Abteilung „Flucht und Vertreibung“
Das mit einfachen Mitteln hergestellte Spielzeug steht in der Abteilung „Flucht und Vertreibung“. (Foto: Museum)

Ein Spielzeug aus dem Flüchtlingslager

Das Ausstellungsstück im Ostpreußichen Landesmuseum ist zunächst unscheinbar: Ein kleines Spielzeug-Pferdchen mit einem Wagen, beides offensichtlich mit einfachen Mitteln gefertigt. Der Lehrer Rüdiger Powitz übergab es dem Museum bei einem besuch mit einer Schulklasse, es steht nun in der Abteilung "Flucht und Vertreibung" für eine bewegte Nachkriegsgeschichte.



Lesen, was Lüneburg bewegt

Sie sind schon registriert oder haben LZ+
bereits abonniert?

Sie sind neu hier?

Sie haben ein Print- oder ePaper-Abo?

Das Ausstellungsstück im Ostpreußischen Landesmuseum ist zunächst unscheinbar: Ein kleines Spielzeug-Pferdchen mit einem Wagen, beides offensichtlich mit einfachen Mitteln gefertigt. Der Lehrer Rüdiger Powitz übergab es dem Museum bei einem Besuch mit einer Schulklasse, es steht nun in der Abteilung "Flucht und Vertreibung" für eine bewegte Nachkriegsgeschichte.

Rüdiger Powitz. (Foto: privat)

Lüneburg. Das kleine handgefertigte Spielzeug, das in einem Flüchtlingslager in Dänemark entstand, bewahrte der Lehrer Rüdiger Powitz, Jahrgang 1943, lange auf, bis er es nach einem Besuch mit seiner Schulklasse dem Ostpreußischen Landesmuseum übergab. Dort erinnert es in der Abteilung „Flucht und Vertreibung“ an die bewegende Geschichte vieler Flüchtlingsfamilien, die teilweise bis 1949 in Lagern in Dänemark untergebracht waren. 250.000 von ihnen wurden über die Ostsee nach Dänemark verschifft, das zunächst noch von der deutschen Wehrmacht besetzt war. Die am 4. Mai 1945 auf dem Timeloberg in Lüneburg ausgehandelte Teilkapitulation trat einen Tag später auch für Dänemark in Kraft. Danach wurden die deutschen Flüchtlinge in Dänemark in die Internierungslager verbracht.

Da in Norddeutschland bei Kriegsende durch Millionen Flüchtlinge bereits chaotische Zustände herrschten und Wohnraum fehlte, mussten sie teilweise mehrere Jahre in den dänischen Lagern ausharren.

Rüdiger Powitz war ein Kleinkind, als seine Mutter mit ihm und den vier älteren Geschwistern im Oktober 1944 in Ostpreußen auf die Flucht ging. Die Flucht war geprägt von tragischen Ereignissen. So wurde kurz vor der Einschiffung von Gdingen nach Dänemark eine Schwester tödlich verwundet. Der Vater war zum Volkssturm eingezogen worden und geriet in russische Kriegsgefangenschaft.

Nach einer lebensgefährlichen Überfahrt mit dem Kreuzer „Leipzig“ kamen Sie Ende März 1945 als Flüchtlinge mit Ihrer Mutter und drei Geschwistern nach Apenrade (Åbenrå) und lebten dann bis 1947 im dänischen Lager Loddenhøj. Was können Sie an dort Erlebtem herauf erinnern?

Rüdiger Powitz: Ich habe keine eigenen Erinnerungen an die Zeit im Lager. Was ich aus dieser Zeit weiß, ist mir durch Erzählungen der Familienangehörigen bekannt.

Wie war der Alltag im Lager?

Auch das weiß ich nur aus Erzählungen: Das Lager war eingezäunt mit Stacheldraht, wir wurden von Dänen – bewaffnet mit Gewehren – bewacht. Wir bewohnten einen kleinen Raum. Nach und nach entstanden kleine Werkstätten im Lager, es gab einen Chor, in geringem Umfang auch Unterricht für Kinder im schulpflichtigen Alter. Die Versorgung mit Lebensmitteln war vermutlich besser als im damaligen Deutschland.

Sind dort Freundschaften entstanden, die lebenslang anhielten?

Es gab durchaus Beziehungen und Bekanntschaften, die lange Zeit angehalten haben.

Entbehrungen, Leid, Ernsthaftigkeit und Verantwortung tragen: Was glauben Sie, wie haben sich diese frühkindlichen Prägungen auf Ihren Charakter ausgewirkt?

Entbehrungen und Leid waren ja nicht endgültig vorbei mit der Rückkehr nach Deutschland im August 1947. Mein Vater konnte längere Zeit nicht in seinem Beruf arbeiten. Bis 1950 war unsere Familie zeitweise getrennt bei Verwandten oder hiesigen Bewohnern untergebracht. Erst dann konnten wir eine eigene Drei-Zimmer-Wohnung in einer Steinbaracke beziehen, die zu einem ehemaligen Munitionslager im Misburger Wald bei Hannover gehörte. Ich glaube schon, dass die Erfahrungen, die Lebensumstände, die Lebensbedingungen dieser Zeit mich ziemlich geprägt haben.

Wie wurden Sie als Flüchtlinge von Ihren Mitmenschen aufgenommen?

Es gab sowohl Hilfen und Hilfsangebote, als auch Ablehnung und Anfeindungen.

Inwieweit waren Flucht und die Unterbringung im Lager nach der Rückkehr in Deutschland Gesprächsthema in der Familie?

