Uraufführung „Defense mechanisms“ von Zaneta Rydzewska (Foto: phs).

Tauber Titan mit Hör-Implantat

Lüneburg. Es sollte im März eine große Party zum 250. Geburtstag werden. Libeskind-Saal, 1000 Besucher, drei neue Werke und dazu die siebte Sinfonie des Jubilars Beethoven. Nun verschob sich das Projekt der Lüneburger Symphoniker um ein halbes Jahr, kam nicht so groß, aber nicht minder großartig daher, aufgeteilt in zwei Konzerte an einem Abend als Heimspiel im Theater. „Die Zukunft in unseren Händen? Statements zu Europa im Beethovenjahr“ überschrieb Phillip Barczewski sein Konzept für das Orchester samt Dirigent Thomas Dorsch, für das Broken Frames Syndicate und für die Musikschule.

Aus Avantgarde wird Mainstream

Beethovens Musik stehe für Kompromisslosigkeit und Radikalität, für den Bruch mit Konventionen, sagt Barczewski. Der Chordirektor und zweite Kapellmeister des Theaters macht deutlich, wie sehr sich in Beethovens Musik Politisches spiegelt. Oder – aus heutiger Sicht – spiegelte. Denn die Zeit raubt dem Werk die gesellschaftliche Relevanz. Beethovens Musik ist längst Konvention, Genuss, Hochkultur. Aus einem Ruf nach Freiheit wurde der Bravo-Ruf, er meint meist mindestens so sehr die Musiker wie die Musik. Freiheit haben wir heute viel, sie erlaubt sogar Verschwörungserzählern, das Ende der Freiheit zu beklagen.

Für das Sprengen von Konventionen waren an diesem Abend drei Stücke zuständig, für die das Broken Frames Syndicate engagiert wurde. Es kümmert sich um Akzeptanz für Neue Musik und absolvierte in den Tagen vor den Uraufführungen einen Workshop mit Musikschülern. Nun also die Musik. Josephine Stephenson (Frankreich), Claudio Panariello (Italien) und Żaneta Rydzewska (Polen) stehen für verstörende Klänge zwischen Intellektualität und Sinnlichkeit. Schwer zu spielen, Hörer herausfordernd, in ihren Absichten bedingt nachvollziehbar, aber mindestens gut für ein Feuerwerk an Assoziationen.

„Parting“ nennt Josephine Stephenson ihren Beitrag, in dem ein Quintett melodische und motivische Fetzen aus Beethovens „Prometheus“-Ouvertüre reißt, was herauszuhören eine Aufgabe für Spezialisten bleibt. Die Instrumente öffnen autonom und doch aufeinander Bezug nehmend Freiräume in Klang und Pause. Dass die Klänge auseinanderstreben, zeigen die Musiker deutlich, wenn sie einzeln abtreten und – attacca! – das Orchester das Ouvertüren-Original spielt.

Von tinitussig bis warme Klanglinie

Claudio Panariello schrieb ein Tripelkonzert für Streichtrio und Orchester. Seine Annahme für „Rage over hearing loss“: Der taube Beethoven bekommt ein Hör-Implantat, aber was nimmt er wahr? Die drei Broken-Frames-Streicher lassen mit hoher Bogengeschwindigkeit Flageolett-Obertöne flimmern, das klingt schon tinnitussig, verzweifelt, wütend. Ähnlich vom Ausgangspunkt her und doch ganz anders als „Parting“ wird Musik zerlegt. Das Orchesters wirft Anklänge an Zusammenhängendes ein; durch viel Verwirbeltes und Ohrensausendes dringt auch mal ein Licht, etwa durch ein warme Oboenklanglinie.

Beethovens Siebte darf dann pure Erholung sein, so wird die Musik des Genies eben heute erlebt. Thomas Dorsch mit modellierendem Dirigat und Musiker zeigen, wie kristallklar gerade ein vergleichsweise klein besetztes Orchester Motive, Stimmungen und ihre Schwankungen herausarbeiten kann. Die große, fliegende Melodik behält dabei ihre machtvolle Kraft, aber das Detail gewinnt. Man muss als Hörer auch nicht wissen, dass der zweite Satz als „daktylisch-spondäischer Schreitrhythmus“ gebaut ist, dafür ist das Programmheft da. Aber unmittelbar ansprechend und mitreißend ist das Gesamterlebnis – eine starke Leistung bei dem ersten Sinfoniekonzert der Spielzeit!

Klangsinnbilder in 365 Takten

Am Abend, im zweiten Konzert, folgte ein drittes neues Werk. Żaneta Rydzewska schrieb unter den Titel „Defense mechanisms“ ein Doppelkonzert für Klarinette, Percussion und Orchester. In 365 Takten formuliert die junge Komponistin Klangsinnbilder über den täglichen und oft verdrängenden Umgang mit Problemen, die den Lauf der Welt und der Zeit ausmachen.

Auch der Beitrag der Polin sperrt sich gegen Hörgewohnheiten, womit das Konzept Barczewskis aufging. Ob aber analog zu Beethoven die drei neuen Werke einen Weg von der Avantgarde zum Mainstream gehen, das kann man ja in 250 Jahren nachprüfen. Viel Beifall gibt es für die Musiker und für die jungen, vor allem aber für den alten Meister.

Von Hans-Martin Koch