Montag , 5. Dezember 2022
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KulturBäckerei
Das Trio vom Theater zur weiten Welt bei den Proben zu Sarah Berthiaumes „Nyotaimori“. (Foto: t&w)

Sie sind jederzeit spielbereit

Sie wollen nicht still sitzen, auch wenn sie nicht spielen dürfen. Die freien Theater in der KulturBäckerei studieren neue Stücke ein, ohne zu wissen, wann sie gezeigt werden können. Eine Idee: Die Premiere wird ins Internet verlegt.

Lüneburg. Es gibt Traditionen, die sind komplett daneben. Zum Beispiel Nyotaimori: Auf den Körper einer nackten Frau werden Sushi platziert. Sie werden von Männern verzehrt. Heute kann man die Sache angeblich auch mit nackten Männern buchen. Wie auch immer, „Nyotaimori“ gibt es nun – ohne Nackte – als Theaterstück, und kaum verwunderlicherweise steht der Text von Sarah Berthiaume für eine aus den Fugen geratene Welt. Das Theater zur weiten Welt probt das Stück, die geplante Dezember-Premiere in der KulturBäckerei aber ist geplatzt. Jetzt haben die Theater- einen Filmemacher engagiert.

„Wir mussten uns überlegen, wie wir mit der Situation umgehen. Wir wollten nicht wieder ein Stück auf Halde legen“, sagt Raimund Wurzwallner-Becker vom Weite-Welt-Team. Nur zweimal konnten sie im Frühjahr "Raus aus dem Swimmingpool" zeigen. Nun wird erneut Termin um Termin gestrichen. Vielleicht lässt sich im Januar spielen. Aber wer weiß das schon... Darum wird "Nyotaimori" als Stream in die Welt gehen. „Live ist natürlich geiler, aber es ist auch total spannend, sich mit dem Thema Film auseinanderzusetzen“, sagt Birgit Becker. Zu zwei Drehtagen kommt der Lüneburger Filmemacher Pourya Pour in die KulturBäckerei.

Hauptfigur in „Nyotaimori“ ist die freie Journalistin Maude. Sie kann von ihrer Arbeit nicht leben, arbeitet an einem großen Dossier über Berufe der Zukunft. Sie verstrickt sich, das Thema ist zu groß, die Bezahlung zu schlecht, die Abhängigkeiten massiv, die Existenzangst gewaltig, das Verwischen von Arbeit und Freizeit beängstigend. Gleichzeitig führt das kapitalismus- und globalisierungskritische Stück um die halbe Welt, zu Autostreichlern in Japan und zu ausgebeuteten Näherinnen in Indien. Maude wird von Sophie Aouamie gespielt. Sechs weitere Rollen teilen sich Birgit Becker und Raimund Wurzwallner-Becker.

„Es ist eines der Stück, um die sich die Theater reißen müssten, aber es kennt kaum jemand“, sagt Wurzwallner-Becker. 2018 wurde „Nyotaimori“ in Montréal uraufgeführt. Vor einem Jahr kam es als Hörspiel auf Deutsch heraus. In Osnabrück gab es vor einem Jahr die deutsche Erstaufführung auf der Bühne, in Meiningen kam das Stück ebenfalls auf den Plan.

Regisseurin Laura Remmler, die wiederholt mit dem Theater zur weiten Welt arbeitet, nennt neben dem inhaltlichen einen pragmatischen Vorteil: Die kleine Besetzung bietet eine gute Möglichkeit, Abstand zu halten. Dann werfen sich Wurzwallner-Becker und Remmler beim Reden über das Stück die Bälle zu: „Es hat einen gewaltigen Schuss Humor…“ – „…und riesige Tragik…“ – …im Kleinen werden große Themen der Globalisierung verhandelt…“ – „…und es ist zugleich sehr unterhaltsam…“ – „…und poetisch…“ – „…im Sinne von magischem Realismus…“ – „…wie gemacht für diese Zeit…“ – „…die Pandemie zeigt uns ja die Globalisierung…“

Es ist also eine Menge drin, und der Termin der Streaming-Premiere steht auch: 18. Dezember, 19.30 Uhr. 24 Stunden bleibt die Produktion dann – gegen Eintritt – zu sehen, online auf www.theaterzurweitenwelt.de. Die Globalisierung hat beim Stream einen Vorteil: Die Wurzwallner-Familie kann in der Steiermark zuschauen, Sophie Aouamis Verwandte in der Schweiz, Laura Remmler kommt aus Köln, Birgit Becker aus Bremervörde. „Nyotaimori“, das Stück, soll überall schmecken.

Pläne des Schauspielkollektivs

Märchen als Umwelt-Thriller

Die Probenzeit im Theatersaal der KulturBäckerei teilt sich das Theater zur weiten Welt zurzeit mit dem Schauspielkollektiv von Thomas Flocken und Julia von Thoen. Das Schauspielkollektiv ist viel im Bereich Präventionstheater unterwegs, aber natürlich geht auch in Schulen in diesem Jahr kein Vorhang mehr hoch. Aktuell probt das Team mit Regisseur Thomas Flocken „Der Fischer und seine Frau“ als Umwelt-Thriller für Kinder und Erwachsene, wie Julia von Thoen sagt. Sie leitet mit Flocken die vor 15 Jahren gegründete freie Bühne, die außerdem Dario Fos „Obszöne Fabeln“ einstudiert. „Wenn die Theater wieder geöffnet werden, sind wir auf jeden Fall spielbereit“, sagt von Thoen. Weitere Pläne: "Bier für Frauen" von Felicia Zeller, auch spielbar in Clubs und Kneipen, sowie "Die Geschichte vom Onkelchen“, ein Tanztheaterstück für Kinder zum Thema Freundschaft und Anderssein.

Von Hans-Martin Koch