Freitag , 30. Oktober 2020
Lebt der Mensch noch in Frieden mit der Natur? Autor Peter Robert schildert eine Welt, die aus den Fugen gerät. Foto: ff

Debütroman "Dunkler Raum": Kinder werden zu Killern

Lüneburg. Am Anfang war das Foto von einem Kindersoldaten: Ein bewaffneter Afrikaner, „irgendwo zwischen zwölf und achtzehn Jahre alt“, sagt Peter Robert, „ein junger Mensch, nicht gut, nicht böse. Ein Kind? Ein Killer? Auf jeden Fall unheimlich“. Für den Lüneburger Übersetzer war es der Anlass, den ersten eigenen Roman zu beginnen. Das war 2008, jetzt ist er auf dem Markt: „Dunkler Raum“.

Übersetzer für erotische SciFi

Lutz Helsinger, Mitte 40, Tischler, ist überglücklich, als er mit seiner Patchworkfamilie das Hamburger Problemviertel Neuwarder verlassen kann. Seine Nachbarin, die alleinerziehende Regina Adebaye, bleibt mit ihren Kindern in dem von Arbeitslosigkeit und Drogenkriminalität geprägten Stadtteil zurück. Sie wird konfrontiert mit Jugendgangs, die immer aggressiver auftreten. Dagegen scheint das Internat Gut Vogelstein, in das Helsinger mit seiner Lebensgefährtin zieht, ein friedliches Paradies zu sein. Aber schon bald beginnen die Internatszöglinge immer wieder auszurasten, ohne erkennbaren Grund. Ein Phänomen, das die ganze Welt überflutet. Was ist bloß los?

Peter Robert, geboren 1951 in München, studierte Soziologie und Pädagogik, wurde aber nicht Lehrer, sondern, was fast schon ein Klischee ist, Taxifahrer – nachts auf dem Kiez, kein leichter Job. Mehr Spaß machte das Keyboard in der Polit-Rockband „Oktober“, für die Peter Robert auch Texte schrieb. Als Science-Fiction-Leser fand er zum nächsten Beruf: „Ich entdeckte in einem Roman von Bastei Lübbe, dass die gleiche Textstelle mehrfach unterschiedlich übersetzt worden war. Da bin ich zum Verlag gegangen und habe gesagt: Das kann ich besser.“

Er bekam seine Chance, übetrug erotische SciFi (so etwas gibt es auch!) und blieb dreißig Jahre dabei, erst bei Bastei Lübbe, dann bei Heyne. Zu seinen Aufträgen gehörte auch das Frühwerk „Armaggeddon Rock“ eines gewissen R.R. Martin, der später mit „Games of Thrones“ weltberühmt wurde. Cyberpunk, Horror, politische Doku, Peter Robert übersetzte alles, vom „Mueller Report“ der Washington Post bis zu „Brennen muss Salem“ von Stephen King.

Revolte gegen die Wirklichkeit

Dann kam der Film. In den Neunzigern fuhr Peter Robert nach Polen und Israel, sprach mit Überlebenden des Aufstands im Warschauer Ghetto und realisierte den Dokumentarfilm „Revolte gegen die Wirklichkeit“ über Mordechai Anielewicz, den Anführer des Aufstandes.

Erste Gehversuche als Autor waren ermutigend, die SciFi-Kurzgeschichte „Simulation“ gewann den Kurd Laßwitz Preis. Nun also „Dunkler Raum“. Der Titel steht für das Rätselhafte, das Unfassbare. Was geht in einem Kind vor, das plötzlich zum Killer mutiert und dann wieder zurückfällt in seine alte Rolle? Aber Peter Robert schlug einen größeren Bogen. Wie geht die Gesellschaft damit um? Was passiert mit der Menschheit, die ganz nebenbei auch noch die Kontrolle über die Umwelt verliert?

Der Lüneburger kennt sich aus im Verlagsgeschäft, er verschickte bundesweit fünfzig Exposés an die Lektoren. Das Interesse? „Null“, sagt Peter Robert kurz und bündig. Vielleicht liegt es daran, dass der Roman zwischen den Genres wechselt? Der Autor beschreibt ihn als „politisch grundierten Familienroman mit fantastischen Elementen“. Jetzt ist Peter Robert auch Herausgeber, gründete den „renitenT Verlag für kritische Unterhaltungsliteratur“. „Dunkler Raum“, 752 Seiten stark, ist als Print und als eBook erhältlich.

Von Frank Füllgrabe