Lutz Seiler ist auch mit seinem zweiten Roman erfolgreich. Foto: t&w

Roman „Stern 111“: In den Keller und über die Wolken

Lüneburg. Die Assel ist ein wuseliges Insekt, das sich auf Schreitbeinen und Spaltfüßen durch totes organisches Material wühlt. „Assel“ passte ideal als Name einer der ersten Berliner Szenekneipen nach dem Mauerfall, untergeschlüpft in einem durchmoderten Keller an der Oranienburger Straße. Lutz Seiler, der am Donnerstagabend in der asselfreien Musikschule seinen Roman „Stern 111“ vorgestellt hat, hat in der wuseligen Kneipe mal gekellnert. Renatus Deckert, der den Abend moderiert, trank dort einst ein paar Bierchen. Die „Assel“ ist ein wichtiger unter den real existiert habenden Schauplätzen des Romans.

Über die Szene der Hausbesetzer in Berlin

Lutz Seiler, 1963 in Gera geboren, war Zimmermann, Maurer, Soldat, Kneipenarbeiter im „Klausner“ auf Hiddensee, Student, wurde schließlich Lyriker und ist seit 2014 einer der erfolgreichsten deutschen Romanautoren. Seilers Debüt „Kruso“ führte zu DDR-Exilanten, die im Land blieben – auf Hiddensee. „Kruso“ bekam den deutschen Buchpreis. Endlich, 2020, ein neuer Seiler: „Stern 111“, wieder ein Buch über das Aus- und Umsteigen, geehrt mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. Lutz Seiler führt in die Szene der Hausbesetzer in Berlin und in einem zweiten Erzählstrang bis Los Angeles, wohin die Kernfigur Carl fliegt, „dem Elternrätsel hinterher“.

Die Eltern schnallen, kaum fällt die Mauer, Jägerrucksack und Akkordeon um und wandern nach 50 Jahren kompaktem Leben in Gera aus gen Westen. Der gerade flügge Sohn bleibt verblüfft zurück, soll Haus und Schiguli, das automobile Zuverlässigkeitsmonster, hüten. Aber Carl, der Lyriker werden will, bricht samt Schiguli selbst auf und landet in den gammelnden Häusern Berlins, die sich eine Szene von Aussteigern, Künstlern und Gestrandeten erobert.

Der Roman hat rund 520 Seiten

Mehrere Anläufe habe er gebraucht, erzählt Seiler, die beiden Stränge – hier Carl, dort die Eltern – zusammenzufügen. Es gelang in einem Roman, der Wendegeschichte erzählt, ohne Geschichtsbuch über das schnelle Zerbröseln der DDR zu sein. Seiler, der eigentliche Lyriker, feilt an Wort, Klang und Rhythmus und erzielt einen bezwingenden erzählerischen Sog. Die Fülle der Details lässt den Roman gelegentlich wuchern, doch zerfleddert sie die gut 520 Seiten starken Geschichten nicht.

Deckert und Seiler kennen sich nicht aus der Keller-„Assel“, damals in den 90ern. Aber sie sind seit zehn Jahren über Literaturprojekte verbunden. Deckert spricht die „biographische Grundierung“ im Schreiben Seilers an. „Die eigenen Erfahrungen sind der kostbarste Stoff beim Schreiben“, sagt Seiler. Es geht um Verdichtung. In dem Sinn, dass erlebte Geschichte nach 30 Jahren in kompakter Form erinnert wird. Vor allem aber in dem Sinn, dass sich Literatur ihren eigenen Weg durch Fakt und Fiktion bahnt und das, was Realismus sein mag, zum Beispiel ins Phantastische weiten darf. Wie es dem Autor gefällt ­– und dem Leser von „Stern 111“, benannt nach einem DDR-Kofferradio. Wie bei „Kruso“ steht ein Film auf dem Plan.

Autoren aus der ersten Bundesliga

Lutz Seiler holte eine für April geplante Lesung der Literaturbüro-Reihe „Ausgewählt“ nach. Kerstin Fischer, Literaturbüro-Leiterin, hat für diesen Herbst ein Literaturprogramm erstellt, das der ersten Bundesliga entspricht. Gestern las Roman Ehrlich aus seinem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman „Malé“, ein Bericht folgt. Buchpreisgewinnerin Anne Weber ist mit „Annette, ein Heldinnenepos“ am 11. November terminiert – beide Lesungen sind Teil der LiteraTour Nord. Und schon für den 4. November vorgesehen ist als Heine-Haus-Ehrengast der vielgekrönte Ingo Schulze mit seinem Roman „Die rechtschaffenen Mörder“.

Von Hans-Martin Koch