Ein Originalfahrzeug der Spedition Max Herzke, deren Wurzeln in Bromberg liegen. (Foto: Ostpreußisches Landesmuseum)

Ostpreußisches Landesmuseum: Leben im geliehenen Möbelwagen

Lüneburg. Die Bevölkerung der Stadt Lüneburg stieg nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gegenüber der Vorkriegsbevölkerung um mehr als ein Drittel an. Das lag auch an der großen Zahl von Flüchtlingen und Vertriebenen, die in der Lüneburger Heide angelangt waren und die sich hier unter schwierigsten Bedingungen eine neue Existenz aufzubauen versuchten. Das Modellauto der Lüneburger Möbelspedition Max Herzke ist im Ostpreußischen Landesmuseum ausgestellt und steht stellvertretend für ein Beispiel des beruflichen Wiederaufstiegs in dieser Region.

Das metallene Modellauto, wohl in den 50er-Jahren von der Firma GAMA Blechspielzeuge gefertigt, hatte viele Jahre im Auftragsbüro der Spedition gestanden. Es stellt einen Möbeltransporter mit Unterflurmotor dar. Auf der Frontpartie sind neben dem „A“ für „Ackermann-Aufbau“ die Farben blau-beige und das Firmensymbol – ein rotes Herz mit den Initialen MH – Max Herzke zu erkennen. Die echten Fahrzeug-Vorbilder für die Modelle wurden vor allen Dingen in Niedersachsen von dem Braunschweiger Automobilhersteller Büssing hergestellt.

30 Angestellte, 25 Pferde und 36 Wagen

Der Firmengründer Max Herzke stammte aus Bromberg in der preußischen Provinz Posen. Infolge des Versailler Vertrages wurde seine Heimatstadt 1919 vom Deutschen Reich abgetrennt und an das wieder gegründete Polen abgetreten. 1928 übernahm Max Herzke dort eine bestehende Spedition. Seine Firma verfügte zeitweilig über 30 Angestellte, 25 Pferde und 36 Wagen, und seine Aufträge führten ihn bis nach Ostpreußen.

Am 21. Januar 1945 musste Max Herzke mit seiner Familie seine Heimat verlassen. Nach knapp zwei Monaten Flucht kamen sie mit nur noch vier Pferden und zwei Wagen im März 1945 in Lüneburg an. Als Spediteur führte Max Herzke übrigens den Haushalt von 16 anderen Flüchtlingsfamilien während der Flucht mit sich. Trotz großer Wohnungsnot kam die Familie zunächst bei Verwandten in Lüneburg unter, die Wohnung wurde jedoch von der britischen Besatzungsmacht requiriert. Die Familie lebte daraufhin für Monate im geliehenen Möbelwagen eines Kollegen am Lambertiplatz, ehe sie im Dezember 1945 erstmals ein eigenes Zimmer zugewiesen bekamen.

Die Zerstörung des Lüneburger Wasserwerkes verhalf dem Spediteur zu ersten Aufträgen: Mit seinem Fuhrwerk lieferte er Wasser aus. Bekannt und beliebt machte ihn bei der Lüneburger Bevölkerung auch der Umstand, dass er ihnen in Nacht- und Nebelaktionen half, ihre Möbel aus den vom britischen Militär besetzten Wohnungen zu transportieren. In den 50er-Jahren machte die Firma Umzüge für Flüchtlinge und ausgebombte Hamburger, die anfangs in notdürftigen Unterkünften lebten, inzwischen aber in anderen Teilen des Bundesgebietes Anstellung und Wohnung gefunden hatten, wie z.B. in der Nähe des VW-Werkes in Wolfsburg.

Sieben Jahre ohne eigenen festen Wohnsitz

Herzke lebte sieben Jahre ohne eigenen festen Wohnsitz in der alten Salzstadt Lüneburg, ehe er 1952 das im Jahre 1604 erbaute Pfarrhaus der Michaeliskirche von der Lüneburger Klosterkammer als Firmen- und Wohnsitz erwarb. Noch heute findet sich am Bürogebäude des damals 5000 qm großen Firmensitzes das Firmenlogo, das auch die Lastzüge schmückte. Nach seinem Tod 1966 übernahmen seine beiden Töchter – selbst Speditionskauffrauen – das Unternehmen und führten es erfolgreich weiter, ehe es 2003 durch die letzte Eigentümerin Ursula Gohr-Herzke stillgelegt und die Möbelwagen verkauft wurden.

Die letzten Besitzer des Traditionsunternehmens Herzke – Flüchtlingskinder – fühlten sich heimisch in der Stadt und sind nach eigenem Bekunden echte Lüneburger geworden. Herzke konnte anders als viele andere Flüchtlinge in seinem angestammten Beruf weiterarbeiten. Andere, etwa Landwirte, mussten umsatteln. Viele wechselten in das aufblühende Dienstleistungsgewerbe. Die Wurzeln der heute so lebendigen, bei Touristen beliebten, Hanse -, Universitäts- und Kulturstadt wurden nicht unerheblich durch die damaligen wiederaufstiegswilligen Flüchtlingsfamilien gelegt.

Von Eike Eckert