Ausschnitt aus dem Buchcover "The History of EC Comics" von Grant Geissman (rnd/dpa Taschen Verlag)

Geschichten aus der Gruft: EC-Comics neu herausgebracht

Berlin. Bestsellerautor Stephen King, Skandal-Zeichner Robert Crumb, „Krieg der Sterne“-Erfinder George Lucas und viele andere US-Prominente hatten als Kind dieselbe Leidenschaft. Sie alle liebten Comics aus dem Verlag EC. Bis Mitte der 1950er erschienen hier Kult-Reihen mit so sprechenden Titeln wie „Tales from the Crypt“ („Geschichten aus der Gruft“), „The Vault of Horror“ („Das Gewölbe des Grauens“) und „Weird Science“ („Seltsame Wissenschaft“), deren Einfluss auf die Popkultur im Rückblick als immens anzusehen ist.

Dennoch ist EC Comics heute den wenigsten Menschen ein Begriff. Nur ein einziger Titel des einstigen Bilderbuch-Imperiums überlebte unter neuem Dach bis heute: das Satiremagazin „Mad“. Der Taschen Verlag, 1980 von Benedikt Taschen in Köln gegründet, hat EC Comics dem Vergessen entrissen und einen sechs Kilo schweren, englischsprachigen Prachtband auf den Markt gebracht.

Entstehung mit Geburtsstunde des modernen Comics verbunden

„The History of EC Comics“ von Grant Geissman zeichnet in Texten und mehr als 1000 Bildern Aufstieg und Fall des bemerkenswerten Verlages nach und liefert obendrein einen Panoptikum der reißerischsten Titel. Voller sabbernder Riesenechsen, blutgieriger Zombies, grimmiger Atommutanten, Fäuste schwingender Helden und ängstlich blickender Blondinen. Dabei liefern die 592 großformatigen Seiten auch recht versierten Comic-Liebhabern viele überraschende Erkenntnisse: So zeigt Geissman auf, dass die Entstehung von EC Comics sehr eng mit der Geburtsstunde des modernen Comics überhaupt verbunden ist.

Der New Yorker Maxwell Charles Gaines ist ein verkrachter Mittdreißiger, der aus Geldnot wieder bei seiner Mutter eingezogen ist, als ihm 1933 eine geniale Idee kommt. Er schlägt seinem Arbeitgeber, einer Druckerei, vor, ein eigenes Heft nur mit Comics zu drucken. Das hat bis dahin noch keiner gemacht. Comic-Strips sind zu diesem Zeitpunkt nur als Wochenend-Beilage zu Zeitungen erschienen.

Der Band „Famous Funnies“, ein zusammengeschustertes Recycling-Produkt älterer Zeichnungen, soll als Gratis-Werbegeschenk für eine Kosmetikfirma fungieren. Bald ist klar: Für sowas kann man auch Geld nehmen. Gaines hat sich schon als Lehrer, Hausmeister, Fabrikarbeiter, Schneider und Vertreter versucht. Nun hat er mit einem Mal nicht nur ein neues Buchgenre erfunden, sondern auch zugleich das Größenformat von US-Comics bis heute gesetzt.

Gründer setzt auf Stoff aus der Bibel

Die Druckerei macht mit der Idee Kasse, setzt deren Erfinder aber bald vor die Tür. Gaines sucht sein Glück woanders. Er treibt die Idee des Comic-Heftes mit einigen Partnern voran, ist Miterfinder von „Wonder Woman“ und gründet schließlich seinen eigenen Verlag EC. Das E steht für Educational. Und tatsächlich setzt der Gründer auf Stoffe aus der Bibel. Die Glanzzeit von EC beginnt jedoch erst nach seinem Tod bei einem Motorboot-Unfall 1947.

Sein Sohn Bill übernimmt stattdessen den EC-Verlag. Bill erfindet das „Mad“-Magazin und gibt auch dem Comic-Sortiment eine völlig neue Richtung, den „New Trend“. Die neuen reißerischen Serien fallen nicht nur sehr oft durch ein besonders schockierendes Ende auf. Sie greifen auch soziale Themen auf: Rassismus, Korruption bei der Polizei oder die Gefahren von Atomenergie und Krieg.

EC gerät wie andere Comic-Verlage Mitte der 50er-Jahre ins Visier der Zensurbehörden. Amerika sorgt sich um die Moral seiner Kinder. Die Folgen sind drastisch. Worte wie „Horror“ und „Terror“ sollen von den Titeln verschwinden. Bill Gaines bringt ernstere Titel auf den Markt, sie floppen. Irgendwann will der Herausgeber den Spagat zwischen Zensur und roten Zahlen nicht mehr hinnehmen. Bis auf „Mad“ verschwinden alle Titel.

Von Christof Bock