherbogen, schaute dabei auf jazzige Anleihen, Funk und Soul. „Wir machen Musik, die erfrischt und eine kleine Prise Melancholie einstreut“, formuliert die Combo ihren Anspruch. In der Hofkünstlerei Melbeck ließ sich Eigentümerin Sandra Born vom Spirit der Initiative einnehmen. „Wir meldeten uns spontan auf den Aufruf, waren früher schon mit von der Partie, durften nun erstmals unseren eigenen Standort einbeziehen,“ freut sich die Leiterin von Krass e.V. – ein Platz für Fantasie.

Einige Werke aus dem Schaffens­prozess flankierten die Beiträge von der poppigen Gruppe Days of Northern Light, Hip Hop der Krasshoppers, dem karibischen Flair von Beat con Gas und den Punk-Rhythmen von 20 Virker Ikke. Einer war erneut dabei, dieses Mal im Deutsch-Everner Garten an der Ilmenau: Aeham Ahmad. Das Bild des syrischen Pianisten ging um die Welt, als er in den Ruinen von Jarmuk einen Optimismus in die Tristesse spielte. Heute lebt er in Süddeutschland und verschreibt sich weiter dem Prinzip Hoffnung. Ein Plädoyer, das die Musikmeile auch 2021 beflügeln wird.

Eine erste Bilanz konnte Jens Thomsen schon am Sonntag verkünden: mehr als 16.000 Euro an Spenden waren zusammengekommen: „Ein großartiges Ergebnis“. hjr