Dienstag , 6. Dezember 2022
Anzeige
Hans-Jürgen Otte
Hans-Jürgen Otte hat Jürgen Wischmeyer auf einer Tour im Oldtimer-Lkw begleitet und dabei interviewt. (Foto: NDR)

Eine Spritztour mit dem Hanomag

NDR-Moderator Hans-Jürgen Otte hat bekannte Künstler und Politiker zu Rundgängen durch ihren Heimat- oder Wohnort eingeladen. In der lockeren Atmosphäre zeigen sich die Promis überraschen freimütig.

Lüneburg. Unglaublich, aber wahr: Dirk Roßmann, Gründer der gleichnamigen Drogeriekette, hat weder Abitur noch mittlere Reife. Dennoch gelang ihm ein sensationeller Aufstieg, er baute ein Firmenimperium mit weltweit 56 000 Mitarbeitern auf. Diese und weitere Details zum Staunen und Schmunzeln offenbart das Buch „Prominenten“. Autor Hans-Jürgen Otte hat bekannte Schauspieler, Politiker und Künstler aus Niedersachsen bei Spaziergängen durch ihren Geburts- oder Wohnort begleitet. In lockeren Gesprächen ergab sich so manche Facette, die nicht in der Vita zu finden ist.

Zum Beispiel, dass der Satiriker Dietmar Wischmeyer, aufgewachsen in Oberholsten bei Melle, einen Faible für besondere Lkws hat. Daher wurde aus dem Spaziergang eine Spritztour mit einem Hanomag AL 28, zum Beispiel zur Volksschule, wo Wischmeyer das Rechnen lernte, angeblich noch mit Reichsmark. Inzwischen ist aus dem Oberholstener, bekannt auch als „Günther, der Treckerfahrer“ oder „Der kleine Tierfreund“, ein scharfzüngiger Comedian geworden, der häufig bei der „heute Show“ im ZDF aktuelle Missstände aufs Korn nimmt.

Rundgänge lockern die Gesprächsatmosphäre

Das Buch ist auf Basis einer Sendereihe auf NDR 1 Niedersachsen entstanden. Von 2015 bis 2020 hat der Journalist Otte – 13 Jahre NDR-Korrespondent für Nordost-Niedersachsen mit Büro in Lüneburg – 30 Promis auf Touren durch heimatliche Gefilde begleitet, 19 davon sind in diesem Buch zusammengefasst. Unter den Gesprächspartnern sind unter anderem der Musiker und Autor Heinz Rudolf Kunze, Altbundespräsident Christian Wulff, Ex-Spiegel-Chef Stefan Aust und Grünen-Politikerin und Atomkraftgegnerin Rebecca Harms. Auch Travestiestar Lilo Wanders, der Dirigent Ingo Metzmacher, die Drehbuchautorin Annette Hess, die frühere Bischöfin und EKD-Vorsitzende Margot Käßmann nahmen die Einladung zum Gesprächs-Walk an.

Warum ein Spaziergang? Der Autor wählte diese Form, weil „Bewegung lockert“ und das Terrain der Heimat die Erinnerung beflügelt, anders als in einem sterilen Studio, wie Otte im Vorwort erläutert. Dabei geht 68-Jährige stets auf die Wünsche seines Gesprächspartners oder seiner Gesprächspartnerin ein. So setzt er sich mit Deutschrocker Heinz Rudolf Kunze in die Bar des Theaters am Aegi in Hannover, denn der Liedermacher geht nicht gern zu Fuß. Bei einem Kaffee erfährt Otte, dass der Wahl-Hannoveraner Kunze zum Beispiel „einfaches Fernsehen“ liebt, gerne Arztserien guckt, weil er tagsüber „so schwierige Bücher liest“. Vom Streamen in Sachen Musik hält er nichts, er brauche das Objekt, habe etwa 40 000 Schallplatten und CDs zu Hause. Was sein eigenes künstlerisches Schaffen angeht, so wolle er weitermachen solange er „physisch und psychisch“ fit sei. Der heute 64-Jährige sehe überhaupt nicht ein, dass er sich selber eine Deadline setze.

Dirk „Dicki“ Roßmann

Ein weiterer Hannoveraner, der auf den Spuren seiner Vergangenheit mit Otte pilgert, ist der eingangs erwähnte Dirk Roßmann. Als Schüler war dieser eher schüchtern, wurde „Dicki“ genannt. Deutsch und Geographie mochte er, im Rechnen war er gut, insbesondere Prozentrechnung, aber Wurzel ziehen fand er unnütz und überflüssig. Gebildet sei er trotzdem, lese jedes Jahr an die 40 Bücher. Mit Schopenhauer fing es an, da war er erst 14, wie er berichtet. Früh entwickelte er eine Art Geschäftssinn. So lieferte er per Fahrrad vorbestellte Drogerieartikel aus dem Laden seiner Eltern aus, die ihm seine Mutter mit einem Rabatt überließ. In Spitzenzeiten will er dabei 5000 D-Mark erwirtschaftet haben, eine für damalige Verhältnisse (60er-Jahre) unglaubliche Summe. Doch nicht immer lief alles so glatt. Bei der Bundeswehr war Roßmann dermaßen störrisch, dass er in eine Nervenklinik gebracht wurde. Was aber auch nichts nutzte, denn wieder zurück in der Kaserne, blieb er bei der Befehlsverweigerung. Statt sein Zimmer zu säubern, zog er seine Ausgeh-Uniform an und kletterte auf den höchsten Baum des Geländes. Nach fünf Stunden wurde er heruntergeholt und mit 40 D-Mark Entlassungsgeld nach Hause geschickt.

Und so bietet jeder Beitrag nicht nur Einblicke in die Persönlichkeit, sondern auch in die jüngere Zeitgeschichte und wie diese die Protagonisten geprägt hat. Der ein oder andere Leser wird sich an den eigenen Schul- und Familienalltag oder den der Eltern oder Großeltern erinnern und staunen über die Welten, die zwischen den 50er-Jahren und heute liegen. Fazit: Unterhaltsame Lektüre, die man sich häppchenweise zu Gemüte führen kann.

Hans-Jürgen Otte, Prominenten, Olms Verlag, 192 Seiten, 19,80 Euro

Von Dietlinde Terjung