Donnerstag , 24. September 2020
Christa Donatius wohnt und arbeitet für drei Monate in der Stipendiatenwohnung im Rote-Hahn-Stift. Foto: t&w

Es geht auch eine Nummer kleiner

Lüneburg. Mit Idylle kennt sich Christa Donatius aus. Sie lebt und arbeitet seit 36 Jahren mit ihrem Mann und Kollegen Michael Jalowczarz auf dem einsam gelegenen Waldgut Daudieck bei Horneburg bei Stade. Stadt ist so gar nicht ihre Sache – „spannend, interessant“, aber nicht zum Leben. Aber nun wohnt sie doch mittendrin, für drei Monate im Herzen Lüneburgs, an einem besonders idyllischen Platz: im Rote-Hahn-Stift, zu dem eine Stipendiatenwohnung gehört, für Künstler eingerichtet von der Uwe-Lüders-Treuhandstiftung. „Na ja, Lüneburg ist eher ja eine Kleinstadt“, sagt die Malerin. Sie fühlt sich wohl hier.

Von all den Malerinnen, die das Lüders-Stipendium erhielten, ist Christa Donatius, Jahrgang 1951, wohl die erfahrenste. Sie hat sich eingerichtet in dem winkligen Häuschen und muss sich etwas reduzieren, bei den Formaten zurückhalten. Ihr größtes Werk bisher misst nämlich 65 Meter und zeigt 227 Porträts von Menschen ihrer Umgebung. Mehr als acht Jahre hat sie Familie, Freunde, Bekannte, Politiker, Kollegen gemalt. Es geht aber auch wie jetzt eine große Nummer kleiner. Wieder malt sie Menschen, das ist ihr großes Thema, nun sind es Paare und Passanten.

Sie findet ihre Modelle am Stint, in Cafés, auf Stufen sitzend. Immer sind es real existierende Menschen, die sie malt. Aber sie interessiert nicht das Abbild. Die Gesichter, manchmal die Körper wirken wie Negative von Filmen der analogen Fotowelt. Das nimmt Präzision, wird flächiger, entrückter, allgemeiner, kühler, farbreduziert, kontrastbetont. Christa Donatius fokussiert ihre Bilder auf die Haltungen und die Beziehungen zwischen Menschen, auch zwischen Mensch und Umgebung.

„Die Menschen sind gar nicht da, obwohl sie da sind“

Der Hintergrund auf den neuen Bildern hat nun oft eine Lüneburg-Motivik, das ist dem Stipendium geschuldet. Aber das Drumrum und Dahinter ist nicht so wichtig wie der Ausdruck, etwa der von Leere und Entrücktheit, wenn die Umgebung nicht mehr wahrgenommen wird, sondern nur das Display des Handys. „Die Menschen sind gar nicht da, obwohl sie da sind.“

Christa Donatius hat die Haare zu Rastazöpfen geflochten, geht barfuß durchs Atelier, ihr Zuhause auf Zeit. Auf dem kleinen Tisch neben dem Sessel liegen „Die Surrealistin“ von Michaela Carter und der „Provenzialische Rosenkrieg“ von Sophie Bonnet – etwas Kunst und etwas Krimi zur Entspannung. Eine Faszienrolle liegt bereit, die Muskeln wollen entspannt werden.

Lüneburg kennt die Malerin „von früher“. Seit 40 Jahren ist Christa Donatius Mitglied im Bund Bildender Künstler, sie erinnert sich an Besuche von BBK-Ausstellungen. Im Kloster Lüne war sie zu Musikworkshops, sie spielt Geige im Stader Kammerorchester – dem „besten kleinen Sinfonieorchester in Niedersachsen“, sagt sie.

Nun streift sie durch die Stadt, besucht die Museen, entdeckt Lüneburg neu, findet Menschen und Orte auch jenseits der Idylle. Skizzen entstehen mit Moorlauge, die Bilder mit Ölfarben. Bis Mitte September wird sie noch „Paare“ suchen und finden. Ein Katalog, eine Ausstellung sollen folgen – vielleicht 2021 im Glockenhaus, das Mäzen Uwe Lüders mit der Sparkassenstiftung zu einem Ort für Kaffee und Kultur umbaut.

Von Hans-Martin Koch