Samstag , 24. Oktober 2020
Die Heine-Stipendiaten Ronya Othmann (rechts), Sandra Gugic und Philipp Schönthaler auf Coronadistanz. Foto: t&w

Wenn die Heimat schwindet

Lüneburg. Gleich drei Stipendiaten sind an diesem Abend ins Glockenhaus eingeladen. Die Lesung mit Ronya Othmann, Sandra Gugić und Philipp Schönthaler beendet die unfreiwillige Pause, die coronabedingt das Literaturbüro des Heinrich-Heine-Hauses machen musste. Entschädigt werden die Liebhaber von Gegenwartsliteratur an diesem Abend gleich mit drei Auszügen aus neuen Werken, darunter Hochkarätiges: Ronya Othmann und Sandra Gugić wurden bereits mehrfach für ihre Werke ausgezeichnet. Othmann gewann zuletzt den Publikumspreis des Ingeburg-Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt und wird für ihre Neuerscheinung „Die Sommer“ hochgelobt.

Über Flucht und Vertreibung

In ihrem Buch geht es um die Erinnerungen eines jungen Mädchens namens Leila, das seine Sommerferien früher bei den Großeltern in Nordsyrien verbrachte, den Rest des Jahres jedoch in Deutschland gelebt hat. Das Buch kreist um das Vergessen und das Erinnern, um den damals noch friedlichen Alltag in Syrien und um sommerliche Erlebnisse, die verloren sind. Es sind Szenen einer nicht mehr existierenden Welt. Leila trägt autobiografische Züge, aber eine vollständige Kopie der Autorin ist die Hauptfigur dieses Romans nicht. Othmann: „Ich wollte selbst bestimmte Dinge verstehen, indem ich sie aufarbeite.“

Ebenfalls durch Flucht und Vertreibung gekennzeichnet ist die Biografie von Sandra Gugić, deren Familie aus dem ehemaligen Jugoslawien stammt. Auch sie ist in zwei Welten aufgewachsen, in Serbien und Österreich, das spiegelt sich in ihrer Gegenwart. „Ich war immer mit der Frage meiner Herkunft konfrontiert“, sagt sie. In Österreich als Gastarbeiterkind aufgewachsen ist auch die Hauptfigur in ihrem Roman „Zorn und Stille“. Die Fotografin Billy und ihre Familienangehörigen verbringen ein von Verlust und Vertreibung gezeichnetes Leben in Wien.

Der Jugoslawienkrieg und seine Folgen prägen die Geschichte: „Es war der Plan, genau das darzustellen,“ sagt die Autorin. Das Verhältnis der Familienangehörigen untereinander ist schwierig, es gibt Missverständnisse und Konflikte. Immer wieder geht es um das Verschwinden eigener Lebensrealität durch Krieg und Zerstörung.

Die Charaktere beider Bücher haben eines gemeinsam: Sie stammen aus einer Realität, die es so nicht mehr gibt. Beinahe täglich müssen die Figuren sich damit auseinandersetzen, was geschieht, wenn ihre Vergangenheit sie einholt. Oft sind es nur Bruchstücke – Bilder, kleine Andenken, Gesprächsfetzen, die an früher und die eigene Herkunft erinnern. Soll das alles verloren gehen, muss es das zwangsläufig oder darf die Erinnerung auf keinen Fall erlöschen? Gibt es für moderne Nomaden überhaupt so etwas wie Heimat, möchte Moderatorin Martina Sulner wissen. „Das ist ein schwieriger Begriff, aber ich bin immer an dem Ort zu Hause, an dem die Menschen sind, die mir etwas bedeuten“, sagt Sandra Gugić.

Ein Computer sperrt den Arbeitsplatz

Eine andere Situation prägt den Roman „Der Weg aller Wellen“, den der neue Stipendiat des Heinrich-Heine-Hauses, Philipp Schönthaler, vorgelegt hat. Bei ihm geht es um die Digitalisierung und ihre Auswirkung auf die fiktionale Welt seiner Figuren. Sein namenloser Erzähler wird durch einen Scanner aus dem Arbeitsleben herauskatapultiert, der Computer verweigert ihm eines Morgens den Zutritt zu einem Bürogebäude, in dem der Erzähler bisher tätig war. Von einer Minute auf die andere wird ein Mensch aus der Menge ausgesondert, wird selbst zum Systemfehler, der in den normalen Ablauf nicht mehr hineinpasst.

Die Security ist am Zug, doch der diensthabende Wachmann, in seinem Auftritt noch höchst analog, fühlt sich nicht zuständig. Eine kafkaeske Situation entspinnt sich mit großer Dichte und einem gewissen Bedrohungspotenzial, das jeder nachvollziehen kann, der schon einmal Stress mit einem Computer hatte. „Ich glaube tatsächlich, dass ich ein Skeptiker bin, was Technikversprechen angeht“, sagt Schönthaler. Mit dem Thema der Steuerung menschlichen Lebens durch Technik soll sich auch sein nächster Roman beschäftigen.

Von Elke Schneefuß