Dienstag , 6. Dezember 2022
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Jazz-Sängerin Esther Kaiser. (Foto: privat)
Jazz-Sängerin Esther Kaiser. (Foto: privat)

Ein Schimmer im Norden

Das Projekt "Lebensklänge", von Daniel Stickan und Uwe Steinmetz für die Kirche St. Nicolai Lüneburg entwickelt, begann als Experiment: Theologische Inhalte sollten jenseits der klassischen Predigt mit einer Mischung aus Jazz und Wort als Impulsgeber erfahrbar gemacht werden. Jetzt geht die erfolgreiche Reihe in eine neue Runde.

Lüneburg. Was als Experiment begann, für die Vermittlung theologischer Inhalte neue Wege zu entwickeln, hat sich zu einer festen Institution entwickelt: Im Jahre 2012 starteten Pastor Eckhard Oldenburg, der Organist Daniel Stickan und der Saxophonist Uwe Steinmetz in der St. Nicolaikirche die Reihe "Lebensklänge": An der Nahtstelle zwischen Gottesdienst und Konzert treffen hochkarätige Jazzmusiker aller Genres auf Theologen und beleuchten gemeinsam, jeweils mit ihren Mitteln, ein vorgegebenes Thema. Am Mittwoch, 30. Juni, 20.30 Uhr, führen die Lebensklänge 2021 als Auftakt zu Erörterungen rund um "Zeitlichkeit".

Musikalischer Gast des ersten Abends von Stickan und Steinmetz ist die Berliner Sängerin Esther Kaiser. Den theologischen Impuls gibt Dr. Diederik Noordveld, Pastor von St. Johannis Lüneburg. Der Eintritt ist frei, Spende erbeten. Alle Abend beginnen um 20.30 Uhr. Die nächsten Termine:

  • Mittwoch, 7. Juli: Thema „Kontakte“, mit dem Berliner Schlagzeuger Eric Schaefer und Christine Schmid, Leitende Superintendentin des Kirchenkreises Lüneburg.
  • Mittwoch, 14. Juli: Thema „Fragmente“, mit der Berliner Harfenistin Kathrin Pechlof und Arend de Vries, Pastor und ehemaliger Vizepräsident der Landeskirche Hannover.
  • Mittwoch, 21. Juli: "Schimmer", mit Dr. Julia Koll, Pastorin in Bienenbüttel. Diesmal gestalten Daniel Stickan und Uwe Steinmetz den musikalischen Teil allein, sie schöpfen aus einem aktuellen Projekt, das sich um norddeutsche Volkslieder dreht. „Wir haben schon immer mit Neid auf die skandinavischen Länder geschaut, die so unbefangen und selbstbewusst mit ihrer Tradition an wunderbaren Volksliedern umgehen", sagt Daniel Stickan. "In Deutschland haben wir da eher ein verkrampftes Verhältnis, was aus der Geschichte auch zu verstehen ist. Dennoch gibt es unglaublich schöne Lieder und Melodien, die in einer direkten Sprache das Welt- und Selbstverhältnis von einfachen Menschen aus dem Norden, Handwerkern und Bauern zum Klingen bringen und damit von tiefen Wurzeln berichten, die wir nicht einfach abschneiden können."

Gewonnen für ihre Interpretationen norddeutscher Volkslieder haben Stickan und Steinmetz das italienische Jazz- und Klassik-Label Odradek auf einem ungewöhnlichen Weg: Die Label-Macher in der Adria-Stadt Pescara entscheiden mit einer international besetzten 50-köpfigen Jury grundsätzlich nur über anonymisierte Demotapes, selbst berühmte Jazzer wie der Kontrabassist Gary Peacock mussten diesen Weg gehen.

Gründer von Odradek ist der Pianist John Andersen, er stellt sich mit seiner Methode gegen den Mainstream. Statt möglichst prominente Namen zu vermarkten, setzen die Label-Betreiber allein auf die Überzeugungskraft der Musik. Das Duo schickte ältere Aufnahmen seiner Produktionen ein und wurde akzeptiert. Jetzt haben Stickan und Steinmetz auch den Zuschlag für ihre Volkslieder, für Klassiker wie etwa "Min Jehann" und das populäre "Dat du meen Leevsten bist".

Stickan: "Wir haben uns viele ältere Aufnahmen von Volksliedern angehört, etwa von Hannes Wader und Liederjan, die ihre Stücke mit irischer Musik anreicherten oder Textpassagen umgedichtet haben. Das war sehr inspirierend. Uns geht es nun darum, die Volkslieder in einen zeitgenössischen Jazz-Kontext zu stellen." Das Album wird in Paris gemixt und gemastert, Ende des Jahres soll es erscheinen. Der "Schimmer" in St. Nicolai wird daraus eine Hörprobe bieten.

Der auffallend unmusikalische Name Odradek stammt übrigens aus Franz Kafkas Prosatext "Die Sorge des Hausvaters" und benennt ein seltsames Rätselwesen zwischen Ding, Tier und Mensch.

Von Frank Füllgrabe

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