Dienstag , 27. Oktober 2020
Signe Heiberg bei der Probe. Foto: t&w

Die Opern-Schrumpfung

Lüneburg. Nicht nur bei Shakespeare, auch bei Schiller schlug Giuseppe Verdi gerne nach. Schillers Steilvorlage Nummer vier lieferte „Don Carlos“, und der Komponist ging in die Vollen. Locker vier Stunden süffigste Opernmusik schrieb Verdi. Das Theater Lüneburg schafft es nun in einer Stunde, Corona macht’s nötig. Wenn am Sonnabend, 19. September, die Premiere über die Bühne geht, singt auch Signe Heiberg wieder in der Stadt. Für sie ist die Elisabeth ein Rollendebüt – na ja, ein halbes.

Im März hatte die Sopranistin noch die Senta im „Holländer“ gesungen. Die Produktion kam über die Premiere nicht hinaus – Lockdown! Nun debütiert Heiberg als Elisabeth, wieder eine Partie, in der sie ihre Stimme einer unglücklich liebenden Frau gibt. Als halbes Debüt werten lässt es sich, weil beim „Best of“-Zusammenschnitt die große dramatische Elisabeth-Arie am Ende geopfert wurde.

Alle Solisten bekommen lediglich eine Arie, mehr geht nicht in 60 Minuten. Dazu kommen Duette, Ensembles. Die Fassung von Generalmusikdirektor Thomas Dorsch wird zwar chronologisch sein, aber die Handlung spielt an diesem Abend eine kleine bis keine Rolle, es klingt Musik pur. Es bringt aber Gewinn, sich mit dem Werk ein wenig vertraut zu machen. Das Theater hilft mit einer Online-Einführung, abzurufen ab Premierentag auf www.theater-lueneburg.de.

Gesungen wird auf Italienisch

Thomas Dorsch beschränkt sich auf die großen Solopartien, also kein Chor, keine Massenszenen, keine Fortissimo-Exzesse mit Blechgewitter. Wer ist dabei? Karl Schneider singt den Carlos, Ulrich Kratz den Posa. Die weiteren Partien übernehmen Gäste: Philip Björkqvist den König Philipp, und alternierend als Eboli wird Almerija Delic bzw. Linda Sommerhage zu hören sein.

Auch Signe Heiberg zählt nach Partien von Desdemona bis Mimì nicht mehr zum festen Ensemble des Theaters. Die Sopranistin wird aber in einer weiteren Produktion dieser Spielzeit mitwirken, beim Liederabend „Fremde in der Nacht“. Da singt sie Lieder, die durch Lotte Lenya, Zarah Leander und Edith Piaf berühmt wurden. Was für ein Fachwechsel! Sie findet Gefallen daran, besonders an den Liedern von Kurt Weill. „Das werde ich weiterverfolgen.“

Aber jetzt sind die Segel für große Oper gesetzt. Gesungen wird auf Italienisch, Obertexte zeigen die deutschen Worte. Das von Dorsch geleitete Orchester sitzt auf der Bühne, somit ist ein sehr direktes Erlebnis zu erwarten. Lässt sich konzertant besser singen als eingebunden in szenisches Geschehen? „Man kann sich sicher besser konzentrieren“, sagt Signe Heiberg. Aber das Szenische fehle doch, das physische Agieren, das verstärkend und vertiefend wirken könne. Ausdrücken muss Heiberg in „Don Carlos“ eine Frau, die ihre starken Gefühle unterdrücken muss. Das wird ihr auch ohne ein Gegenüber gelingen.

Zum Neustart des Musiktheaters sind am Premieren-Sonnabend gleich zwei Aufführungen angesetzt, um 18 und um 20 Uhr. Für die erste Vorstellung gibt es nur noch Restkarten.

Von Hans-Martin Koch