Natürlich war das ein wichtiges Thema; schlimm, wenn nicht darüber gesprochen worden wäre. Die Eltern haben sich trotzdem nie mit dem Tod meiner Schwester abfinden können, auch nicht mit dem Verlust ihres Zuhauses.

Wie oft haben Sie nach 1947 Ostpreußen und Dänemark besucht? Was ist aus dem Schulgebäude, Ihrem Elternhaus, geworden?

Ich war mit meinen Eltern 1959 in Dänemark, auf dem Gelände des ehemaligen Lagers. Es erinnerte nichts mehr an das Lager. Meine Eltern und meine Geschwister waren mehrmals im ehemaligen Ostpreußen, auch in meinem Geburtsort. Das dortige Schulgebäude, mein Elternhaus, stand zumindest noch 2002, als Kulturhaus des Ortes.

Sie haben als Lehrer an der Kooperativen Gesamtschule und Orientierungsstufe in Bad Bevensen gearbeitet. Wie sind Sie mit dem Thema Flucht und Vertreibung, Lagerleben und Neuanfang in Ihrem Lehrerberuf umgegangen?

Aus meiner Sicht ist die nationalsozialistische Herrschaft die Ursache für den Krieg und seine Folgen. Insofern war für mich das Thema „Flucht und Vertreibung“ im Unterricht immer auch ein Teil der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Das spielte in Geschichte, Welt- und Umweltkunde sowie Deutsch immer eine große Rolle. Wir haben mit unseren Klassen regelmäßig die KZ-Gedenkstätte Neuengamme besucht. Zumindest ich habe mit verschiedenen Klassen das Ostpreußische Landesmuseum besucht und museumspädagogische Angebote wahrnehmen können.

Vielleicht ist es meiner persönlichen Geschichte geschuldet, dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den Folgen dieser Zeit in meinem Lehrerleben immer eine wichtige Rolle gespielt hat, die ich auch versucht habe, den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln.

Natürlich ist die Situation heute eine gänzlich andere als nach dem Zweiten Weltkrieg. Erlauben Sie mir dennoch die Frage: Wie sehen Sie die Situation der heutigen Kriegsflüchtlinge? Haben Sie aufgrund Ihrer persönlichen Erfahrungen in der eigenen Familienbiografie mehr Empathie für Flüchtlinge?

Ihre Fragen bringen mich einmal mehr dazu zu versuchen, mir die Lebenssituation unserer Familie am Ende der Flucht aus Ostpreußen vorzustellen. Das gelingt natürlich nicht wirklich, aber ansatzweise vielleicht schon. Meine Mutter hat in verschiedenen Aufzeichnungen immer wieder die Ereignisse um uns herum gerade in den März-Tagen 1945 geschildert.

Aus meiner Sicht könnten diese Schilderungen inhaltlich ähnlich von einer mit ihren Kindern geflüchteten syrischen, irakischen, afghanischen, sudanesischen oder malischen Mutter geschrieben worden sein. Auch da spielt diese Ungewissheit eine Rolle, ob mit dem Boot oder dem Schiff, das man erreicht hat, wirklich die Rettung gelingt. Was ich damit sagen will: Die Situation von Kriegsflüchtlingen ist immer ähnlich. Geprägt von Leid, von chaotischen Zuständen, von Angst, von der Zerstörung von Lebensträumen und Lebensräumen.

Haben Menschen in einer solchen Situation nicht das Recht auf unsere Empathie, auf Unterstützung, auf Hilfe? Vor allem auch wegen unserer eigenen – lange kriegsfreien und wirtschaftlich vergleichsweise sorgenfreien – Situation?!

Ich glaube schon, dass ich aufgrund unserer Familienbiografie zu dieser Ansicht komme. Meine Hochachtung vor Menschen, die im Mittelmeer unterwegs sind, um Menschenleben zu retten, ist groß.

Was bedeutet für Sie Heimat?

„Heimat“ ist für mich irgendwie ein – Entschuldigung – schwammiger Begriff, mit dem ich nicht viel anfangen kann. Ich weiß, woher ich komme, welche Wurzeln ich habe. Auf die bin ich auch recht stolz, aber ist das auf eine „Heimat“ zurückzuführen? Die Erfahrungen, die ich – unbewusst – in Ostpreußen und Dänemark gemacht habe, die ich – wesentlich bewusster – in Hannover, Bad Bevensen und Donostia im Baskenland, wo ich als Lehrer an der deutschen Schule tätig war, erlebte, konnte ich dank der Mitmenschen machen und dank der Lebensumstände, die um mich herum geherrscht haben. Es gab wesentlich mehr positive Erfahrungen als negative. Das sind Orte, an denen ich mich wohl gefühlt habe – immer noch wohl fühle, ohne dafür den Begriff „Heimat“ zu verwenden. Aber ich denke, ich könnte mich an vielen anderen Orten der Welt auch sehr wohl fühlen, wenn die Lebensumstände meinen Vorstellungen entsprechen. Dazu braucht es nicht viel: Die eigene Familie in erreichbarer Nähe, ein paar gute Freunde, ein Haus oder eine Wohnung, ein Stapel Bücher, ein Stapel CDs, ein PC, ein Markt in der Nähe – reicht schon.

Von Silke Straatman

OL-Reihe (15): Vermittlung

Die Ethnologin, Musikwissenschaftlerin und Museumspädagogin Silke Straatman ist im Ostpreußischen Landesmuseum Leiterin des Aufgabenbereichs Bildung und Vermittlung.

Kommentare

Sie wollen die Kommentare unter diesem Beitrag lesen und kommentieren?
Dann werden Sie LZ+-Abonnent. Informationen zum Digital-Abo der LZ finden Sie hier.