Montag , 5. Dezember 2022
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Foto t&w Theater Bleckede

Vor allem fehlt ihnen das Publikum

Krankheit, Corona und Kontaktverbot einerseits, Kreativität undn Zuspruch andererseits: Das Theater Bleckede ist zurzeit geschlossen, aber hinter denn Türen wird gearbeitet. Undine und Peter Andersonn schreiben neue Stücke, feilen an der Regie und decken über neue Formate nach. Natürlich ist das Geld knapp, vor allem aber vermissen die Betreiber ihr vertrautes Publikum.

Bleckede. Eigentlich ist das Theater Bleckede ein Familienunternehmen. Undine und Peter Andersonn arbeiten als Autoren, Regisseure, Theaterpädagogen und was so eine Bühne sonst noch an Berufen erfordert. Und dann sind da die Eltern von Undine, die gewissermaßen als Mädchen für alles den Rest des Hauses besorgten, also zum Beispiel die Bewirtung der Besucher. Doch weil ein Unglück selten allein kommt, wurden drei von den Vieren krank beziehungsweise hilfebedürftig. Also stand Undine Andersonn erst einmal als Theatermacherin allein da – und dann kam Corona.

Workshop, Lesung und ein Chanson-Programm

Eine Geschichte mit vielen Auf- und Abschwüngen. Vor dem ersten Lockdown gelang es Undine Andersonn noch, mit Hilfe der Amateurschauspieler den Betrieb weiterzuführen und die Inszenierungen zu übernehmen. Das Jugendtheaterstück „Mensch ich lieb dich doch“, hervorgebracht in einem Jugendworkshop, die Tandem-Lesung „Love Letters“ und das Chanson-Programm „Kann denn Liebe Sünde sein“ fanden den Weg ins Scheinwerferlicht.

Anfang 2020 erhielt das Theater eine Spende von zweitausend Euro von der Bürgerstiftung Bleckede für die Produktion „Volpone“ von Ben Jonson, übersetzt von Stefan Zweig. „Leider fiel unser Theater in Folge des finanziellen Konstruktes als GbR durch alle Förderungen“, sagt Peter Andersonn. „Auch stellte sich schnell heraus, dass die Politik von der Organisation und Finanzierung der freiberuflichen Theaterszene keine Ahnung hatte. Das hat sich zum jetzigen Zeitpunkt stark verbessert.“ Der Bleckeder Kulturausschuss wird noch über einen Zuschussantrag entscheiden, Peter Andersonn spricht von einer „grundsätzlich positiven Haltung der Stadt und ihres Bürgermeisters Jens Neumann“.

Kontaktbeschränkungen für die Schauspieler

Mit dem Ende des ersten Lockdown waren nicht alle Folgen der Pandemie beseitigt. Längst war der Zuschauerraum mit Tischen so arrangiert, dass die Hygienevorschriften eingehalten wurden. Aber die Proben fielen weiterhin aus: „Einige Schauspieler arbeiten in systemrelevanten Berufen“, so Peter Andersonn, „und bekamen deswegen vom Arbeitgeber Kontaktbeschränkungen.“ Also musste das aufwendig besetzte „Volpone“ erst einmal ausfallen, dafür wurde ein heiter-romantischer Leseabend mit vier Sprecherinnen und einer Akkordeonistin konzipiert: „Ich möchte Leuchtturm sein“ nach Wolfgang Borchert. Endproben und Premiere wären im November gewesen, das hat nun der zweite Lockdown verhindert. Nächster Termin: „Sobald wie möglich, aber nicht mehr im Dezember“.

Fast visionär wirkt der Titel einer weiteren Produktion: „Game Over“. Eine dramatische Komödie, für zwei Männer, geschrieben von Peter Andersonn. Karl und Heinz, seit dreißig Jahren brave Spieleentwickler, sitzen in einem Kellerbüro und müssen erkennen, dass sie mit der digitalen Revolution nicht Schritt halten können und jetzt vor einer großen Herausforderung stehen. Die Vorbereitungen dafür hatten bereits 2019 begonnen. Jetzt proben Hans-Jürgen Lemke und Rudi Hövermann ihre Rollen hinter verschlossenen Theatertüren. Zwei Mann auf einer geräumigen Bühne, das geht. Angepeilte Uraufführung: Februar oder März 2021.

Anträge für Filter und Film-Equipment

Natürlich fehlt Geld an allen Ecken und Kanten, zum Glück ist Undine Andersonn eine gefragte Gesangslehrerin. Aber Geld ist ja auch nicht alles. „Wir betreiben die Bühne mit viel Herzblut und das Publikum fehlt uns sehr – besonders jetzt während der eigentlichen Spielzeit“, sagt Peter Andersonn. Und: „Theater ist für uns – gerade hier im Kreis – auch ein starker sozialer Vorgang und wir kennen unser Publikum ja auch persönlich.“

Es gibt Hoffnung. Im Rahmen des Bundes-Förderprogramms „Neustart Kultur“ besuchte ein Mitarbeiter der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft (DTHG) die Andersonns. Nun sind Anträge gestellt für Desinfektion, Luftfilter und Film-Equipment, denn eine Zukunft des Theaters könnte in Video-Workshops und im Streaming-Angebot liegen. „Das war ein sehr zugewandter Mensch, „das hat uns wirklich berührt“, sagt Peter Andersonn, und: „Unsere Schauspieler sind uns alle treu geblieben, keiner hat gekündigt.“

Von Frank Füllgrabe