Sonntag , 4. Dezember 2022
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Kuss Quartett
Das Streichensemble Kuss Quartett soll zu den „Sommerlichen“ nach Hitzacker kommen (rechts steht der Geiger und Festival-Intendant Oliver Wille). (Foto: privat)

Programm der Sommerlichen Musiktage steht

Das Programm steht, Künstlerinnen und Künstler sind gebucht, nun muss noch die Pandemie gehen. Die Sommerlichen Musiktage Hitzacker sollen auf jeden Fall stattfinden. Aber beim Kartenverkauf und der Detailplanung für Deutschlands ältestes Kammermusik-Festival herrscht noch Vorsicht. Fest steht: Im Mittelpunkt steht der Romantiker Franz Schubert.

Hitzacker. Der Minister sagt: „Nach menschlichem Ermessen werden die Sommerlichen Musiktage stattfinden.“ Der Vorsitzende sagt: „Wir glauben sehr stark, dass wir wirklichen stattfinden können.“ Und der Intendant sagt: „Ich kann mir nichts anderes vorstellen, als dass wir stattfinden.“ Björn Thümler, Dr. Christian Strehk und Oliver Wille sind also optimistisch für die Zeit vom 31. Juli bis 8. August. Drehen soll sich das vor 75 Jahren gegründete Festival der Kammermusik um eine Klangwelt, die viel mit „Flucht aus der Realität zu tun hat“, so Wille. Dreh- und Angelpunkt der Weltflucht ist Franz Schubert, das Festival-Motto lautet „Schubert. JETZT.“

„Die Zeiten werden schwieriger“, sagt Minister Thümler. Ob bzw. wie der Sparzwang nach der Pandemie die Kultur trifft, ist noch völlig offen. Aber das Ministerium für Wissenschaft und Kultur habe bis 2024 eine Konzeptionsförderung für Festivals aufgelegt. Das sollte Veranstaltungen wie den Sommerlichen Musiktagen zugutekommen, sie bezeichnet Thümler als "leuchtenden Stern am Kulturhimmel“.

Konzerte doppelt spielen

Als Notlösung für abstandsgerechte Aufführungen wurde 2020 die Bühne in den Mittelpunkt des großen Verdo-Saals gestellt. Die Notlösung kam so gut an, dass sie bleibt, unabhängig davon, wie viele Besucher Platz nehmen dürfen. „Wir müssen noch vorsichtig sein mit dem Verkauf von Einzeltickets, gegebenenfalls schauen, ob wir bei hoher Nachfrage Konzerte doppelt spielen können“, sagt Christian Strehk, der Vorsitzende des Trägervereins. Da das Festival seinen 450.000 Euro umfassenden Etat zu 45 Prozent aus Eigenmitteln speist, ist der Kartenverkauf immens wichtig. Das macht Strehk-Stellvertreterin Bettina Brinker deutlich.

Strehk, der über Schuberts Kammermusik promovierte, verweist auf die Homepage. Sie würde laufend aktualisiert. Auf www.musiktage-hitzacker.de findet sich nun auch das Programm. Oliver Wille wird mit seinem Kuss Quartett den Auftakt am 31. Juli übernehmen. Mit Nico and the Navigators und dem Pianisten Philipp Schulze geht es um „Franz Schubert im Hier und Jetzt“.

Genaue Zeiten für die Konzerte werden noch folgen. Die Tage stehen, die Programme und natürlich die Künstler. Wille hat wie in den Vorjahren prominente und junge Musiker geladen. Mit dabei sind Christian Tetzlaff und Antje Weithaas (Geige), die Pianisten Sir András Schiff und Lars Vogt, Cellist Mischa Maisky, Blockflötist Maurice Steger und viele mehr. Das seit 1981 bestehende Auryn Quartett wird eines seiner letzten Konzerte spielen, das Kuss Quartett ist an mehreren Tagen im Einsatz.

"Wir können nicht ohne Experimente"

Franz Schuberts Kammermusik wird in all ihren Facetten aufgeführt. Sein Liedschaffen rückt deutlich an den Rand, wird nicht zur Gänze ausgeblendet, aber: keine „Winterreise“, keine „schöne Müllerin“. Ist das dem Aerosol-Weitflug beim Singen geschuldet? Auftreten soll allerdings der Junge Kammerchor Köln – mit einem Schubert-freien Programm. Dirigent Alexander Lüken leitet auch den beliebt gewordenen täglichen Festivalchor zum Mitsingen. Zu ihm kamen in der Vergangenheit bis zu 200 Sängerinnen und Sänger. Ob die Pandemie ihn im Sommer möglich macht, ist natürlich offen.

Über Schubert hinaus spannt das Programm einen Bogen von Alter Musik bis zu einem Auftragswerk für Iris ter Schiphorst. Und „da wir nicht ohne Experimente können“, kündigt Intendant Wille an, dass Clemens von Reusner zum zweiten Mal einen elektroakustischen Parcours errichten wird.

Fortgesetzt wird die Kooperation mit der Leuphana. Aus einem Seminar zum Thema Musikmanagement würden, so Christian Strehk, Studierende nach Hitzacker kommen und das Organisationsteam um Susanne Römer unterstützen.

Von Hans-Martin Koch

Vor 75 Jahren gründeten sich die „Sommerlichen“

Offen für das Alte und das Neue

1946 lebten rund 2000 Menschen in Hitzacker. Viele kamen als Flüchtlinge über die Elbe. Unter ihnen befanden sich etliche Musiker, und im Sommer vor 75 Jahren wurde „an der Grenze des freien Deutschland eine Hochburg edelster deutscher Kultur" errichtet. Da klang noch der Kulturverständnis der Nazis durch. Der Blick weitete sich schnell über die „edelste deutsche Kultur“ hinaus. Die Sommerlichen Musiktagen öffneten sich, wandten sich besonders dem Neuen zu. Vor 70 Jahren bekamen die Musiktage mit dem Cellisten Hans Döscher ihren ersten künstlerischen Leiter. Über 20 Jahre bis zu seinem Tod schärfte er das bis heute bestehende Profil des Festivals, Altes und Neues zu präsentieren. Das älteste deutsche Kammermusikfestival überwand im Laufe der Zeit Krisen. Vor allem war es Markus Fein, dem es ab 2001 gelang, das mit dem Festival gealterte Publikum aufzufrischen, überregionales Interesse zu wecken – mit einer Fülle von Ideen, ohne den Kern zu beschädigen. Oliver Wille, seit 2015 im Amt des Intendanten, hat nun die Corona-Krise zu bewältigen. Das braucht Geduld und Ideen. Die Zeichen stehen recht gut. oc

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