Roman Ehrlich stellte im Gespräch mit Tilman Lahme (hinten) seinen neuen Roman vor, der von viel Untergang handelt. Foto: t&w

Ein Paradies versinkt in den Fluten

Lüneburg. Bitter, dass der zweite Lockdown nun auch die trifft, die sich penibel um Sicherheitskonzepte gekümmert haben. Dazu gehört das Literaturbüro, das an diesem Abend im Hörsaal 2 der Leuphana mit grünem Klebeband die besetzbaren Plätze markiert. In „Malé“, dem Buch des Abends, geht es um den Untergang, leider ein irgendwie passendes Thema.

Dieser Auftakt der LiteraTour Nord mit dem Autor Roman Ehrlich endet mit dem vorläufigen Abbruch der Lesereihe. Zumindest die Abende mit Buchpreisträgerin Anne Weber am 11. und mit Iris Wolff am 25. November sind wohl geplatzt. Wolff war auch für den Buchpreis nominiert, ebenso Roman Ehrlich mit seinem Klimawandel-Roman „Malé“, der wie ein Öko-Thriller beginnt, dann aber vor allem vorführt, wohin die Reise geht. Sie kann nicht gut enden, denn Ehrlichs Ziel, die Malediven, gehen unter. Das paradiesische Land versinkt. Was ja stimmt.

Niemand wird dort lebend rauskommen 

Ehrlichs Konstellation für die nahe Zukunft: Die Regierung ist gestürzt, die Bevölkerung der heute noch extrem dicht besiedelten Hauptstadt Malé geflohen. Von Atollen und einem rostenden Kreuzfahrtschiff aus kontrollieren brutale Milizen die Stadt, durch deren Straßen verseuchtes Wasser fließt, auf dem Massen von Plastik schwappen. Trotzdem ist die Stadt noch bevölkert.

Malé ist ein Ort für gerupfte Paradiesvögel: Glücks- und Rauschsucher, verkrachte Dichter, Zivilisationsmüde und Suizidale, Aussteiger, verzweifelte Ökos und überhaupt Gescheiterte aller Art. Niemand wohl wird dort lebend rauskommen.

Roman Ehrlich, vorgestellt von Tilman Lahme, schrieb schon einen Roman mit dem Titel „Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens“. Das neue Buch könnte auch so heißen. Zwar soll „Malé“ kein Klimawandel-Roman sein, sagt Ehrlich, da würde man in die „Kitschfalle“ tappen.

Die Stadt ist die Hauptfigur des Romans

Bei ihm ist der Klimawandel tödliche Realität. „Wie reagieren die Menschen darauf, das ist mein Thema“, sagt der Autor und zieht eine Menge an Figuren durch den Roman. Deren Spuren verlieren sich, manche werden wieder aufgenommen, andere gehen unter in der verrottenden Stadt. Sie sei die eigentliche Hauptperson des Romans, sagt Ehrlich. Bilder des Verfalls bekommen viel Raum.

Das Buch folgt keiner klaren Dramaturgie. Es jagt los mit einem Thriller-Einstieg, aber dann driftet die Erzählung bewusst ziellos hier- und dahin wie das Treibgut durch die versumpfenden Straßen. Ehrlich schafft keine psychologisch ausgeklügelten Charaktere, die den Leser bannen. Zu schnell reißen die Fäden der Episoden. Manche der Malé-Menschen bekommen keine Namen: der untergetauchte Whistleblower etwa oder der hochbegabte Multiinstrumentalist und der Professor. Er ist die graue Eminenz, die über der Kneipe „Der Blaue Heinrich“ haust und das Geschehen in der todgeweihten Stadt steuert.

Der Roman passt in die Zeit

Zu den zentraleren Figuren zählen eine Literaturwissenschaftlerin auf der Suche nach einem verschwundenen Lyriker und ein Vater auf der Suche nach seiner Tochter, die Schauspielerin war. Überall Untergang, Verschwinden – „wo bleibt die Hoffnung?“, fragt Tilman Lahme.

„Oh je“, sagt der Autor, „die muss man mitbringen“ – und liest dann von der durchtrainierten Hedi Peck, die aus Müll ein Projekt der Landgewinnung startet. Ihr erster Versuch aber, der ist im Wasser versunken. „Malé“ passt in die Zeit, in der die Dystopie mit einigem Recht Modewort geworden ist und Realität zu werden droht.

Die LiteraTour Nord, in Lüneburg von Literaturbüro und Leuphana organisiert, läuft in sechs Städten. Wie es weitergeht? Man wird sehen bzw. lesen.

Von Hans-Martin Koch