Thomas Reichart (rechts) im Gespräch mit Jan Ehlert und dem Publikum. Foto: t&w

Das Ende einer Partnerschaft

Lüneburg. Jahrzehntelang wurden Themen von großem Desinteresse mit dem sprichwörtlichen Sack Reis, der in China umfällt, gleichgesetzt. Wer noch immer mit dieser Mischung aus westlicher Arroganz und Naivität auf die neue Supermacht schaut, der blendet bedeutende Teile der wirtschaftspolitischen Realität aus. Spätestens seit China die „neue Seidenstraße“ (dazu zählen rund 100 Länder) mit moderner Infrastruktur ausstattet, sollte sich der Westen seine bisweilen gönnerhafte Haltung abgewöhnen.

Der Journalist Thomas Reichart kennt sich bestens mit dem politischen System, der 1,4 Milliarden Menschen zählenden Gesellschaft und dem wirtschaftlichen „Powerplayer“ aus, denn er leitete von 2014 bis 2019 das ZDF-Studio Ostasien in Peking. Jetzt stellte er im Rahmen der Reihe „Was uns bewegt“ auf Einladung des Literaturbüros Lüneburg im Glockenhaus sein neues Buch vor. „Das Feuer des Drachens“ lautet dessen Titel. Im Gespräch mit dem NDR-Redakteur Jan Ehlert ordnete der Korrespondent die Entwicklung Chinas in der Weltpolitik erfahren, eloquent und klug ein.

Der Titel: "Das Feuer des Drachen"

Und er räumte mit einigen Vorurteilen auf. Es stimmt: Die chinesische Bevölkerung arbeitet sehr viel mehr als europäische Bevölkerungen. 9-9-6 heißt der Schlüssel und bedeutet: Es wird von 9 bis 21 Uhr gearbeitet, an sechs Tagen die Woche. Rund 30 Urlaubstage hat ein deutscher Arbeitnehmer, ein chinesischer hingegen nur zwischen fünf und 15. Kinder gehen bis 17 Uhr in die Schule, machen anschließend Hausaufgaben, um danach an Instituten weiter zu lernen.

Aber, so erzählte der Journalist, augenzwinkernd: Es gibt auch Anarchie in dem Kontrollstaat. Nämlich im Autoverkehr. U-Turns werden immer dann gemacht, wo und wenn sie gerade notwendig scheinen. Und auf Autobahnen wird schon mal Schritttempo gefahren, wenn parallel Nachrichten auf dem Handy getippt werden müssen. Allerdings sei es durchaus möglich, dass Bilder oder Nachrichten von den staatlichen Kontrollbehörden zensiert und nie ankommen würden.

Mehr Freiheit für Journalisten seit den Olympischen Spielen 2008

„Puh, der Bär“ etwa darf nicht verbreitet werden, da dem Staatschef Xi Jinping, der seit 2014 an der Macht ist, eine gewisse Ähnlichkeit mit Puh nachgesagt wird. Vor Xi Jinping hatte China sich dem Westen angenähert, es gab sogar eine gewisse Subkultur, Punkbands und ähnliches. Heute gilt das Primat der kommunistischen Partei, der Kommunismus als die effektivere Staatsform: Am Westen orientiert sich die asiatische Supermacht nicht mehr.

Dass es Journalisten gleichwohl gelingt, kritisch über China zu berichten, liege zum einen an der Langzeitwirkung der Olympischen Spiele im Jahr 2008. „Seitdem können wir uns relativ frei bewegen. Unsere Berichte werden direkt nach Mainz geschickt“, erklärte Reichart. Bei zu viel offener Kritik, könnte allerdings die Technik am nächsten Tag „streiken“, das sei als „Zeichen“ zu verstehen. Zum anderen verhindere der Handelskrieg mit den USA eine weitere Eskalation mit den europäischen Staaten.

Wie kann man „der neuen Form des Kolonialismus“ durch China begegnen? Haben die europäischen Länder überhaupt eine Chance, dieser Macht, die in Nullkommanichts neue Flughäfen, Wohnbebauung und Krankenhäuser – alles ohne langwierige Planfeststellungsverfahren, versteht sich – aus dem Boden stampft, entgegen zu treten? „Nicht in Angst erstarren“, macht der Experte deutlich. „Wir haben alles, was wir brauchen, um diese Herausforderung zu meistern“. Aber das gehe nur als „europäische Mannschaft“, mittels Integration und Zusammenarbeit. Denn die Zeit der strategischen Partnerschaft sei vorbei. „China ist ein systemischer Rivale, auch wenn das in Berlin noch nicht ganz angekommen ist“.

Von Silke Elsermann