Dienstag , 29. September 2020
Kaiser Quartett
Zu Gast in Schröders Garten: das Kaiser Quartett oder anders: Four Kings, one Kaiser. (Foto: t&w)

Kammermusik bei Bier und Burger

Lüneburg. Irgendwann mitten im Konzert, als Martin  Bentz sein Cello mit einem Handtuch absichert, sagt Ingmar Süberkrüb, der Mann an der Bratsche: „Kaiserwetter“. So viel Humor muss sein. Es gibt mehr davon an diesem Abend, an dem es aus dem Himmel nach Kräften kübelt und hernieden in Schröders Garten das Kaiser Quartett spielt, sehr geerdet und zugleich ziemlich himmlisch. Schön, dass Bühne und Plätze fürs Publikum weitestgehend wasserdicht beschirmt sind.

Gern gesehene Gäste auf internationalen Festivals

Die vier Hamburger Musiker tanzen im Reigen der unzähligen Streichquartette aus der Reihe. Als sie vor 16 Jahren zusammenkamen, wollten sie nicht in den ewig gleichen klassisch-romantischen Kanon einstimmen, sondern so etwas wie Kammermusik des 21. Jahrhunderts produzieren. Nicht verkopft, sondern für Hirn, Herz und auch mal für die Beine.

Das Kaiser Quartett spielt viel im Hintergrund für Film und Pop, für Jarvis Cocker, Gregory Porter, auch für klassische Musiker, die sich die Lust am Grenzübertritt bewahren wie Geiger Daniel Hope. Beim Edinburgh Festival, beim Montreux Jazzfestival, beim Schleswig-Holstein Musik Festival gastierten die vier Kaiser, und nun sitzen vor überschaubarem Publikum im Biergarten – und es pladdert der Regen. Was aber kann der guter Musik schon anhaben!?!

Wichtigster Partner des Kaiser Quartetts ist der Pianist Chilly Gonzales. Von ihm erzählen sie immer wieder, und mit ihm bespielten sie die großen Hallen der Welt. Nun haben die Hamburger spät, aber doch ein eigenes Album aufgenommen: „Four Kings, One Kaiser“. Die Titel bewegen sich zwischen der Minimal Music eines Philip Glass, Jazz­impulsen, der Knappheit von Pop-Strukturen und dem Einfluss elektronischer Musik. Stabile Harmonik, rhythmisches Forcieren, melodische Themen, solistische Ausbrüche prägen die beeindruckenden Kompositionen, die sie einfach Songs nennen.

Modischer Anzug, farbiges Einstecktuch, so viel Etikette und Konvention muss auch auf der Biergartenbühne sein. Mehr aber nicht. Das Quartett, angeführt von Geiger Adam Zolinsky, entwickelt einen mächtigen Sog, das Publikum lässt sich mitziehen. Sie spielen verstärkt, das mindert Feinheiten des Klangs, stärkt aber den rockigen, groovenden Impuls.

Musik als Erlebnis und dazu eine Prise Humor

Es geht den Musikern nicht um Perfektion auf Teufel komm raus, sie müssen sich und dem Publikum da nichts beweisen. Es geht ihnen auch nicht um Show, sondern um Musik als Energie und Erlebnis. Und um den Beweis, dass ein Streichquartett auch ohne ohne Haydns berühmtes Kaiserquartett klasse sein kann.

Sie moderieren ihr Programm mit Humor. Wenn Violinist Jansen Folkers ankündigt, dass er als zweiter Geiger ein Solo spielen darf, möge man das als Zeichen der Basisdemokratie im Ensemble sehen. Während Folkers in der improvisierten Pause kurz seine Tochter betüdelt, wird zur Überbrückung ein Bratscherwitz eingeflochten. Davon gibt es etwa so viele wie Ostfriesenwitze. Nebenbei erteilen die Musiker etwas Musikunterricht, zu Stichworten von Pizzicato über Etüde zu Fuge und Kontrapunkt.

Weiter geht es zur „Stippvisite in der Großraumdisco“. Von dort ist der Weg nicht weit zu Giorgio Moroder und Depeche Mode, von denen sie Stücke covern bzw. sich einverleiben, inklusive Bass- und Percussion-Samples vom Handy.

Der Regen ebbt ab, das Konzert geht zu Ende, aber zum Gedenken an den großen Filmkomponisten Ennio Morricone spielen sie als zweite Zugabe noch „Il mio nome è nessuno“. Da singen sie sogar.

Ursprünglich sollten die Musiker im nun Corona-bedingt extrem gefährdeten Salon Hansen spielen. Schröders Garten ist auch schön, aber bald ist‘s kalt draußen.

Von Hans-Martin Koch