Dienstag , 22. September 2020
Hopespots
Fotopause bei der Vorbereitung von „Hopespots“ mit (v.l.) Gudrun Jakubeit, Ulrike Stuhrmann, Ursula Blancke-Dau, Karin Greife, Brigitte Menke und Berit Neß; sitzend Anke Gruss und Carolin George. (Foto: t&w)

Was war, was bleibt, was wird

Lüneburg. Trägt eine Ausstellung den Titel „Farbe trifft Form“, wie an diesem Wochenende noch vom Trio Graßt/Tarara/Reinke im Kulturforum präsentiert, dann ist die Richtung des Gezeigten ziemlich klar. Heißt eine Ausstellung „Hopespots“, wie jetzt in der KulturBäckerei, dann soll der Begriff Neugier wecken.

Bilder zwischen Kunst und Dokumentation

Was unter „Hopespots“ alles zu verstehen ist, kommt aus den Ateliers in die Kunsthalle des Hauses und ist an Vielfalt kaum zu übertreffen. Was aber sind Hopespots? Auf das Wort stieß die Malerin Brigitte Menke beim Lesen eines taz-Artikels. Als Hope Spots, so die korrekte Schreibweise, gelten Meeresschutzgebiete, die von der amerikanischen Organisation Mission Blue ausgewiesen werden. Mehr als 200 Organisationen haben sich dem Vorhaben angeschlossen, um die Vielfalt marinen Lebens zu bewahren. Jüngster Hope Spot ist Gotland – da kommt die Ausstellung ins Spiel.

Die Fotografin Berit Neß reiste nach Gotland, machte Aufnahmen, die sich zwischen Dokumentation und Kunst bewegen, aufgenommen in Gebieten, die über dem Meeresspiegel liegen. Unters Meer führt eine raumgreifende Installation von Maike Erdmann-Spilker. Große, textile Medusen schweben von der Decke, ihre Tentakel führen zum Meeresboden, der aus Plastikmüll besteht. „BeAUtiES and BeAStS“ nennt die Schneiderin ihre Arbeit, die Beasts, das sind die Menschen, die den Globus plündern. Das Thema findet sich in Malerei und Objekten von Karin Greife wieder, zugleich umkreist sie das Thema Raum. Auch das passt, der Untertitel der Ausstellung heißt „Räume der Vielfalt“.

Dorthin führt in abstrahierter Form auch Anke Gruss. Sie bettet in einer kleinen Installation ein menschliches Hirn in einen Koffer und verweist auf die denkbaren Räume und darauf, dass der Mensch die Welt nur begrenzt erfassen kann. Außerdem zeigt Gruss Tiefseetierbilder, die etwas Phantastisches haben. Das dreht Gudrun Jakubeit in spontanen, vom Schwung der Bewegung getragenen Bildern weiter zu „Insektenfrauen“. Science Fiction? Jakubeit malt Mischwesen, bei denen Frauen Eigenschaften der von Ausrottung bedrohten Insekten übernehmen. Eine künftige Art von Vielfalt?

In fünf Leinwänden, formal reduziert und mit großer Dynamik verbindet Ulrike Stuhrmann das Männliche, Weibliche und Diverse. In die Natur, zur „Magie der Bäume“, führt Brigitte Menke. Stärke, Energie und Vielfalt gehen ihre Bilder nach. Und dann gibt es noch das Konkrete und das Offene. Ganz konkret wird Carolin George, die ein Bohnenregal aufbaut, das sonst auf dem Gärtnerhof Bienenbüttel steht. „Die Bohnen von Solja“, Nachname Kaltenbach, umfassen rund 170 Sorten. Die Installation führt zugleich zu den wirtschaftlichen Bedingungen von Landwirtschaft und zur Abhängigkeit von global arbeitenden Konzernen.

Blickfänge und eine Arche Noah in Regalen

Für den Blickfang der Ausstellung (bis 4. Oktober) sorgt Ursula Blancke-Dau mit mehreren originellen und bedeutungsoffenen Arbeiten. Sie verwandelt den Titel der Ausstellung in „Hopeboats“. Zentral steht ein von der Ilmenau zur KulturBäckerei getragenes desolates Kanu, ein Symbol für das uralte (Über-)Leben am Wasser. In das Kanu fügt Blancke-Dau Gegenstände wie einen Stuhl und lädt zum Spintisieren ein. Das Bodenobjekt „Geisterboote“ führt von einem Nebeneinander zur Zerstörung. Und dann geht es ums Große und Ganze in eingeweckter Form. Eine „Arche Noah“ wächst in Regalen. Was wird über die Zeit gerettet? Weckgläser zeigen ein Gesangbuch, eine Brille, Barbie, aber auch Schmorgurken von 1982. Das Publikum soll mitmachen, es sind noch Gläser da.

Aus der Kunstschule Ikarus kommt ein Film, der mit Bernd Plake und Yule von Hertell entstand, in dem Jugendliche ihren Protest zum Thema Klimaschutz äußern. Mit Collagen und Holzarbeiten ist Gero Braeutigam dabei. Berit Neß und Carolin George thematisieren in „Der Harz ruft“ Sterben und neues Leben im (Ur-)Wald. Gezeigt wird auch das Bild, mit dem Haji Dahar den Wettbewerb „Kunst und Artenvielfalt“ des Vereins KulturRausch gewann.

Das sind nur ein paar Spots zu der um einige Aspekte reicheren Ausstellung, für deren Erkundung ein wenig Zeit mitgebracht werden sollte. Alle Arbeiten werden von kurzen Texten begleitet.

Von Hans-Martin Koch